
- Ausgestorben: Giant Moa und Haast-Adler, Te Papa - FxReid
Die Größe zählt. Zumindest wenn es darum geht, paläozoologische Erkenntnisse über die ausgestorbenen Tierarten vergangener Zeitalter bekannt zu machen. Man denke nur an den berüchtigten »Terrorvogel« – eigentlich ein skurriler Familienvertreter fleischfressender Riesenkraniche (Phorusrhacidae) – der vor rund 20 Millionen Jahren den südamerikanischen Kontinent unsicher machte. Seine mit der ungeheuren Größe einhergehende Flugunfähigkeit glich er mit schneller Beinarbeit, kräftigen Tritten und einem axtartigen Schnabel aus. Eigenschaften, die ihn ganz oben in der Nahrungspyramide thronen ließen und ihn heute für diverse reißerische Infotainment-Berichte qualifiziert. Doch auch in anderen urwüchsigen Lebensräumen entwickelten sich konkurrenzlos gefiederte Giganten, die nicht nur die Fantasie der Menschen anregten – sondern auch seinen Appetit auf Geflügel.
Giant Moa, vegetarischer Laufvogel und sein Lebensraum in neuseeländischer Isolation
Denn der Giant Moa (Dinornis gigantus) stapfte auf den massiven Stelzen eines riesigen Laufvogels durch den neuseeländischen Regenwald, als bereits die ersten polynesischen Vorfahren der heutigen Neuseeländer die Abgeschiedenheit der Südpazifischen Inseln als ihre neue Heimat in Beschlag nahmen. Auf den zwei grünen Inseln in neuseeländischer Isolation gab es ursprünglich keine Landsäugetiere, sodass jede denkbare ökologische Nische von Vögeln besetzt werden konnte. Das mitunter eigenartige Resultat dieser Situation ist noch heute in der unvergleichlich reichen Vogelwelt Neuseelands zu beobachten und hängt eng mit den einzigartigen Lebensbedingungen der Tiere zusammen. Viele der heimischen Vogelarten mussten weder vor Fressfeinden flüchten noch in luftige Lebensräume ausweichen, sodass sie das hochgradig energieaufwendige Fliegen einstellen und am Boden bleiben konnten. Das begünstigte eine größere Statur, was wiederum organisch mehr Platz für einen langen Verdauungstrakt schuf, der die Nährstoffe aus der relativ energiearmen pflanzlichen Nahrung besser verwerten konnte. Besonders eindrücklich genutzt wurden diese biologischen Tatsachen eben vom Giant Moa, der einen bis zu 270 Kilogramm schweren und den heutigen afrikanischen Strauß um einige Köpfe überragenden Körper eines pflanzenfressenden Laufvogels besaß. Weiterhin wurden zusammen mit Moa-Knochen Gastrolithen, sogenannte Magensteine, gefunden, nämlich von pflanzenfressenden Vögeln verschluckte und durch die Verdauungstätigkeit im Muskelmagen polierte grüne Halbedelsteine, die ursprünglich in Steinbrocken enthalten waren.
Die Ankunft der ersten Polynesier und ihr Appetit auf Moa-Geflügel
Noch ist nicht gesichert, seit wann es die riesigen Moas neben ihren vielen kleineren Unterarten gab – zumindest hatten einige neuseeländische Pflanzen genug Zeit, ungewöhnliche Abwehrmechanismen gegen seinen herausragenden Grünzeug-Hunger zu entwickeln. Doch schon länger ist bekannt, dass das Schicksal der riesigen Laufvögel eng mit jenem der ersten menschlichen Siedler zusammenhing, deren Siedlungsspuren in archäologischen Grabungen zahlreiche Moa-Knochen und passende Eierschalen aufwiesen. Nicht umsonst werden die polynesischen Vorfahren der heutigen Maori, deren seefahrerische Herkunft nach wie vor ungesichert ist, Moa Hunter genannt. Entgegen dem Bericht "Chronik einer Ausrottung" in »Die Welt« vom 11.10.2011 standen diesen Erstbewohnern sehr wohl mitgebrachte Kulturfrüchte wie die Süßkartoffel Kumara auf dem Speiseplan zur Verfügung – wie auch der große Fischreichtum der Küstengewässer Neuseelands, den sie als erfahrene Seefahrer vermutlich durchaus zu nutzen wussten. Trotzdem sollen die vielen Moa-Knochenfunde in den Siedlungsresten sowie Anzeichen von Gicht in den Gelenken der Moa Hunter auf einen großen Appetit auf Moa-Geflügel hingewiesen haben. Wobei Giant Moas keine sichtbaren Flügel hatten, dafür aber umso knusprigere Schenkel.
