
- Die graue Maus im Outdoor-Outfit - R.Lüdemann
Deutschlands Frauen haben keine Modekultur mehr. Stimmt das? Zumindest stellte sich das in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch ganz anders dar. Da konnte sich beispielsweise Berlin durchaus mit dem Flair der Pariser Modeszene messen.
Heute trägt die deutsche Frau Jeans, Outdoor- oder Steppjacke und flache Schuhe, der Bequemlichkeit wegen und weil es ja so praktisch ist. Und zur Krönung des Ganzen wird ein niedlicher Rucksack auf den Rücken geschnallt, um wahrscheinlich für die Bezwingung des Mount Everest gewappnet zu sein. Passt ja auch mehr rein als in eine Handtasche.
Praktikabilität und Funktionalität
Die deutsche Frau scheint sich nur begrenzt oder gar nicht für Mode bzw. Modetrends zu interessieren. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, wenn es überhaupt Regeln gibt. Am Besten scheint, sich unauffällig in der Öffentlichkeit zu bewegen. Sich fürs Büro chic zu machen geht gar nicht! Man könnte ja vom Chef gefragt werden, ob man am Abend noch etwas vorhat.
Die Angst davor sich schön anzuziehen scheint den meisten Frauen in die Erbanlagen gelegt bzw. durch Mutter oder Oma überliefert worden zu sein.
Deutschlands Modekultur wurde aber auch durch die schwierige Nachkriegszeit stark beeinflusst, wo Praktikabilität und Funktionalität wichtiger waren, gerade in Zeiten wo nur wenig Geld zur Verfügung stand. Außerdem hat es den Anschein, dass bei vielen Frauen die nicht zur Verfügung stehende Zeit oder der nicht vorhandene Wille sich Zeit zu nehmen, um sich schön zu machen, eine der Hauptgründe sind.
Ist Mode eine Frage der Zeit oder des Geldes?
Geld? Ja und Nein! Es geht natürlich auch mit relativ geringen finanziellen Mitteln. Man muss ja auch nicht jeden Monat ein neues Outfit kaufen. Außerdem werden die lieben Konsumentinnen zu den Saisonwechseln mit Sonderangeboten und Schnäppchen regelrecht zugeschüttet. Man sollte sich in diesen Zeiten auch Zeit nehmen, sich intensiv informieren und durch die Geschäfte und Boutiquen schlendern.
Auch mit nur einem kleinen Geldbeutel ist vieles möglich. Ein nettes Gespräch mit dem Personal oder mit den Inhabern wirkt manchmal Wunder und öffnet immer ein Türchen um sich seinen Wunsch zu erfüllen.
Man muss nicht unbedingt auf Markenlabels stehen, weil in seiner sozialen Umgebung das so Usus ist. Auch ohne Statussymbole wird man akzeptiert, keine Angst davor. Außerdem steht nirgends geschrieben, dass Sie mit dem „Wolf ta(n)zen“ oder mit den „steyn(igen) Wellen“ der Modetrends treiben muss.
Guter Stil – Schlechter Stil
Stil hat jede Frau. Ob sie nun einen guten oder schlechten Stil hat, hängt ab vom Auge des Betrachters ab. Klasse haben aber die Weinigsten, die sich jenseits des Mainstreams bewegen. Für den Großteil aller deutschen Frauen ist es einfacher, ihre Modeunlust nach außen zu demonstrieren und zu zeigen, dass man einer bestimmten sozialen Gruppe angehört, was aber keinen wirklich interessiert.
Stil ist eine Frage der Persönlichkeit. Er wird durch das soziale Umfeld stark beeinflusst. Leider sind die Einflüsse so groß, dass mit der Zeit durch diese „Anpassung“ die eigenen noch nicht erkannten Neigungen unterdrückt werden und langsam verkümmern. Der eigene Stil wird somit zur größten Nebensache der Welt. Wichtig! Ist Sie noch so schön angezogen, kann Sie trotzdem keinen Stil haben.
