Er gilt als Sohn des sagenhaften fränkischen Königs Merowech und ist der erste historisch nachweisbare Merowinger: Childerich I. Als fränkischer König und römischer Offizier zugleich, residierte er in Tournai und war Verwalter der Provinz Belgica secunda. Gemeinsam mit den Römern kämpfte er gegen Goten, Sachsen und Alanen. Die schriftlichen Quellen berichten recht spärlich über das Leben Childerichs. Der Geschichtsschreiber Gregor von Tours und der Chronist Fredegar berichten lediglich über die Zeit seiner Verbannung ausführlicher. Gregor von Tours schreibt: „Childerich aber, der dazumal über das Volk der Franken herrschte, ergab sich fesselloser Unzucht und fing an, ihre Töchter zu missbrauchen. Darob ergrimmten die Franken gegen ihn und nahmen ihm die Herrschaft. Und als er in Erfahrung brachte, dass sie ihn töten wollten, machte er sich davon und ging nach Thüringen.“
Erst acht Jahre später durfte Childerich mit seiner Frau Basina zurückkehren und herrschte als König der Franken bis zu seinem Tod im Jahr 481/482 n. Chr. Sein Sohn Chlodwig I. erkannte als erster fränkischer König den christlichen Glauben an und ließ sich taufen. Er unterwarf sämtliche Teilkönigreiche der Franken und zahlreiche Stämme der Germanen und gilt als der Begründer des Frankenreichs.
Das Grab Childerichs I.
Ganz zufällig kam im Jahr 1653 bei Bauarbeiten im Stadtgebiet von Tournai das Grab des fränkischen Königs zum Vorschein. Mit prunkvoller Kleidung geschmückt und mit zahlreichen Beigaben lag der König in einem einfachen Holzsarg. Das Grab enthielt auch einen Frauenschädel sowie Nadeln und eine Kristallkugel, welche für gewöhnlich Frauen mit ins Grab gelegt wurden. Ob es sich dabei allerdings um Childerichs Frau Basina handelte, kann nicht mehr geklärt werden. Bei weiteren Ausgrabungen zeigte sich, dass Childerich I. neben seinem Pferd unter einem Grabhügel begraben worden war, zudem wurden in der Nähe des Hügels weitere 21 Pferdegräber entdeckt. Im weiteren Umfeld des Grabes wurden schließlich noch weitere Gräber gefunden, die allerdings alle jüngeren Datums waren und keine Angehörigen des Königs enthielten. Die uneinheitliche Anordung der Gräber deutet auf einen städtischen Friedhof hin, welcher erst nach Childerichs Tod angelegt wurde.
Die Grabbeigaben
Das Grab enthielt germanische und römische Beigaben gleichermaßen, zudem einige Gegenstände, welche die Symbole der Merowinger zeigten:
Beigaben mit Symbolen der Merowinger:
- Der Stierkopf: Am Zaumzeug des Pferdes war eine Verzierung in Form eines Stierkopf, welche auf den mythologischen Ursprung der Merowinger verweist.
- Die Biene: 30 kleine goldene Bienen, die wahrscheinlich am Mantel des Herrschers befestigt waren, gelten als das Herrschaftssymbol der Franken.
Germanische Beigaben:
- Verschiedene Waffen: Eine fränkische Axt (Franziska) sowie ein Kurzschwert (Sax) und ein Langschwert (Spatha), welches mit Halbedelsteinen aus Asien verziert war.
- Ein Handgelenksring um die Schwerthand als das Zeichen fränkischer Königswürde
Römische Beigaben:
- 200 Münzen aus der Zeit der römischen Republik und der Spätantike
- 100 Münzen aus dem 5. Jh. n. Chr.
- Ein Mantel (Paludamentum) mit einer Zwiebelknopffibel (Fibula)
Der Siegelring:
An sich ein römischer Brauch, vereinigt der Siegelring die beiden Einflüsse, indem Childerich darauf sowohl mit Mantel und Fibula, als auch mit germanischer Lanze und langen Haaren dargestellt ist. Sein Abbild auf dem Ring wird von dem Schriftzug "Childerici regis" eingerahmt.
Geschichte und Bedeutung der Grabfunde
Der erste, der die Funde eingehend begutachtete, war der Arzt und Altertumsforscher Jean-Jaques Chiflet. Glücklicherweise fertigte er zahlreiche detailgetreue Zeichnungen der Funde an, denn im Original ist kaum noch etwas davon erhalten. Im 19. Jahrhundert wurden die Stücke aus der Nationalbibliothek in Paris gestohlen und sind seitdem zu einem großen Teil verschollen. Ein Teil des Schatzes wurde wahrscheinlich eingeschmolzen, der Rest wohl zu Geld gemacht. Lediglich zwei der Bienen und andere kleine Teile tauchten an verschiedenen Orten wieder auf.
Das Grab Childerichs I. ist ein einzigartiges Zeugnis aus der Zeit, in der germanische und römische Welten sich zusammenformten und bezeugt zudem, dass die Christianisierung der Franken erst unter Chlodwig I. stattfand. Der Grabhügel und die umliegenden Pferdegräber weisen eindeutig auf eine heidnische Bestattung hin, während sein Sohn Chlodwig und dessen Nachfolger bereits in einer Kirche beigesetzt wurden.
Quellen:
- Gregor v. Tours, Historiarum II, 12
- Die Franken – Wegbereiter Europas: vor 1500 Jahren: König Chlodwig und seine Erben. Ausstellungskatalog Reiss-Museum Mannheim; Mannheim 1996
- Tournai: die Stadt des Frankenkönigs Childerich; Ergebnisse neuer Ausgrabungen. Hrsg. Stadt Krefeld; Krefeld 1986
