
- Der letzte Exorzismus - Kinowelt
Das Horrorfilmdebüt des Regisseurs Daniel Stamm wurde produziert von Eli Roth, der für drastische Schocker wie „Hostel“ oder „Cabin Fever“ bekannt ist. Dagegen ist „Der letzte Exorzismus“ ein überraschend subtiler und intelligenter Horrorfilm, der auf Charaktere statt Terror setzt. Wie die modernen Horrorfilmerfolge „Rec“ und „Paranormal Activity“ ist „Der letzte Exorzismus“ ganz aus der subjektiven Kameraperspektive gefilmt und aufgemacht als Dokumentation. Thematische Anleihen nimmt der Film bei Klassikern wie „Der Exorzist“ und „The Wicker Man“.
Inhalt: Der letzte Exorzismus entwickelt sich zum Horrortrip
Reverand Cotton Marcus (Patrick Fabian) hat das Aussehen und das Auftreten eines Filmstars und ist sich seiner Wirkung durchaus bewusst. So schmuggelt er schon mal ein Rezept für Bananenkuchen in seine mitreißenden Predigten ein, nur um zu zeigen, dass er es kann. Cotton ist seit seiner Kindheit im Familienbusiness tätig und kennt alle Tricks. Für ihn ist es ein Job, der seine Familie ernährt. Aber langsam ist ihm der Glaube abhanden gekommen. Er will der Öffentlichkeit zeigen, mit welchen Tricks seine Branche arbeitet.
Mit einem Filmteam fährt er nach Lousiana, wo der Farmer Louis Sweetzer (Louis Herthum) glaubt, dass seine Tochter Nell (Ashley Bell) von einem Dämon besessen ist. Cotton führt einen Exorzismus mit dem üblichen faulen Zauber durch und will abreisen. Aber wider Erwarten verschlechtert sich Nells Zustand. Der Vater verlangt, dass Cotton einen zweiten Exorzismus durchführt, ansonsten will er seine Tochter erschießen, um sie von dem Dämon zu befreien. Cotton vermutet eine schwere psychische Störung und sucht verzweifelt nach der Ursache. Hütet die Familie ein düsteres Geheimnis oder ist Nell tatsächlich besessen? Sein letzter Fall stellt Cottons gesunden Menschverstand und seinen Glauben auf die ultimative Probe.
„Der letzte Exorzismus“: Vielschichtige Charaktere und gute Schauspieler
Das Horrorgenre setzt gerne auf optische Effekte und wuchtige Dramatik und vernachlässigt die Charaktere, die meist über eindimensionale Schwarz-Weiß Zeichnung nicht hinauskommen. „Der letzte Exorzismus“ ist eine positive Ausnahme. Das Drehbuch schafft glaubwürdige, lebensechte Figuren mit psychologisch fundiertem Hintergrund. Dank der großartigen Darsteller kann der Zuschauer die Charaktere nicht eindeutig in Gut oder Böse einordnen. Ist Louis Sweetzer ein religiöser Fanatiker oder ein verzweifelter Vater? Die Drohungen des milchgesichtigen Bruders (Caleb Jones) traut man ihm durchaus zu. Ist Nell ein Fall für die Psychiatrie oder von einem Dämon besessen? Ashley Bell strahlt in einem Moment kindliche Unschuld aus, im anderen eine verstörende Sexualität und Bösartigkeit. Wie sie ihren Körper verdrehen kann ist beeindruckend und Furcht einflößend. Patrick Fabian wächst dem Zuschauer ans Herz als desillusionierter Prediger, der sich trotz Zynismus sein Mitgefühl erhalten hat.
„Der letzte Exorzismus“: Übernatürlicher Horror oder Psychodrama?
Das Wissen, dass es sich um einen Horrorfilm handelt, beeinflusst die Erwartungshaltung des Zuschauers. Die werden aber lange Zeit nicht erfüllt. Stattdessen beginnt der Film als satirische Dokumentation auf den christlichen Fundamentalismus amerikanischer Ausprägung im Besonderen und die Leichtgläubigkeit der Menschen im Allgemeinen. Reverend Cotton entlarvt sein Metier als Geschäft, zu dem auch der Exorzismus gehört. Was schlichte Gemüter als Besessenheit interpretieren, hat medizinische und psychologische Ursachen, das Ritual der Austreibung wirkt, weil Menschen daran glauben wollen. Mit diesem Tenor nimmt der Reverend den Zuschauer mit zu seinem Fall. Gemeinsam mit dem Reverend sucht der Zuschauer nach der rationalen Erklärung für Nells Zustand. Aber es gibt zunehmend Irritationen und beunruhigende Momente, die eine übernatürliche Erklärung zulassen. Es gelingt dem Film, Zuschauer und Protagonist sehr lange im Zweifel zu lassen, ob es sich um ein Psychodrama oder übernatürlichen Horror handelt, bis er sich mit einem eindeutigen Ende festlegt.
„Der letzte Exorzismus“: Subtiler Psychohorror statt Schockeffekt-Orgie
Wer einen typischen Horrorfilm erwartet, wird bei „Der letzte Exorzismus“ nicht auf seine Kosten kommen. Der Film verzichtet weitgehend auf Spezialeffekte und setzt Schockelemente sparsam ein. Fast 40 Minuten dauert es, bis sich die satirische Dokumentation zu einem Horrorfilm wandelt und die Stimmung vom Lachen zum Horror umschlägt. Das spannende Finale löst alle vorher gemachten Andeutungen ein und überrascht trotzdem mit einer unerwarteten Wendung. Aber es zerstört auch den bisherigen zurückhaltenden Grundton des Films und klotzt mit einem eindeutigen und konventionellen Ende. Trotzdem ragt der Film aus dem Genre positiv heraus, indem er über weite Strecken Klischees vermeidet, auf gute und unverbrauchte Schauspieler und auf Ambivalenz statt Eindeutigkeit setzt.
Der letzte Exorzismus. USA 2009. Regie: Daniel Stamm. Kinowelt. Länge: 87 Minuten, Deutscher Filmstart: 30.9.2010
