Sonne & Strand, Urlaub & Eis, Pasta & Pizza, antike Bauwerke & berühmte Künstler, Lebensfreude & „Amore“ – dies sind Assoziationen, die der Durchschnittsbürger mit dem stiefelähnlichen Land Italien hat. Nicht nur der Tourismussektor boomt, auch die Populationsdichte an sich nimmt seit den 1990er Jahren konstant zu und verzeichnet 2010 einen siebenprozentigen Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung, welche mit einem Wert von über 6o Millionen Einwohnern auf Platz vier der bevölkerungsgrößten Länder Europas rangiert.
Italiens Wirtschaft
Obwohl Italien stark agrarbetont ist, zählt es mit seinem großen Industrieanteil am relativ hohen Bruttoinlandsprodukt (BIP - 2,4 Billionen US-Dolllar) zu den industrialisierten Ländern in der EU und verzeichnet ein wirtschaftliches Wachstum von jährlich 1,4 Prozent. Das Erwerbseinkommen der Menschen (19.861 Dollar [Nettoeinkommen]) ist verhältnismäßig gering, dennoch sanken die Arbeitslosenzahlen durch kürzliche Reformen (zum Beispiel steuerliche Anreize) auf eine Quote von sieben Prozent. Zudem ist Italien wichtiger Produzent und Exporteur für die Maschinen- und Textilienindustrie und besitzt einen stabilen Status auf dem Weltwirtschaftsmarkt.
Der Mezzogiorno
Innerhalb des volkswirtschaftlich orientierten Staates besteht allerdings seit langer Zeit ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Der schwach entwickelte Teil beginnt knapp unterhalb von Rom in der Region Abruzzen und zieht sich einschließlich der beiden Inseln bis an die Südspitze von Kalabrien. Rund 40 Prozent machen diese Fläche, genannt Mezzogiorno (italienisch „mezzo“ = halb und „giorno“ = Tag ~ bezogen auf den Stand der Sonne zur Mittagszeit, also den Süden), aus, jedoch mit einem Bevölkerungsanteil von nur einem Drittel aller italienischen Bewohner. Der Begriff „Industrieland“ trifft für den Norden Italiens zu, jedoch nicht für Mezzogiorno, deren Menschen - abgesehen von einigen wenigen Kleinindustrieunternehmen - hauptsächlich Landwirtschaft betreiben. Dies spiegelt sich auch im BIP für den Norden- und Süden wider: Während man im Norden Italiens ein BIP von mehr als 1,1 Milliarden Euro registriert, liegen die Werte für Mezzogiorno mit 350 Millionen Euro sehr niedrig. Dementsprechend sehen auch die Arbeitslosenzahlen aus, die in Teilen von Süditalien einen Wert von knapp 50 Prozent erreichen und die bezüglich der Jugendarbeitslosigkeit stark über dem bereits hohen Durchschnitt von 21 Prozent liegen.
Ursachen für die regionalen Disparitäten
Zurückzuführen sind diese Unterschiede auf mehrere Ursachen. Ein Rückblick auf die Geschichte der Nation erklärt die Anfänge der ungleichen Entwicklung: Italien war seit dem 11. Jahrhundert unterteilt in die Königreiche Sizilien, Sardinien-Piermont sowie die kleineren Regionen im Norden. 1861 kam es zur Vereinigung der drei Gebiete und somit zur Gründung des Königreiches Italiens, das knapp 80 Jahre später in eine Republik überführt wurde. Wie auch bei der Wiedervereinigung Deutschlands (1989), die die starken Entwicklungsdifferenzen zwischen dem Osten und Westen aufzeigte, zeigte sich auch in Italien ein starkes Nord-Süd-Gefälle hinsichtlich des wirtschaftlichen Wachstums.