Der Moa, ein Gigant mit niedriger Nachkommensrate als leichte Beute der Moa Hunter
Durchaus möglich, dass die Giant Moas trotz ihrer potenziellen Wehrhaftigkeit – in Form von kräftigen Beinen und scharfen Klauen wie beispielsweise auch vom australischen Helmkasuar bekannt – leichte Beute für die Moa Hunter waren. Denn wie bei heutigem Geflügel Neuseelands auch ist wohl ein Fluchtreflex kaum vorhanden gewesen, da zumindest auf Augenhöhe kein Fressfeind dem größten Landlebewesen der Inseln gefährlich werden konnte. Professor Richard Holdaway von der University of Canterbury vermutete, dass nicht einmal spezielle Jagdwaffen entwickelt werden mussten, um die Moas endgültig zur Strecke zu bringen. Von der Konsistenz der im Vergleich überaus dünnen Schale des Moa-Eies mit seinen stattlichen 4,5 Kilogramm hat man die Vermutung abgeleitet, dass nur ein Ei unbeschadet im Gelege bebrütet werden konnte. Für die Theorie, dass wie bei heutigen, hiesigen Laufvögeln der Hahn für die Brutpflege zuständig ist, gab der Größenunterschied von Moa-Männchen (bis 100 Kilo) und den deutlich schwereren Weibchen (bis 270 Kilo) Hinweis. Eine Art, die eine solch niedrige Nachkommensrate hat, erst mit neun Jahren ausgewachsen und akut von expandierenden Jägern bedroht ist, konnte sich nicht lange behaupten. Geht man davon aus, dass die ersten Menschen im ausgehenden 13. Jahrhundert die Südpazifik-Inseln bevölkerten, weisen bereits auf das 14. Jahrhundert datierte Siedlungsspuren keinerlei Moa-Reste mehr auf. Man kann fast sicher sein, dass sich zu Zeiten der ersten naturkundlich bewanderten Forscher Neuseelands keiner der großen Vögel mehr in den dichten Regenwäldern versteckt hielt.
Zwar werden immer wieder angebliche Sichtungen der Giant Moas durch Wanderer von Kryptozoologen zum Anlass genommen, in den abgelegenen und weitestgehend unberührten Gegenden Neuseelands nach überlebenden Vogelriesen zu suchen. Doch der potenzielle Lebensraum der ersten zweibeinigen neuseeländischen Ureinwohner wird zunehmend überschaubar. Lediglich in Queenstown steht ein Moa standhaft auf dem Marktplatz – aus Beton.
Quellen:
- Recherchen im neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa (Wellington) und dem Canterbury-Museum (Christchurch).
- Trevor Worthy / Richard Holdaway: The Lost World of the Moa – Prehistoric Life of New Zealand. Indiana University Press, 2002.
- www.welt.de/print/die_welt/wissen/article13653381/Chronik-einer-Ausrottung.html
- Suite101-Beitrag Moa – Riesenvogel und der Männermangel
- www.stern.de/wissen/natur/terrorvogel-urzeit-raubtier-kaempfte-wie-ein-boxer-1594519.html