Eigener Stil ist, bei jeder Gelegenheit immer für sich das Richtige zu tun, für sich selbst das Richtige zu entscheiden und sich so zu kleiden wie man es möchte.
Dabei sollte das gute Gefühl zu spüren sein, nicht jeden Trend gleich mitgemacht zu haben. Wichtig ist seinen eigenen Weg zu finden und sich vielleicht zu einem Stilvorbild zu entwickeln, das sich immer in der gleichen Art und Weise kleidet und sich so von seinem Umfeld abhebt. Das ist guter Stil.
Erste Schritte – Empfehlungen für den Einkauf
Sollte Sie sich einmal dabei erwischen, einer gut gekleideten Frau bei einem Spaziergang hinterher zu schauen und danach beschlossen hat ihren Stil zu verändern, dann sollte folgendes beachtet werden:
- Niemals mit der Freundin und schon gar nicht mit einer Gruppe von Freundinnen eine Boutique besuchen und sich von diesen beraten lassen! Das geht meistens nicht gut. Warum? (Das ist wie mit den vielen Köchen… oder den Ärzten mit ihren unterschiedlichen Diagnosen).
- Niemals eine Boutique gemeinsam mit dem Freund oder Mann besuchen (es sei denn Er hat des Öfteren schon Geschmack in punkto Mode bewiesen), wenn die Beratung durch das Personal oder der Inhaberin etwas Zeit in Anspruch nehmen kann.
- Merkt Sie, dass die beratende Person weniger Ahnung hat als Sie selbst, sollte man unverzüglich das Geschäft verlassen. Hier ist Sie nicht gut aufgehoben.
- Niemals mit Farbtafeln in eine Boutique gehen, die Sie zuvor etwa bei einer Farb- und Stilberatung erhalten habt (gegen Bezahlung natürlich) und niemals vorgeben welcher Farbtyp man ist und welche Textilfarben zu einem passen.
- Sich nur für Produkte entscheiden, in denen man sich wohl fühlt und sich im Spiegel gefällt.
- Niemals ein schwarzes Teil kaufen, wenn Sie eins in Olivgrün, Schokobraun oder Marineblau sucht.
Graue Maus oder selbstbewusstes Individuum
Disziplin und Konsequenz sollten die Kaufentscheidungen einer Frau bestimmen. Sie sollte sich auch damit durchsetzen, denn nur dann ist sie in punkto Mode „hip“. Sie muss aus ihrem Umfeld heraustreten und mutig einen Schritt in Richtung Lässigkeit und Zufriedenheit gehen. Nur so besteht die Chance sich zu einem unverwechselbaren Individuum zu entwickeln.
Den Blick selbstbewusst frei geradeaus und in den Augenwinkeln beobachten wie man auf ihre neuen Outfits reagiert, ihr nachschaut oder Komplimente im Büro, auf schönen Festen oder bei Besuchen kultureller Veranstaltungen macht. Gibt es etwas Schöneres?
Diese Frauen sollten immer daran Denken, dass Sie mit ihrem Stil einfach Klasse haben. Sie sollten aber nicht darüber nachdenken ob sie Stil haben. So verliert man ihn schneller als man denkt und wird wieder zur grauen Maus.
Frauen sollten sich wieder wie Frauen kleiden und damit versuchen ihr Selbstwertgefühl aufzupolieren. Mode kann einen ausgeprägten Wohlfühlfaktor produzieren und ist letztendlich einfach auch wohltuender für das Auge des anderen Geschlechts. Ein gut proportionierter Po in einer engen Jeans oder ein enger Pullover über der wohlgeformten Oberweite, verhüllt von einer Outdoor-Jacke, ist und kann nicht immer die Lösung sein.
Fühlt sich da irgendwo jemand angesprochen?
Quelle: myself, Ausgabe Januar 2012
