"Der Lavagänger" – Roman einer Lebensreise von Reinhard Stöckel

Cover Der Lavagänger - Aufbau Verlag
Cover Der Lavagänger - Aufbau Verlag
Henri Helder macht sich auf den Spuren seines Großvaters - des Lavagängers - auf die Spurensuche nach der Vergangenheit der eigenen Familie

Henri Helder ist eine Pedant. Außerdem ist er Eisenbahner mit Leib und Seele, genauer gesagt, er liebt seine Arbeit als Fahrplankonstrukteur. Doch nach seinem Wechsel von der DDR Reichsbahn über die Bundesbahn zu einer erfolgversprechenden Privatbahn ist er nun wegrationalisiert worden. Seinen Job hat der GENERAL übernommen, ein Computerprogramm, das, misstrauisch von ihm beäugt, fehlerlose Fahrpläne erstellt. Seine Frau macht Karriere und verabschiedet sich gen Brüssel. Eine gute Gelegenheit für Helder also, sich auf den Spuren seines verschwundenen Großvaters auf den Weg zu machen und alte Familiengeheimnisse aufzudecken. Allerdings tut er das nicht aus eigenem Antrieb, sondern getrieben von einer hartnäckigen Erbschaft, der er sich nicht entziehen kann: Ein seltsames Paar Schuhe aus gelbem Leder, mit geheimnisvollen Schriftzeichen am Schaft, hat ihm der Großvater Hans Kaspar Brügg hinterlassen.

Der Fahrplan hinter „Der Lavagänger“

Wie eine ganze Garnrolle voller loser Fäden, so wirft Autor Reinhard Stöckel die Fäden seiner Geschichte über die Seiten seines Buches. Und dann, mit der Zeit, wird jeder einzelne Faden liebevoll aufgenommen, ausformuliert und an seinem Platz im kunstvollen Gewebe dieses Romans eingewoben. Nicht umsonst entstammen die weiblichen Ahnen des Protagonisten einer Tuchmacherfamilie und nicht umsonst auch ist Henri Helder selbst Fahrplankonstrukteur. Am Ende des Buches haben alle Fäden ihren Anschluss gefunden und der Roman endet wo er begonnen hat, bei der Goldenen Hochzeit seiner Eltern Bertram Helder und Rosa Helder geborene Brügg.

Wer nichts übrig hat, für schicksalhafte Wendungen, die sich in haarsträubenden Zufällen ausdrücken, der sollte „Der Lavagänger“ besser nicht in die Hand nehmen. Wer sich aber gerne verführen lässt von geheimnisvollen Zeichen, die sich letztlich zum Panorama einer Familiengeschichte entwickeln, eingebettet in die Weltgeschichte vom Ersten Weltkrieg über die Vertreibung und Ermordung der Armenier in der Türkei, den Zweiten Weltkrieg und das Naziregime, die DDR bis hin ins heutige, wiedervereinte Deutschland und die mehr geträumte als erlebte Südsee, der wird dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen, bis das letzte Geheimnis gelüftet, der letzte haarsträubende Zufall erzählt und der letzte der anfangs ausgeworfenen Fäden seinen festen Platz im Fahrplan dieses Buches gefunden hat.

Der Lavagänger Hans Kaspar Brügg

Um ihn vor dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu bewahren hat Arno Brügg seinen Sohn Hans mit in die Türkei genommen, wo er, auch er schon ein Eisenbahner, sich für den Bau der Bagdadbahn beworben hat. Hier findet Hans seine große Liebe, die Armenierin Siyakuu, die er in den Wirren der Armenierverfolgung wieder verliert. Zurück in Deutschland, verheiratet, wieder Eisenbahner in einem gesicherten Leben, verschwindet er plötzlich. Warum? Um seine erste Liebe zu finden? Oder weil er einen Polen im Schuppen versteckt hatte und die Verfolgung durch die Nazis fürchtet?

Viele Fragen werden aufgeworfen in „Der Lavagänger“ und beileibe nicht alle werden schnell beantwortet. Aber, das darf versprochen werden, keine bleibt unbeantwortet, mit Ausnahme vielleicht der Frage nach dem Sinn des Lebens. Aber das Leben wird zumindest leicht. Für einen Augenblick nur für Henri Helder, für den Leser aber solange er sich der Magie dieses Buches hingibt.

Reinhard Stöckel: Der Lavagänger. Aufbau Verlag, 2009. Taschenbuch, 376 Seiten, Euro

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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