Kaum stand die EM vor der Tür, entdeckten viele Politikerinnen und Politiker in Deutschland die Ukraine als Reflexionsfläche für Empörung für sich. Einige Klassiker dessen sammelte der Spiegel-Online Redakteur Christian Neef bereits in einem Kommentar vom 08.06.2012. Von Boykottaufrufen, über die Feststellung der GdP, Deutschland könne die EM notfalls ausrichten blieb dann wenig übrig. Die Eröffnung fand statt, wie geplant. Die Menschenrechtslage in der Ukraine? Ist doch egal, es ist EM. Dass es dort nicht tagespolitisch, aber durchaus politisch zugeht, wurde bereits an anderer Stelle erwähnt. Die Trennung der Sphären schwindet.

Die Unhaltbarkeit der Trennung

Zu behaupten, internationale Turniere hätten nichts mit Politik zu tun, ist unhaltbar. Die olympischen Spiele 1936 waren der Hintergrund einer Selbstinszenierungskultur des NS-Reiches, sowie später auch die Spiele in Südafrika und China mehr Imagekampagne für die politische Führung, denn Sportevent waren. Dass es bei UEFA und FIFA selbst nicht gerade korruptionsfrei zugeht, haben zudem Berichte über Bestechungen, vor allem im Zuge der Vergabe der WM 2022 nach Qatar, welche unter sportlichen Gesichtspunkten schwer zu rechtfertigen ist, gezeigt. Zur Menschenrechtslage möchte sich die FIFA, wie auch schon zuvor die Formel 1, nicht äußern; gute Verträge machen jedoch auch ein Wüstenland zum attraktiven Gastgeber eines Fußballturniers.

Vor allem im Zuge der Europa- und Weltmeisterschaften ist die Sphäre des politischen jedoch vor allem auf der Tribüne vertreten. Die Bundeskanzlerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, bei allen Spielen, wenn möglich, dabei zu sein und lässt es sich auch nicht nehmen, die Spieler nach dem Spiel in der Kabine zu besuchen. Weiterhin gilt zu beobachten, dass auch die Kommentierung der Spiele die Sphären nicht auseinanderhält. So ließ sich nach dem Finalspiel im ZDF der kleine, aber nicht unbemerkenswerte Satz hören, der Sieg helfe Spanien vielleicht durch die schweren Zeiten der Krise. Fußball als nationales Selbstverständnis.

Meine Mannschaft, mein Land und meine Ehre

Dieses stellenweise suggerierte, stellenweise jedoch auch bereits empfundene Konzept des Fußballs nationales Organ der Selbstversicherung ist bereits alt. Der Sieg bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz 1954 brachte der Bundesrepublik Deutschland eine neue Selbstversicherung, die Spiele zwischen DDR und BRD wurden regelmäßig zu Systemfragen hochgespielt und seit der WM 2006 spricht man davon, dass man endlich "wieder Stolz sein könne, Deutscher zu sein". Wie sich dieser Stolz ausdrückt, hat die ZEIT in der Kategorie Rassismus auf der Fanmeile gesammelt; die Onlineausgabe der WAZ, derWesten, berichtete von Ausschreitungen nach dem Italienspiel, in welchen mit Feuerwerkskörpern Angriffe auf Pizzerien verübt wurden. Der Germanistikprofessor Rolf Parr stellte im Anschluss an einen Vortrag zum Thema „nationale Stereotypen im Fußball“ in der Diskussion fest, dass vor allem durch die Boulevardpresse ein Nationalismus geschürt wird, der sich dezidiert auch Xenophon ausnimmt.

In BILD-Zeitung forderten nun unter anderem Volker Bouffier und Franz Beckenbauer, eine sogenannte Hymnenpflicht. Spielern der deutschen Nationalmannschaft solle es oktroyiert werden, die deutsche Nationalhymne mitzusingen. Bouffier begründete dies damit, dass „sie [...] schließlich für die deutsche Nationalmannschaft und nicht für sich selbst“ spielten. Um Fußball geht es hier nicht mehr, es geht mehr um nationale Außenwirkung. Fußballer als Botschafter des Staates. Dass Beckenbauer den Titelgewinn 1990 auf das Singen der Nationalhymne bezieht bleibt da eine Randnotiz. Der italienischen Mannschaft jedenfalls hat lautes Mitsingen nicht geholfen. Sie wurden im Finale von den Spaniern mit einem klaren 4:0 deklassiert. Mangels Text wird letzteren zumindest die Debatte um eine Hymnenpflicht erspart bleiben.

Von Dante und der nationalen Ehre

Ebenfalls leicht untergegangen sind die Angriffe auf den Tagesschau-Moderator Ingo Antonio Zamperoni. Viele empfanden es als Frechheit, einen Deutschitaliener in der Halbzeitpause die Tagesschau moderieren zu lassen. Vor allem seine bilinguale Äußerung „che vinca il migliore, möge der Bessere gewinnen” brachte ihm und der ARD viel Empörung entgegen. Der Bessere scheint nur dann gewinnen zu dürfen, wenn es Deutschland ist. Ansonsten solle sich der Journalist doch bitte daran erinnern, dass er für das deutsche Fernsehen tätig ist. Dass damit die Aufgabe zur nationalen Propaganda verbunden ist, war sicherlich nicht nur Herrn Zamperoni bisher unbekannt.