
- Flagge von Mandschukuo - gemeinfrei
Im Jahr 2011 jährt sich der Mukden-Zwischenfall zum achtzigsten Mal. Dieses Ereignis stellt einen wesentlichen Einschnitt in der Geschichte Ostasiens dar und bedeutete für Japan einen entscheidenden Schritt in den Entwicklungen, die schließlich in den Katastrophen des Pazifischen Krieges ihren Höhepunkt fanden.
Der Mukden-Zwischenfall und die Errichtung von Mandschukuo
Am Abend des 18. Septembers 1931 legte Kômoto Suemori einen Sprengsatz an die Gleise der Südmandschurischen Eisenbahn in der Nähe der mandschurischen Stadt Mukden (dem heutigen Shenyang). Kômoto war Leutnant der Unabhängigen Garnison des 29. Infanterie-Regiments der japanischen Guandong-Armee, die zum Schutz der Bahnlinien in der Mandschurei stationiert war. Die Südmandschurische Eisenbahn war ein japanisches Unternehmen, das den japanischen Einfluss in der Region sicherte und den Zugang sowie den Transport von Rohstoffen ermöglichte. Um 22:30 detonierte der Sprengsatz. Der Schaden am Gleiskörper war allerdings so gering, dass ein Zug die Stelle wenige Minuten später problemlos passieren konnte.
Die Führung der Gunadong-Armee machte das chinesische Militär für den Anschlag verantwortlich und interpretierte den Vorfall als einen Versuch, der japanischen Bahnlinie schweren Schaden zuzufügen. Unter diesem Vorwand wurde zunächst die chinesische Garnison in Mukden angegriffen, in weiterer Folge aber durch gezielte und gut geplante Aktionen die gesamte Mandschurei unter japanische Kontrolle gebracht und schließlich der Marionettenstaat Mandschukuo errichtet.
Lange Planung und Hintergründe des Mukden-Zwischenfalls
Die Ereignisse waren von langer Hand geplant worden. Die Führung der Guandong-Armee hatte dem kaiserlichen Hauptquartier in Tôkyô einen Plan zur Invasion der Mandschurei vorgelegt. Dieser war zwar genehmigt worden, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass eine chinesische Aggression einen solchen Schritt rechtfertigen würde. So wurde der Plan für das Sprengstoffattentat entworfen. Der Anschlag sollte der Funktionstüchtigkeit der Bahnlinie nicht schaden, aber als ein bedeutender Angriff dargestellt werden.
In den Jahren davor hatte sich die Guandong-Armee zu einem Betätigungsfeld ultra-nationalistischer junger Offiziere entwickelt. Diese waren die radikale Vorhut einer Stimmung in Japan, die sich angesichts der wirtschaftlichen und politischen Probleme in einer Ablehnung der Demokratie und einer Hoffnung auf Einheit und Stärke unter der Führung des Kaisers ausdrückte. Japan litt zur Zeit der Weltwirtschaftskrise stark unter dem Problem der Überbevölkerung. Es gab zu wenig Arbeit und Nahrung. Wachsende Spannungen mit dem Rest der Welt, etwa durch Einfuhrbeschränkungen für japanische Waren oder Anschuldigungen, Japan halte seine Löhne absichtlich niedrig und produziere Waren minderer Qualität, verschärften die Situation. Militärische Kreise sahen den Ausweg in einem Staatsstreich, der den Kaiser von seinen schwachen Beratern und dem Parlament befreien würde. Das Ziel sollte die Einführung eines nationalistischen und antikapitalistischen Staatssozialismus sein sowie ein vom Zwang der internationalen Verträgen befreites Vorgehen in der Außenpolitik – alles unter der Führung des Kaisers. Diese extremistischen Ideen wurden vor allem von jungen Offizieren getragen, die von der noch gemäßigteren Heeresführung oft in die Mandschurei versetzt wurden, um die Gefahr eines Putsches in Japan zu verringern.
Direkte Aktionen, Investitionen in Mandschukuo und Austritt aus dem Völkerbund
Der Mukden-Zwischenfall markiert den Beginn einer militaristischen Phase in Japan sowie den Anfang einer Politik der direkten Aktion am Festland. Eine Welle der Begeisterung über den raschen Erfolg des Militärs ging durch die Bevölkerung und steigerte das Nationalgefühl. Das ermutigte radikale Nationalisten zu Anschlägen auf zivile Politiker und Industrielle. Diese erreichten zwar nicht ihr Ziel, die Ausrufung des Kriegsrechts, aber trieben die militaristische Entwicklung dadurch voran, dass radikalen Forderung gegenüber häufiger Zugeständnisse gemacht wurden, um diese Kreise zu beruhigen.
Mandschukuo wurde zum Versuchsfeld für eine Form der Planwirtschaft und sollte zur industriellen Basis sowie zur Rohstoffquelle für das japanische Militär werden. Unter großen Opfern der heimischen Wirtschaft wurde der - in China verhasste - Marionettenstaat in das japanische Verteidigungsnetz eingegliedert. Bis zum Ende des Pazifischen Krieges war Mandschkuo die am höchsten industrialisierte und am stärksten militarisierte Zone am ostasiatischen Festland.
Außerdem stellte die Mandschurei-Aktion der japanischen Armee eine klare Verletzung internationaler Abkommen dar. Die einzige Konsequenz aber war die Einsetzung einer Untersuchungskommission (Lytton-Kommission) und schließlich eine moralische Verurteilung durch den Völkerbund, welcher Mandschukuo nicht als unabhängigen Staat anerkannte. Jedoch hatte Japan gesehen, dass es sich über internationale Verträge hinweg setzen konnte, ohne ernste Konsequenzen befürchten zu müssen. 1933 trat Japan aus dem Völkerbund aus und das Militär weitete seinen Einfluss auf die Regierungsangelegenheiten immer weiter aus. Die Entwicklung führte 1937 zum Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg und schließlich zum Pazifischen Krieg mit den bekannten Folgen für Japan.
Jedes Jahr am 18. September läuten die Sirenen in Shenyang in Gedenken an den japanischen Angriff.
Quellen:
- Hall, John Whitney (1998): Das japanische Kaiserreich. Augsburg: Weltbild (=Weltbild Weltgeschichte 20).
- Duus, Peter u. John Whitney Hall (1989): The Cambridge History of Japan Vol. 6. The twentieth century. Cambridge: Univ. Press.
- Ferell, Thomas (1955): "The Mukden Incident. September 18-19, 1931", Journal of Modern History. 27/1, 66-72.
- Ergebnisse des Forschungsprojektes zur Kriegsschuld der Yomiuri-Zeitung.
- Zusammenstellung von Zitaten aus zeitgenössischen offiziellen Dokumenten zu dem Vorfall bei ibiblio.org.
