
- Berglandschaft mit Kasbahs - Julia Kuzmina
Mit dem Auto sind es fünf Stunden, mit dem Bus sechs. Von Marrakesch geht es direkt nach Süden, um in den Hohen Atlas zu kommen, das Land der Berber.
Fels und Stein soweit das Auge reicht
Vor der Fahrt mit dem Bus wird man von Einheimischen grinsend angewiesen, sich mit einem nüchternen Magen auf den Weg zu machen. Spätestens wenn die Asphaltstraße von Marrakesch in eine Kurve abbiegt und man plötzlich ein ganzes Panorama von Tal, Berg und Stein erblickt, durch welches sich die Straße schlängelt, weiß man warum. Atemberaubend ist die Landschaft. Es ist erstaunlich, dass jeder Felsen eine eigene Farbe hat – braun, beige, grau, gelb, überwiegend jedoch rötliches braun. Jeder Felsen hat eigene Struktur und Form – manche ähneln einem Stoff, der in Falten gelegt ist, die anderen erinnern an Tiere oder Menschen oder haben bizarre Formen, die keine Fantasie ausmalen kann. Nur selten sieht man Grün – karg und dürr ist die Landschaft im grellen Schein der Bergsonne, die wie eine weiße Kugel im azurblauen Himmel strahlt.
Kasbahs – die Kronen des Hohen Atlas
Je weiter nach Süden, umso häufiger sieht man majestätische Bauten, die hoch oben auf einzelnen Felsen stehen. Sie erinnern an viereckige Burgen, mit kantigen spitzen Wachtürmen an den Ecken und mit winzigen Fenstern. Wie Kronen schmücken sie die Felsen. Sie haben genau dieselbe Farbe wie die Berge, auf denen sie stehen, so dass man das Gefühl hat, sie sind aus der Tiefe des Gesteins gewachsen – die Kasbahs. Diese Gebäude sind fast ohne Ausnahme Denkmäler der traditionellen berberischen Architektur und Zeugen der bewegten Vergangenheit dieses Volkes, die viele Kämpfe um die Unabhängigkeit, viele Siege, aber auch Niederlagen kennt.
Tifinagh – das uralte berberische Alphabet
Oft sind die Wände der Kasbahs mit kryptischen Zeichen geschmückt, die aussehen wie die Schriftzeichen der alten Phönizier. Das sind die Buchstaben des berberischen Alphabets, genannt Tifinagh. Erstaunlich, berberische Kultur verfügt über ein eigenes Alphabet, dessen Wurzeln um 300 v. Chr. liegen, und in Europa hat man meist noch nie davon gehört. Man hält das Wort „Tuareg“ für ein Automodell und ahnt nicht, dass Tuareg in der Wirklichkeit ein berberischer Stamm sind, dessen Mitglieder in leuchtendes Blau gekleidet die Wüste durchqueren.
Der „Arabische Frühling“ bringt Durchbruch für Tamazigh
Diese Unwissenheit in Europa ist trauriges Ergebnis der Politik der marokkanischen Könige. Diese Politik sah vollständige Arabisierung der berberischen Bevölkerung vor, berberische verbat traditionelle Musik. Diese Politik wollte das Tifinagh ad acta legen, ja die Existenz der berberischen Sprache leugnen. Heute noch kann man in vielen Reiseführern durch Marokko lesen, Berberisch sei ein „arabisches Dialekt“. Dabei gehören diese Sprachen noch nicht einmal derselben Sprachfamilie. Erst der in den Nachbarländern Tunesien und Ägypten ausgebrochene „Arabische Frühling“ hat den König Mohammed VI. zum Umdenken dieser Politik bewegt, geraten doch die Berber mit ihrem unbändigen Freiheitsdrang besonders schnell in Aufruhr. Es wurden Reformen eingeleitet, die schon längst überfällig waren. Ein wichtiger Teil davon, der als zukunftsweisend bezeichnet werden kann, ist die Einführung des berberischen Alphabets Tifinagh und des Unterrichts in der Berbersprache Tamazigh in den Grundschulen in den ländlichen Gegenden, wo fast jeder Berberisch Muttersprache nennt. Das Programm hat im letzen Jahr gestartet. Jetzt hat das berberische Volk die Hoffnung, eigene Kultur nicht nur in Form von Hörensagen, sondern über die Schule an ihre Kinder weiter zu geben.
