
- Eisbär Knut - Adele Sansone
"It takes two to make love" könnte man es betiteln und uns nach der Eisbärin die Rolle ansehen, die der männliche Eisbär bei der Fortpflanzung spielt.
Die Reproduktionsbiologie der Eisbären wird vor allem durch die begrenzte kurze Paarungszeit und die verzögerte Einnistung des befruchteten Eis geprägt. Durch die lange Stillzeit ergibt sich ein langer Zwischengeburtsintervall (3 Jahre)
Die Entwicklung des Eisbären vom Jungen zum ausgewachsenen Tier
Wenn die Eisbärmutter erstmals mit ihren Jungen die Geburtshöhle verlässt, ist es meist Ende März, Anfang April. Die Jungen sind dann bereits 10 bis 15 kg schwer, etwa 3 Monate alt. Die ersten Tage lässt sie die Jungen nahe dem Höhleneingang spielen, während sie sich in der Sonne wärmt. Diese Zeit, bis zu 14 Tage, ist für die Entwicklung der Jungen wichtig. Auch für die Anpassung an das Klima und das aktuelle Wetter, das neue Medium Schnee. Sie werden von der Mutter auch nachdrücklich ins Freie befördert. Die Kleinen nehmen Eis- und Schneeklumpen ins Mäulchen, werfen damit, verfolgen die Klumpen, raufen damit. Sie richten sich auf, tauschen kleine Prankenhiebe aus, täuschen Scheinangriffe vor - kurz - sie üben "Eisbär sein".
Ab etwa 4 Monaten beginnen sie bereits von der ersten Beute zu fressen. Die Kombination von Muttermilch und Robbenspeck sorgt für schnelles Wachstum. Nach 8 Monaten wiegt ein Eisbär schon fast 50 kg und startet seine ersten Jagdversuche. 24 - 28 Monate verbleibt ein Jungtier bei der Mutter. Die Geschlechtsreife erreicht ein männlicher Eisbär im Alter von 4 bis 7 Jahren, ausgewachsen ist er jedoch erst mit 10, 11 Jahren. Dann allerdings zu einer stattlichen Größe von etwa 3 Metern und in der guten Futterzeit bis 1.000 Kilo schwer.
Man hat beobachtet, dass sich männliche Jungtiere gelegentlich zu kleinen Gruppen zusammen finden.
Was ihre Überlebenschancen erhöht, wenn sie gemeinsam jagen und sich die Beute teilen.
Der männliche Eisbär in der Zeit der Deckungsbereitschaft
Der Östrus, die Zeit erhöhter sexueller Aktivität und damit verbunden die Empfängnisbereitschaft des Weibchens, liegt in der Zeit April/Mai und liegt bei einer Dauer von etwa 6 Wochen. Diese Zeit zeichnet sich durch eine gewisse Unruhe aus, Muttertiere vertreiben ihre herangewachsenen Jungen, auch um sie vor den ausgewachsenen Männchen zu schützen.
Die solitären Tiere beginnen herum zu wandern, auf der Suche nach passenden Partnern. Das Anschlussbedürfnis steigt, der Appetit sinkt. Männchen markieren deutlich ihre Routen, die Weibchen setzen mit ihrem Harn ebenfalls Zeichen.
In dieser Zeit sind die männlichen Eisbären auf der Suche nach deckungswilligen Weibchen, wobei männliche Jungtiere immer noch kleiner und schwächer sind als erwachsene Weibchen.
Die Männchen folgen einem Weibchen bis zu 10 Wochen lang, die in dieser Zeit auch die unmittelbare Nähe des Männchens dulden. Manchmal folgt einem Weibchen eine kleine Karawane von männlichen Tieren, die in geziemenden Abständen voneinander bleiben. So kommen auch Jungbären zum Zug, die sich keinesfalls auf Rivalitätskämpfe mit ausgewachsenen Eisbärmännchen einlassen dürfen.
Der Paarungsakt der Eisbären
Eisbären kopulieren mehrfach hintereinander. Wissenschaftler vermuten, dass der Eisprung erst durch eine bzw. mehrere Paarungen ausgelöst wird. Die Männchen besitzen einen etwa 20 Zentimeter langen Penisknochen, der eine Koitusdauer von zehn bis 40 Minuten erlaubt. Die Hodenmasse nimmt während der Paarungszeit zu.