Folgen des Mezzogiorno und das Stahlwerk in Tarent
Anstatt jedoch Änderungen im Wirtschaftssystem vorzunehmen, blieb der damals dominierende Rentenkapitalismus vorerst bestehen. In der rentenkapitalistischen Wirtschaftsweise gibt es einige wenige Großgrundbesitzer, die ihre Landstücke zu hohen Preisen und gegen 50 Prozent der Ernten an Kleinbauern, Familien und Menschen aus der Unterschicht verpachten. Die schlechten Konditionen und die damitverbundene allgemeine Armut im Süden lösten sich erst in den 1950er Jahren, als man jeder Familie ein Stück Land (etwa sechs Hektar) zuwies. Diese Flächengröße reichte insbesondere aufgrund der schlechten Bodenqualität allerdings nicht aus zur Ernährung einer Familie und die Menschen waren weiterhin auf andere Gelegenheitsarbeiten angewiesen. Mangels Rohstoffvorkömmnissen war eine Verlagerung im Bereich der Sektoren, weg vom landwirtschaftlichen Betrieb und hin zur Industrie, ungünstig. Die einzig größere Industrieanlage war das Stahlwerk in Tarent, das während des Zweiten Weltkrieges optimistische Zahlen notierte. Doch nachdem die Zeit der Aufrüstung vorbei war und die weltweite Stahlkrise einsetzte, musste das Werk seine Mitarbeiterzahl auf knapp 100 Arbeitnehmer reduzieren. Die Idee, durch das Stahlwerk in Tarent weitere Industriebetriebe in den Süden zu locken, war fehlgeschlagen.
Maßnahmen gegen das Nord-Süd-Gefälle
1952 veranlasste die italienische Regierung daraufhin mithilfe der USA Subventionen, um Mezzogiorno im Bereich der Infrastruktur zu stärken und die im Norden wachsende Industrie auch in den Süden Italiens zu schaffen. Das hohe Kapital des Nordens sollte den Einwohnern im Norden durch Steuersenkungen, günstige Kreditverteilungen und Hilfen zur beruflichen Selbstständigkeit zugute kommen, um mehr Betriebe und somit mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Durch diese Investitionen aus der sogenannten „Südkasse“ vor allem in eine bessere Industrie entstanden kleine Entwicklungspole, die sich gegenüber den großen Industriezentren im Norden nur schwer behaupten konnten. Zudem wurde durch die finanzielle Unterstützung einzelner Orte die Förderung der ländlichen Gebiete außer Acht gelassen, die somit weiterhin unterentwickelt blieben. Die wenigen subventionierten Zentren hatten keine Nachfrager, wodurch sich die wirtschaftliche Lage von Mezzogiorno trotz weiterer Subventionsmaßnahmen kaum verbesserte. Ein weiteres Hindernis, um sich auf dem Weltmarkt behaupten zu können, ist auch heute noch die zunehmend schlechtere Verkehrslage, je weiter man nach Süden kommt, da der Transport zu den wichtigen Importländern wie Deutschland, Frankreich und Spanien sehr weit und kostspielig ist.
Italiens (Unter-)Entwicklung
Ebenso ist die sehr hohe Kriminalitätsrate ein Faktor für die schlechte Wirtschaftsentwicklung, da organisierte Verbrechensgruppen (zum Beispiel die Mafia) ein freies ökonomisches Wachstum auf legaler Basis verhindern und sich dadurch der Süden selbst von der Beteiligung am globalen Wirtschaftsmarkt ausschließt. Die Folgen der Unterentwicklung Mezzogiornos sind gravierend: Insbesondere junge Leute und Familien sehen für sich keine Zukunft mehr in ihrer Heimat und wandern entweder in den Norden von Italien ab oder emigrieren in Nachbarländer wie Deutschland, Frankreich, Belgien und die Schweiz, wo sie häufig als Billigarbeitskräfte gern genommen werden. Im Jahre 1992 wurde die Südkasse aufgelöst und das Förderprogramm neuentwickelt. Seitdem versucht man anstelle von industriellen Installierungen verstärkt den peripheren Räumen auf dem Land zu helfen, sodass räumliche Disparitäten sowohl innerhalb der nördlichen als auch der südlichen Region auf ein einheitliches Niveau gebracht werden.
