"Der letzte schöne Herbsttag": Interview mit Ralf Westhoff

Der letzte schöne Herbsttag, Kinoplakat, Westhoff - X-Verleih
Der letzte schöne Herbsttag, Kinoplakat, Westhoff - X-Verleih
Der Münchner Regisseur und Drehbuchautor beantwortete in Berlin Fragen zu seiner neuesten Komödie, die den Erhalt der Liebe thematisiert.

Endlich einmal wieder ein lustiger und liebenswerter Beziehungs-Film im Kino, für den sich der Eintritt lohnt! „Der letzte schöne Herbsttag“ bedeutet in Süd-Deutschland etwas Besonderes zu unternehmen, bevor der Winter anbricht, z.B. eine gemeinsame Wanderung in die Berge. Dieser Wunsch kann innerhalb einer Beziehung zu heftigen Diskussionen führen, um die es sich hauptsächlich in Ralf Westhoffs zweiten Spielfilm nach „Shoppen“ (gewann die Publikums-Preise beim Festival des deutschen Films in London und in Paris, sowie den Bayerischen Filmpreis für das beste Drehbuch und die beste Nachwuchsregie) dreht.

Julia Koschitz und Felix Hellmann spielen die Hauptrollen

In Großstädten wie München ist es wesentlich schwieriger, einen passenden Partner für sich zu finden, als es das auf dem Land ist, da man in der Betonlandschaft schneller in Anonymität versinkt und dort andere Werte gelten als in kleineren Gemeinden. Deshalb kämpft man als Paar in der Großstadt um so mehr füreinander, auch wenn man nicht unbedingt optimal zusammen passt, oder auch gerade darum wie füreinander geschaffen ist. Claire (Julia Koschitz, „Shoppen“) und Leo (Felix Hellmann, „Shoppen“) leben solch eine komplizierte Beziehung, die hauptsächlich ausdiskutiert wird – und das oft direkt in die Kamera hinein. Der Zuschauer als Gesprächspartner fällt dadurch des öfteren in eine Rolle des Paar-Therapeuten, der am liebsten wertvolle Partnerschafts-Tipps an die um ihre Liebe kämpfenden Protagonisten weitergeben möchte – doch auch überzeugte Singles werden durch die Dialoge und Handlungen aus „Der letzte schöne Herbsttag“ in ihrer Entscheidung des einfacheren und wesentlich unkomplizierteren Daseins bestätigt und schenken dem Film-Paar deshalb nur ein müdes Lächeln für deren Mühe.

Autor Martin Döringer befragte Regisseur und Drehbuchautor Ralf Westhoff, der seinen abendfüllenden Spielfilm neben zwei textsicheren Theater-Schauspielern kontrastreich mit harmonisch herbstlichen Details, Locations und Farbzusammenstellungen ausstattete, zu „Der letzte schöne Herbsttag" im Hotel Myers in Berlin.

MD: Wann sollte man aufhören, um eine Beziehung zu kämpfen?

Regisseur Ralf Westhoff: „Da würde ich mich jetzt als Beziehungsberater komplett überheben. Das, glaube ich, muss jeder für sich selbst entscheiden. Was ich mit ‚Der letzte schöne Herbsttag‘ bezwecke, ist, genau diese Fragen zu stellen: ‚Lohnt es sich vielleicht nicht doch, sich zu bemühen? Hat es nicht doch viel mit Achtsamkeit zu tun?‘ und all das. Dieser Film ist eine Plattform und Projektionsfläche, weil das Thema Beziehung in einer offenen Dramaturgie verhandelt wird, so dass man sich als Zuschauer selber genau diese Frage stellen und beantworten kann.“

MD: Ist eine Beziehung einzugehen, wie ein Wettbewerb, dem man sich aussetzt?

Regisseur Ralf Westhoff: „Mit dem Begriff ‚Wettbewerb‘ kann ich in diesem Zusammenhang nicht viel anfangen. Ich finde das schon sehr gut, dass meine Hauptfiguren in ‚Der letzte schöne Herbsttag‘ anstrengend sind, sich aufeinander einlassen und nicht sofort den Partner tauschen. Das rechne ich den beiden Figuren hoch an. Die Akzeptanz, dass eine Beziehung zu führen anstrengend ist, anstrengend sein darf, ist auf jeden Fall eine Herausforderung.“

MD: Man hat ein bisschen das Gefühl, die beiden Figuren passen nicht wirklich zusammen, aber können auch nicht ohne einander...

