Der Kuss in der Malerei

Küsse als Thema in der Kunst - www.pixelio/Rike
Küsse als Thema in der Kunst - www.pixelio/Rike
Der Kuss auf Gemälden des 19. und 20. Jahrhunderts - zwischen Hingabe und Leidenschaft, Trauer und Schmerz.

Nackte Haut war in der Kunstgeschichte kein Tabu – sofern sie sich in einen allegorischen Rahmen einordnen ließ. Man denke an Rubens Urteil des Paris oder Corinths Susanna im Bade. Verzichtete der Künstler jedoch auf das Allegorie-Mäntelchen, wie dies z.B. Édouard Manet in seinem Frühstück im Grünen tat, war der Skandal vorprogrammiert.

So viel nackte Haut man im Laufe der Kunstgeschichte betrachten kann, küssende Paare sind eine Seltenheit. Der Kuss als Ausdruck von Liebe gehörte bis Mitte des 20. Jahrhunderts nicht in die Öffentlichkeit – und ließ sich mit allegorischen Darstellungen nur schwer vereinbaren. Küsse gehören zu den eher raren Sujets in der Malerei.

Theódore Géricault: Sinnliche Hingabe

Théodore Géricault, der mit seinem Grauen erregenden Historiengemälde Floß der Medusa 1818 einen Skandal provozierte, zeigte in der zeitgleich entstandenen Kreidezeichnung Der Kuss eine andere Seite seines Wesens:

Auf einem Bett sitzend hält ein Mann seine Geliebte im Arm. Sie schlingt einen Arm und seinen Hals, er hält sie fest in der Taille umschlungen. Obwohl der Körper der Frau fast zu fallen scheint, wirken beide entspannt und vertraut und ihre Lippen finden sich in einem innigen Kuss. Mit kräftigen Umrissen und weißen Höhungen skizziert und modelliert Géricault die nackten Körper. Weitgehend im Dunkeln hingegen bleibt der intime Kuss.

Francesco Hayez und John Everett Millais: Der Abschiedskuss

Der italienische Maler Francesco Hayez (1791-1882) gilt heute als bekanntester Maler der italienischen Romantik. 1859 entstand sein wohl berühmtestes Werk Der Kuss. Das Gemälde ist ein Symbol des risorgimento, der italienischen Unabhängigkeitsbewegung des 19. Jahrhunderts. Dennoch ist das Liebespaar in der Kleidung des 14. Jahrhunderts dargestellt und spiegelt damit die Mittelalterbegeisterung der romantischen Epoche wider. Hinter der innigen Umarmung und dem Kuss lässt sich eine Abschiedsszene vermuten.

Um einen Abschied – vielleicht um einen Abschied für immer – handelt es sich auch in John Everett Millais' Hugenotte aus dem Jahr 1851/52. Das präraffaelitische Gemälde zeigt eine blasse, traurige Frau und einen blaugewandeten Mann, der ihr zärtlich das Gesicht streichelt. In der Bartholomäusnacht soll der Hugenotte ein weißes Band tragen, das ihn vor der Verfolgung schützen soll. Verzweifelt versucht die Frau, den Liebsten dazu zu überreden, das Band anzulegen. Doch er, der sie fest im Arm hält, beruhigt sie und weigert sich das Abzeichen zu tragen.

Gustav Klimt: Die Glorifizierung der Liebe

Den wohl berühmtesten Kuss der Kunstgeschichte verdanken wir dem österreichischen Malers Gustav Klimt. Das 180 x 180 cm große Gemälde entstand 1907 und zeigt die Gestaltungsprinzipien des Jugendstils.

Klimts Kuss symbolisiert Verschmelzung, das körperliche und seelische Einswerden eines Paares. Isoliert stehen sie wie ein Symbol der Liebe, von den goldenen Ornamenten wie von einem Heiligenschein umgeben – die Glorifizierung der Liebe. Fest hält er ihren Kopf und ihr Kinn in seinen Händen, hingebungsvoll hat sie die Augen geschlossen. Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Dass auch diese Liebe endlich ist, zeigt der Abgrund an dem die beiden knien.

Edvard Munch: Der Kuss als Bedrohung

Vom norwegischen Maler Edvard Munch gibt es mehrere Bilder, auf denen geküsst wir. Anders als bei Klimt liegt in Munchs Kussbildern auch immer eine Bedrohung. Munch hat nie geheiratet und seine Liebschaften endeten in Verzweiflung und waren immer wieder Auslöser für schwere depressive Phasen.

Der Kuss von 1897 zeigt die Angst vor der Vereinnahmung des Mannes durch die Frau. Eine verzehrende Liebe, die zerstört. Es findet nicht wie bei Klimt eine Verschmelzung im positiven Sinne statt, sondern ein Auslöschen der Indidividualität.

Weitere Gemälde, auf denen geküsst wird:

  • Jean Honoré Fragonard: Der heimliche Kuss, um 1780
  • Henri de Toulouse-Lautrec: Der Kuss, 1892, Privatsammlung
  • René Magritte: Les amants (Die Liebenden), 1928, National Gallery of Australia
  • Roy Lichtenstein: We Rose Up Slowly , 1964, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main
  • Pablo Picasso: Der Kuss, 1969, Musée de Picasso, Paris

Quelle: Baur, Eva G.: Meisterwerke der erotischen Kunst, Köln 1995

Bild: www.pixelio.de/Rike

Ursula Kohaupt - Hineingeboren in die Generation Golf, aufgewachsen in Bayreuth und Kunstgeschichte studiert in Bamberg, Marburg & London. Danach sechs ...

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