
- Tiefsee-Anglerfisch - artenreichster Tiefseefisch - Theodore W. Pietsch
Die Natur hält für uns schon manch verblüffende Kreation bereit. Die erstaunlichsten Geschöpfe sind meist in der Tiefsee zu finden. Dazu gehören auch die Tiefsee-Anglerfische, oft als Tiefsee-Angler bezeichnet. Sie sind wahre Technik-Genies: Mit seiner leuchtenden Angel (Illicium) lockt der Tiefsee-Anglerfisch seine Beutetiere an. Manche Arten ködern ihre Nahrung mit leuchtenden Barteln oder Lichtauswüchsen am Rücken. Dabei ist nur das Weibchen mit Leuchtorganen ausgestattet, die männlichen Vertreter der Tiefsee-Angler haben einzig und allein die Funktion des Samenspenders. Bei den meisten Arten wachsen sie sogar an den Weibchen fest, wo sie bis zu ihrem Tod auch bleiben. Eine wahrlich innige Verbindung...
Der Tiefsee-Anglerfisch ist in vielen Variationen vertreten
Die Tiefsee-Angler (Ceratioidei) gehören zur Ordnung der Armflosser (Lophiiformes) und sind mit 13 Familien und mehr als 100 Arten die am meisten verbreiteten Tiefseefische der Welt. Sie kommen in den Tiefseeregionen Bathypelagial und Mesopelagial vor, also in Tiefen von 100 bis 6000 Metern. Sie haben sich die unwirtlichen Lebensräume der Tiefsee mithilfe von ausgeklügelten Überlebensstrategien zu Eigen gemacht. Mit erstaunlicher Raffinesse haben sich diese ungewöhnlichen Fische an die Welt der Finsternis, an den extremen Druck, die niedrigen Temperaturen und die schwierige Nahrungsbeschaffung angepasst.
Der Tiefsee-Anglerfisch jagt seine Beute nicht, sondern lauert regungslos im Wasser auf seine Mahlzeit. Vorteilhaft dabei ist die kugelrunde Körperform der Fische, was ein bewegungsloses Verharren im Wasser ermöglicht. Eine Ausnahme bildet die Familie der Gigantactinidae, deren Vertreter eine längliche Körperform haben und dadurch schneller schwimmen können. Wohl ein jeder Taucher hat den Traum, bei seinem Tauchgang eines Tages auf einen dieser faszinierenden Meeresbewohner zu treffen. Im Tauchsport hat sich der Anglerfisch den Spitznamen "Froggie" eingehandelt - er ist nicht gerade ein süßer Kuschelfisch, sondern wohl eher ein recht hinterlistiger Genosse. Er ist aber so ausgefallen und einzigartig, dass eine Begegnung beim Tauchen wohl (für beide) unvergesslich ist.
Die Angel hat eine eingebaute Taschenlampe
Namensgebend für den Tiefsee-Anglerfisch ist die nach vorne gerichtete Angel, die am Ende ein lichterzeugendes Organ besitzt, durch das Beute angelockt werden soll. Das Organ enthält Leuchtbakterien, deren Leuchtkraft durch die Zufuhr von Sauerstoff geregelt werden kann. Die Fähigkeit, Licht auszustrahlen, wird als Biolumineszenz bezeichnet. Viele Bewohner der Tiefsee verfügen über dieses raffinierte System, um entweder Beute anzulocken, als Paarungssignal oder auch um Feinde zu verwirren. Berühmtester Vertreter der Leuchttiere ist der Laternenfisch, dessen Lichtorgane 1010 Leuchtbakterien pro Quadratzentimeter enthalten, die bis zu 50 Mal in der Minute blinken.
Der Tiefsee-Anglerfisch ist sogar in der Lage, das Licht an- und abzuschalten oder seine Rute komplett einzuziehen. Hat er mit seinem Lockmanöver ein potenzielles Opfer geködert, öffnet er schnell das Maul und kippt den Unterkiefer nach vorne. Dadurch bildet sich ein Unterdruck im Rachen, wodurch die Nahrung regelrecht in den Mund gesogen wird. Aufgrund der geringen Nahrungspalette muss der Anglerfisch fressen, was er bekommen kann. Es passiert schon mal, dass sein Opfer um ein Vielfaches größer ist als er selbst. Auch hier hat die Natur für Abhilfe gesorgt: Der Magen der Fische lässt sich auf mehr als den doppelten Umfang vergrößern, was eine Verdauung von deutlich größeren Beutetieren ermöglicht.
Unterschiede ziehen sich an
Die außergewöhnlichen Tiefsee-Angler zeichnen sich durch einen extremen Geschlechtsdimorphismus aus. Dies bedeutet, dass die Größenunterschiede zwischen Männchen und Weibchen sehr ausgeprägt sind. Ein Gigantactis-Weibchen hat beispielsweise eine Länge von 40 Zentimetern, während das Männchen gerade mal 2 Zentimeter groß wird. Wahre Riesen unter den Tiefseeanglern sind die Weibchen der Rutenangler (Ceratiidae). Sie erreichen eine Länge von bis zu anderthalb Metern und bringen an die 10 Kilo auf die Waage. Die männlichen Rutenangler hingegen sind winzig und wiegen allerhöchstens 150 Gramm. Aufgrund der Größenunterschiede fiel es den Wissenschaftlern früher schwer, die skurrilen Meeresbewohner den richtigen Familien zuzuordnen. Oftmals wurden die zwergengroßen Männchen einer ganz eigenen Gattung zugewiesen.
Das Weibchen der Tiefsee-Anglerfische ist zum Anbeißen - Fortpflanzung einmal anders
Im riesigen, aber trotzdem recht leeren Tiefseeraum ist es nicht einfach, einen Geschlechtspartner aufzustöbern. Bei den Tiefsee-Anglerfischen erfolgt die Fortpflanzung nach recht eigenwilligen Gesetzmäßigkeiten. Die Männchen werden nach der Metamorphose, also der Entwicklung von der Fischlarve zum adulten Tier, sofort geschlechtsreif. Sie machen sich mithilfe ihres gut ausgebildeten Seh- und Geruchssinns auf die Suche nach einem Weibchen. Haben sie eines aufgespürt, beißen sie sich an diesem fest und lassen auch nicht mehr los. Der Kiefer bildet sich mit der Zeit zurück und das Männchen wächst tatsächlich an der Haut des Weibchens fest. Es folgt eine vollständige Reduzierung der männlichen Organe und außer der Atmung über die Kiemen übernimmt das Anglerfisch-Weibchen alle nötigen Organfunktionen.
Dieses parasitäre Zusammenleben hat den Vorteil, dass sich eine aufwendige Partnersuche zukünftig erübrigt und das Weibchen stets ihren Samenspender bei sich trägt. Manchmal wachsen auch mehrere Zwergmännchen am Weibchen fest. Das Weibchen regelt durch gezielte Hormongaben die gleichzeitige Reifung der Eier und der Spermien. Die befruchteten Eier steigen aufgrund ihres Ölgehalts an die Meeresoberfläche, wo sich aus den Eiern neue Larven entwickeln. Nun kann der außergewöhnliche und faszinierende Kreislauf aufs Neue beginnen.
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Fotonachweis: Theodore W. Pietsch und Christopher P. Kenaley (hier für ein größeres Bild klicken)
Quellen und weiterführende Informationen:
- Webseite über Anglerfische
- Frogfishes of the World, Theodore W. Pietsch, David B. Grobecker
