Überall ist der Mythos Che Guevara noch zu spüren: ob auf der Kaffeetasse bei der morgendlichen Koffein-Zufuhr, auf der Fußmatte vor dem Büro oder besonders einprägsam, auf T-Shirts und anderen Kleidungsstücken. Doch weiß überhaupt ein Drittel derjenigen, die den Mythos scheinbar aufrecht erhalten, was bzw. wer dahinter steht? Die meisten Jugendlichen übernehmen meist unreflektiert Idole und Vorbilder, die für sie für Freiheit, Grenzenlosigkeit und Unangepasstheit stehen, die Geschichte dahinter scheint hingegen bedeutungslos. Wir brauchen nur jemanden, dem wir nacheifern können, eine Gesellschaft oder Gesellschaftsschicht, die unser Verhalten für „cool“ erklärt, und schon werden unsere Ambitionen als richtig eingestuft.
Ein Blick zurück
Che Guevara: Arzt, Lyriker, Fotograf, Abenteurer, Revolutionär, eine vielseitige, hoch gelobte, umstrittene, verehrte und polarisierende Persönlichkeit. Nachdem Che Guevara, geboren 1928 in Argentinien: Nachdem er in seinen jungen Jahren die Armut seines Landes mit eigenen Augen wahrgenommen hat, entschließt er sich den Beruf des Arztes zu ergreifen, ständig gepackt von seiner Reiselust und inneren Unruhe. Die Bekanntschaft mit dem Kubaner Fidel Castro und mit den Prämissen des Kommunismus und Sozialismus, entscheiden die Richtung, die sein Leben zukünftig nehmen wird: Er wird Guerillakämpfer in der Sierra Maestra, stürzt gemeinsam mit Fidel das diktatorische Regime von Eugenio Batista und erhält mächtige Ämter in der kubanischen Regierung. Diese Station seines Lebens ist jedoch der Anfang seines Endes. Macht und materielle Anreize gehören nicht zu seinen Zielen. Seine Ideen und Beweggründe entspringen den Wurzeln des Kommunismus, zu dem er sich offen bekennt, aber auch zum Einsatz von Gewalt, zum totalen Krieg.
Der Anfang vom Ende
Fast keinem sind folgende Worte aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx unbekannt: „Proletarier aller Länder vereinigt euch“. Eine wichtige Aussage im Zusammenhang mit dem von Che Guevara hochgehaltenen Internationalismus. Im Mittelpunkt steht nicht das Individuum, sondern die Gemeinschaft. Die Möglichkeit zu etwas zu gehören soll motivierend wirken und dieser Gedanke soll sich länderübergreifend etablieren. Was jedoch für Che als Normalität gilt, muss nicht zwangsläufig für den Großteil der Menschen sprechen. Freiwillige Arbeit, die nicht mit Geld, sondern mit Wertschätzung einer Gruppe entschädigt werden soll: Die Revolution steht über allem, Privates ist gleichzusetzen mit Politik.
Revolution außerhalb Kubas
Nachdem Che Guevara offiziell seine Ziele propagiert, nicht sozialistische Länder offen kritisiert und er dem Leben in Kuba überdrüssig wird, entschließt er sich 1965 die Revolution im Kongo anzuführen. Dieses Vorhaben ist jedoch aufgrund fehlender Versorgungsstrukturen, mangelnder Motivation und Disziplin zum Scheitern verurteilt. Demoralisiert und unfähig nach Kuba zurückzukehren, wo Fidel Castro seinen Abschiedsbrief veröffentlicht hatte, der die Entfremdung Ches von Kuba offenlegt, führt ihn sein Weg weiter, direkt in den Dschungel von Bolivien.
Die letzte Station – Bolivien
1966 erreicht Che Guevara Bolivien und findet sich unter Kämpfern wieder, die in punkto Disziplin und Moral die Kongolesen übertreffen, deren Verbindungsleute sich jedoch im Ausland befinden. Nachdem jegliche Kontakte im Laufe der Kampfhandlungen gekappt werden, die Bauern in der Umgebung die Gruppen denunzieren und Che Guevara von seinen, ihn seit Kindheit begleitenden Asthmaanfällen, geplagt wird, setzt ihm diese körperliche und seelische Destabilisierung immer mehr zu. 1967 geschieht das Unausweichliche: er wird gefangen genommen und exekutiert. Che Guevara als Mensch war damit gestorben, als Symbolfigur und Held für viele neu geboren.
Was wir mitnehmen sollten
Ein wirkliches Bild von Che Guevara kann man sich erst dann machen, wenn man sich eingehend mit seinem Leben, der Lage in Lateinamerika sowie den internationalen Verflechtungen jener Zeit befasst. Che Guevara stand für seine Vorstellungen und Ziele ein, gab sogar sein Leben dafür, aber wie viele Opfer hat er auf diesem Wege zurückgelassen, um seinen mit Fanatismus verfolgten Zielen gerecht zu werden? Für ihn lag die einzige Möglichkeit zur Erreichung seiner Vorhaben im bewaffneten Kampf, in der Ausübung von Gewalt, die wie eine Spirale meist noch mehr Gewalt nach sich zieht. Auch diese Seite sollten wir nicht unreflektiert lassen.
