Der Kultur-Bahnhof Drensteinfurt

Kulturbahnhof Drensteinfurt: Jugend hat Vorfahrt - Dirk Buschmann
Kulturbahnhof Drensteinfurt: Jugend hat Vorfahrt - Dirk Buschmann
Einst eher im Vieh- und Strontianit-Transport genutzt, ist Drensteinfurt heute ein Pendlerbahnhof und Kulturschauplatz in einem.

Wer heute auf dem Bahnhof von Drensteinfurt im Münsterland aussteigt, kann sich nicht vorstellen, dass hier ein großer Güterbahnhof war und das Empfangsgebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt. Die Gütergleise sind allesamt verschwunden, und die Betonfassade mit viel Glas versteckt ein Haus, das 150 Jahre alt ist.

Eine Eisenbahn für die Hauptstadt Münster

Nachdem die „Cöln Mindener Eisenbahn“ 1843 erfolgreich gestartet war, sollte und wollte die Provinzhauptstadt Westfalens, Münster, ebenfalls an das neue Verkehrsmittel angeschlossen werden. Die Bahnstrecke wurde ab 1846 vom östlichen Stadtrand (heute der Hauptbahnhof) die Werse aufwärts bis nach Hamm verlegt, einer aufstrebenden Industriestadt im Herzen Westfalens mit Bahnstation an der „Cöln Mindener Eisenbahn“. Dadurch avancierte Hamm zum ersten Eisenbahnknoten in Westfalen, und das beschauliche kleine Drensteinfurt („Steinfurt im Dreigau“) erhielt anno 1848 einen Bahnhof – den lange Zeit einzigen an der Strecke.

Drensteinfurt erhielt diese Station in erster Linie als zentralen Umschlagplatz für den Viehhandel. Dieser gerade in den Jahren nach Bau der Bahnstrecke rasch zu, denn zur selben Zeit etablierte sich das nahe Ruhrgebiet als Industrieregion, der ernährt sein wollte. - Der Personenverkehr spielte im Vergleich zum Güteraufkommen eine untergeordnete Rolle. Vier Züge pro Tag in jeder Richtung galten damals schon als hervorragende Verbindung. 1860 wurde das Empfangsgebäude errichtet – mit Billett-Schalter, Wartesälen, Gepäckaufbewahrung und Vorsteherwohnung.

Strontianit aus dem Münsterland

Der prominenteste Fahrgast der Bahnstrecke Hamm/Münster war der Schlossherr auf Haus Steinfurt: Ignatz von Landsberg-Velen war von 1866 bis 1915 Abgeordneter des Preußischen Herrenhauses, nebenher Landrat des Kreises Lüdinghausen sowie ab 1904 Vorsitzender des Westfälischen Provinzial-Landtages. Einen Namen machte sich der katholische Zentrumsmann durch seine gemäßigte Beharrlichkeit im Kulturkampf.

Um 1875 kam der Bergbau bis nach Drensteinfurt. Beiderseits der Werse entstanden zwar keine riesigen Kohlenzechen wie an Rhein und Ruhr, aber doch über hundert Kleinbetriebe. Hundert Meter unter der Ackerkrume fand sich „Strontianit“ - ein seltenes Nitrat-Mineral, das in den Zucker-Raffinerien der Soester Börde als Katalysator (Reaktionsbeschleuniger) verwendet wurde, um der Melasse den Zuckergehalt entziehen zu können. Der Abtransport erfolgte über den Bahnhof Drensteinfurt, viele Grubenbesitzer wurden wohlhabend und bauten sich herrschaftliche Villen, die heute noch in Drensteinfurt zu bewundern sind.

Der Strontianit-Boom war heftig, aber kurz: Um 1920 gaben die letzten Minen auf. Geblieben sind diverse kleine Hügel in der Parklandschaft (Mergel-Aufschüttungen resp. Abraumhalden), die oben erwähnten Villen und die Strontianit-Straße im heutigen Industriegebiet von Drensteinfurt.

Preußischer Bahnhof als Protestantischer Betsaal

Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt der Bahnhof einen unverhofften Untermieter: In dem seit 1560 wieder katholischen Ort hatte sich eine kleine, aber aktive evangelische Gemeinde etabliert. Die Handvoll Protestanten waren natürlich finanziell nicht in der Lage, eine eigene Kirche zu errichten, also nutzten sie den Wartesaal des Bahnhofs als Betraum für ihren Gottesdienst.

Wie lange dieses Provisorium bestand hatte, weiß man heute nicht mehr. Erst 1957, nachdem der zweiten Weltkrieg viele evangelische Flüchtlinge aus Schlesien bis an die Werse vertrieben hatte, wurde eine evangelische Kirche errichtet.

Umbau zum Kulturbahnhof

Im ausklingenden 20.Jahrhundert verödete der Bahnhof mehr und mehr, da die Bundesbahn und nach ihr die Deutsche Bahn immer mehr Dienstleistungen einstellte. „Zweimal am Tag herrscht noch Leben hier“, klagte ein Zeitungsartikel anno 1998, „wenn die Schulkinder morgens aus der Umgebung ankommen bzw. nach Münster oder Hamm fahren und Mittags heimkehren. Ansonsten ist der Bahnhof eine tote Gegend.“

Zehn Jahre später hatte sich das Bild grundlegend gewandelt: Die Gütergleise auf der Westseite sind komplett verschwunden und einem Supermarkt und einer großen Park+Ride Fläche für 150 Autos und 500 Fahrräder gewichen. Angesichts von 2000 Fahrgästen pro Tag werden diese freilich auch dringend benötigt: Immerhin halten heute, 2012, werktags mittlerweile sechs Züge pro Stunde in Drensteinfurt, je drei in Richtung Nord und Süd mit Direktanbindung nach Emsdetten/Rheine sowie Gütersloh/Bielefeld, Hagen/Wuppertal/Krefeld und Soest/Paderborn: Doppelstockzüge und Flügel-Triebwagen machen es möglich.

Am meisten hat sich jedoch das Empfangsgebäude verändert: Als die 2,38 Millionen Euro teuren Sanierungs- und Umbaumaßnahmen abgeschlossen waren, war das Haus von 1860 hinter einer übergestülpten Fassade aus viel Glas und weißem Beton regelrecht abgetaucht.

In diesem Gebäude sind 2004 die Bildungs- und Kulturangebote der Gemeinde gebündet: Hier residieren die Musikschule, die Volkshochschule sowie der Jugendtreff von Drensteinfurt. Einen Namen gemacht hat sich vor allem das Spielzentrum für Gesellschaftsspiele, in dessen Räumen alljährlich im November die „Spieletage“ stattfinden. Außerdem stehen Vereinen und Verbänden diverse Veranstaltungsräume zur Verfügung.

Quelle: Denkmal-Schilder in Drensteinfurt (Bahnhof, Ev. Kirche St. Martin, Haus Steinfurt)

Internet: Westfälische Nachrichten von 2009: „Erfolgsgeschichte Kulturbahnhof“, Stadt Drensteinfurt: „Kulturbahnhof Drensteinfurt

Foto: © Dirk Buschmann

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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