Seit über 60 Jahren hält sich hartnäckig die Legende, dass am Anfang des Zweiten Weltkriegs polnische Kavallerie in der Nähe der Tucheler Heide bewusst eine ebenso heroische wie militärisch sinnlose Attacke auf deutsche Panzer geritten haben soll.
Kavallerie am Vorabend des Zweiten Weltkrieges
In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts warene Mechanisierung und Motorisierung der Armeen noch am Beginn ihrer Entwicklung. Die Landstreitkräfte fast aller Staaten unterhielten noch erhebliche Bestände an Militärpferden, die nicht nur als Zugpferde bei der bespannten Artillerie und beim Train zum Einsatz kamen, sondern auch als Reitpferde für Kavallerie-Einheiten. Das Konzept der Verwendung der Reiterei als Schlachtenkavallerie war bereits vor dem Ersten Weltkrieg überholt und spielte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs keine Rolle mehr. Der Kavallerie kamen jetzt vor allem Aufgaben als Aufklärungstruppe und als schnelle Waffengattung berittener Infanterie zu.
Die polnische Kavallerie
Das traditionelle Agrar- und Pferdeland Polen setzte nicht zuletzt wegen fehlender Mittel, die Armee umfassend zu mechanisieren, auf eine starke Kavallerie als Kern der beweglichen Truppen. Die hervorragend ausgebildeten polnischen Reiter zählten zu den besten Kavalleristen ihrer Zeit. 1939 verfügte Polen über eine etwa 25.000 Mann starke Kavallerie , die in elf Brigaden mit 26 Ulanen-Regimentern zu je etwa 500 Reitern und Pferden sowie in acht Reiter-Regimentern und drei leichte Kavallerie-Regimentern gegliedert war. Die Kavallerie stellte in etwa ein Zehntel der numerischen Stärke der polnischen Armee dar. Die Ulanen hatten ihre klassische Stichwaffe, die Lanze, 1937 an die Arsenale abgeben müssen, und waren außer mit dem Säbel infanteristisch bewaffnet. Den berittenen Schwadronen waren Radfahrer-, Panzerabwehr- und Tanketten (Kleinpanzer)-Abteilungen zugeordnet.
Das Gefecht bei Krojanty am 1.9.1939
Am ersten Tag des Zweiten Weltkriegs kam es in der Nähe des westpreußischen Dorfes Krojanten (Krojanty) , das gemäß der Friedensvertragsbestimmungen von Versailles (1919) von Deutschland an Polen abgetreten worden war , zu einem Zusammenstoss von polnischer Kavallerie und deutschen gepanzerten Kräften. Das etwa 600 Mann starke 18. polnische Ulanen-Regiment (Oberbefehl Oberst Mastalerz), zu dem auch einige Tanketten gehörten, hatte, um den Rückzug eigener Infanterie zu decken, eine von einem Bataillon des deutschen motorisierten Infanterie-Regiments IR 76 eingenommene Stellung angegriffen.
Im offenen Gelände griffen um 19.00 Uhr zwei von Mastalerz vorgeschickte Schwadrone (etwa 250 Reiter) die Deutschen überraschend an und zwangen die deutschen Schützen zunächst zum Rückzug. Plötzliche auftauchende deutsche Panzerspähwagen stoppten wenige Minuten den polnischen Angriff mit ihren Maschinewaffen. Da die in Galopp attackierenden Ulanen ihre Pferde nicht sofort wenden konnten, wurde bei einigen Zeitzeugen der Eindruck erweckt, als würden die polnischen Reiter die Panzerspähwagen mit dem Säbel angreifen wollen. Die Polen verloren bei diesem ungleichen Aufeinandertreffen etwa 100 Mann, bevor sie sich auf ihre Linien zurückziehen konnten. Der polnische Angriff verwirrte die deutsche Führung kurzfristig so sehr, dass sie von einem sofortigen Nachstoßen Abstand nahm.
Entstehung und Fortleben des Mythos
Ein italienischer Kriegsberichterstatter, der am nächsten Tag vor Ort recherchierte, griff die Information eines angeblichen Angriffs polnischer Kavallerie auf deutsche Panzer auf, schmückte sie zur einer tragisch-heroischen Geschichte aus und gab sie in Druck. In Folge wurde die Mär von dem heldenhaften, aber vollkommen veralteten Festhalten an kavalleristischen Konzepten unter anderem als Chiffre für das polnische Unvermögen, sich jenseits von todesmutigen Bella Figura-Posen mit den Realitäten der modernen Welt auseinandersetzen zu können, gewertet. Deutsche Propagandafilme schlachteten die Falschinfomaration aus und im von Andrezj Wajda 1959 gedrehten Spielfilm-Klassiker „Lotna“ wird das Thema in artifiziell-differenzierter Manier noch einmal aufgegriffen. Bis Ende der 1980er Jahre tauchte die Geschichte von der polnischen Anti-Panzer-Attacke in vielen populärhistorischen Sachbüchern auf. Seitdem trittt sie aber nach einer gründlichen Aufarbeitung der Tatsachen durch Historiker zunehmend in den Hintergrund..
Literatur:
- Janusz Piekalkiewicz, Polenfeldzug, Augsburg 1997
- Alexander Zakrewski, Polish Cavalry : A Military Myth Dispelled, Military History Online, 2009