Über das Einsetzen des Eisprungs herrscht noch Uneinigkeit. Die eine Theorie besagt, dass das Weibchen mit Hilfe des Penisknochen so stimuliert wird, dass daraufhin der Eisprung einsetzt. Eine andere Theorie lautet, dass der Eisprung von der Masse der Eisbärin abhängig sei. So unterbleibt der Eisprung bei zu fetten Tieren.
Nach der Paarungszeit treten die Tiere wieder ihr Einzelgängerleben an.
Das befruchtete Ei „wartet“ im 64-Zellstadium am Ende des Eileiters. Erst wenn die Weibchen ausreichend Fettreserven gebildet haben, um die Schwangerschaft und die Kräfte raubende Stillzeit zu überstehen, nistet es sich im September/Oktober in die Gebärmutter ein.
Der männliche Eisbär als potenzielle Gefährdung vom Nachwuchs
Es wird immer wieder von Tötungen des Nachwuchses durch erwachsene Männchen berichtet, was der Erhaltung der Art eigentlich widerspricht. Nicht die Erhaltung der Art, sondern "der Gen-Egoismus, die Weitergabe eigener Erbanlagen", ist die treibende Kraft im Tierreich, nimmt man derzeit an. Wenn ein Männchen fremde Jungtiere, die noch gesäugt werden, tötet, wird das Weibchen in kurzer Zeit wieder paarungsbereit. Auch bei Eisbären: Ein Weibchen, das seine Jungen verliert, kommt noch im selben Frühjahr in die „Hitze“. Bei erfolgreicher Aufzucht liegt das Geburtenintervall dagegen bei mindestens drei Jahren.
Allerdings soll ein Männchen genau wissen, mit welchen Weibchen es sich gepaart hat. Da sich ein Weibchen, wie man mit moderner Forschungshilfe wie Radar fest gestellt hat, gerne mit einer Vielzahl an Männchen bereitwillig paart, stellt das für ihre kommenden Jungen auch eine Art Rückversicherung dar. Denn diese Bärinnen haben vor ihnen nichts zu befürchten, auch wenn die Jungen einen anderen genetischen Vater haben. (Derzeit noch eine Hypothese, es laufen Untersuchungen dazu)
Die Gefahr der Kindstötung ist in der Theorie glücklicherweise größer als in der Praxis. Derzeit berichtet man von nachweislich 3 dokumentierten Fällen. Aus der Sicht der Bärin sieht die „Rechnung“ ganz anders aus. Sie hat ihre Gene bereits vervielfältig und will ihren „Erfolg“ nicht gefährden. Daher machen Bärinnen mit Jungen im Frühjahr, also in der Paarungszeit, stets einen großen Bogen um geschlechtsreife Männchen, bewegen sich mit ihren Jungen im arktischen Sommer mehr im Land, während die Männchen sich eher in Küstennähe aufhalten. So weichen sie den gefahrvollen Begegnungen mit männlichen Eisbären aus.
Auch so ist die Sterblichkeit von nahezu 50 Prozent bei den Jungtieren erschreckend hoch.
Der arktische Winter und die Winterruhe
Im Gegensatz zu den tragenden Weibchen halten die männlichen Tiere keine Winterruhe. Während sich die trächtigen Weibchen in ihre Geburtshöhlen vergraben, oder sich mit ihren Jungen zumindest zeitweise zurück ziehen, streift das männliche Tier als Einzelgänger umher.
In der eisfreien Periode im Sommer, wo das Territorium den Bären unter den Füßen weg schmilzt, durch die Erderwärmung noch mehr als bisher und daher Nahrungsengpässe entstehen, können die Tiere jederzeit in einen winterruhe-ähnlichen Zustand übergehen. Dann finden sich auch größere Gruppen der sonst solitär lebenden Tiere zum gemeinsamen Fasten zusammen. (Alaska-Churchill-Hudson Bay, Waspusk-Nationalpark, russische arktische Inseln) Eisbären werden 25 bis 30 Jahre alt.
Quellennachweis: Tobias Knauf, Vergleichende Studien zur Reproduktionsbiologie bei Großbären, 2006, Dissertation FU Berlin
weiter führender Artikel: Die Abstammung der Eisbären