Regisseur Ralf Westhoff: „Die beiden haben eben ihre Schwierigkeiten. Sie erzählen über den anderen – das ist ein bisschen wie ‚cineastische Paar-Therapie‘: sich dadurch selbst besser zu verstehen, sowie den Partner besser zu verstehen.“

MD: Wie sind Sie denn auf die Idee mit den Karotten-Kostümen gekommen?

Regisseur Ralf Westhoff: „Fasching ist etwas, das unglaublich spaltet! Für die einen ist Fasching das größte Vergnügen und andere können mit Fasching überhaupt nichts anfangen. Fasching war für mich ein schönes Beispiel, um diese zwei Welten zu zeigen, die in ‚Der letzte schöne Herbsttag‘ aufeinander prallen: sie freut sich wahnsinnig darauf, Kostüme auszuprobieren und mit ihm zusammen den Fasching bereits vor zu feiern, doch ihm fehlt völlig dieses ‚Faschings-Gen‘. Er sieht, dass sie getroffen wäre, wenn er es nicht mitmachen würde, weil sie extra diese Kostüme nähte. Zusammen Spaß haben ist auch sehr schwierig, wenn jeder darunter etwas anderes versteht. Das wollte ich mit dieser Szene zeigen.“

MD: Ist es Ihrer Meinung nach in Großstädten wie München schwieriger, einen passenden Lebenspartner zu finden, als auf dem Land?

Regisseur Ralf Westhoff: „Diese Frage passt eher zu meinem ersten Film, weil es in ‚Shoppen‘ um Partnersuche und auch um die Austauschbarkeit bei der Partnersuche ging, z.B. dass man wirtschaftliche Kriterien auf die Wahl des Partners anwendete, so wie beim Einkaufen. Man sagt ‚Ich will, dass bestimmte Kriterien erfüllt werden‚. Wenn man in der Stadt lebt, ist natürlich die Auswahl größer. In meinem neuen Film ‚Der letzte schöne Herbsttag‘ geht es darum, wie es gelingen kann, von der ersten Verliebtheit in den zweiten Teil der Liebe zu kommen und wie man es am besten schafft, eine dauerhafte Beziehung zu führen, unter all diesen Schwierigkeiten, die es zu bewältigen gibt. Beide Partner haben Kanten und Ecken, und passen vielleicht nicht sofort optimal zusammen. ‚Der letzte schöne Herbsttag‘ ist ein Gegenentwurf zu ‚Shoppen‘.“

MD: Wie unterscheiden sich ihrer Meinung nach deutsche Beziehungskomödien von ausländischen Produktionen dieses Genres?

Regisseur Ralf Westhoff: „Oh, das ist eine ganz gefährliche Frage, weil dieser Begriff Beziehungskomödie so unglaublich strapaziert ist. Durch die offene Dramaturgie meines Filmes ‚Der letzte schöne Herbsttag‘ wird zwar nicht soviel gezeigt, sondern wahnsinnig viel erzählt. Mein Film entsteht ein Stück weit mehr im Kopf des Zuschauers, weil man natürlich weiß, dass das Erzählte der beiden Figuren interpretiert ist. Der Zuschauer baut sich daraus ein eigenes Bild. Das war für mich eine Herausforderung und ein sehr spannendes Experiment! Ich hätte keine Lust gehabt, mich in eine Schlange von deutschen oder amerikanischen Beziehungskomödien einzureihen, sondern ich wollte einen eigenen Film machen. Ich habe keine Vorbilder und bemühe mich sehr, etwas Eigenständiges zu erschaffen. Gerade im Indie-Bereich sind auch grandiose amerikanische Drehbuchautoren unterwegs, die ihren Fokus sehr aufs Schreiben fixieren. Aber meine Einflüsse müssen aus dem Leben kommen, nicht aus dem Film.“

„Der letzte schöne Herbsttag“ startet bundesweit am 11. November 2010 im Verleih der X-Filme Creative Pool

Döringer, Martin, (c) Marlonski

Martin Döringer - Martin schreibt nicht nur Online-Reviews, sondern moderierte/interviewte live bei Radio-ALEX und stellte TV-Clips her, diente dabei ...

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