Heutzutage ist unsere Vorstellung von einem Narren relativ eng gefasst. Es gibt Fastnachtsnarren, die zumeist jemanden oder etwas, oft politisch, parodieren, es gibt Clowns mit roten Nasen und übergroßen Schuhen, die ihre Zuschauer mit Lächerlichkeiten zu erheitern versuchen, und es gibt die Narren aus Geschichten, die mit Narrenkappe, Marotte und Spitzenschuh auftreten. Prominenteste Vertreter sind Til Uhlenspiegel und vielleicht noch Hans Guck-in-die-Luft von Dr. Heinrich Hoffmann. Wenngleich gerade diese Narren mit den tatsächlichen Narren des Mittelalters noch am ehesten verwandt sind, genießen sie heutzutage im Schatten von Fastnachtsnarren und Clowns am wenigsten Popularität. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit verhält es sich damit ganz anders.
Der Narr als Klasse
Um den Narren zu klassifizieren, ist es sinnvoll, ihn erst einmal in zwei Kategorien einzuteilen: Den natürlichen Narren und den künstlichen Narren.
In die Gruppe des natürlichen oder, etwas treffender ausgedrückt, des zumeist unfreiwilligen Narren, gehören all jene Personen, die aufgrund körperlicher oder geistiger Gebrechen abnormales Verhalten oder Aussehen vorweisen und deshalb von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Dies wird vor allem dadurch deutlich, dass solche Narren oft weggesperrt oder gewaltsam vertrieben wurden. Der Narr als jemand, der von der Gesellschaft, und damit jedem ständischen Denken, ausgeschlossen war, war rechtlos. Das bedeutete zum einen, dass er keine Rechte hatte und jeder mit ihm nach Belieben verfahren konnte, zum anderen aber auch, dass er nicht für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Diese Rechtlosigkeit verschaffte dem Narren eine Randexistenz, deren „Narrenfreiheit“ sich schließlich die künstlichen Narren zu Nutze machten. Eine Sonderform des natürlichen Narren, auch wenn dies nach heutigem Denken unangemessen scheint, stellen die theologischen Narren dar. Sie verleugnen die Existenz Gottes und gelten als Inbegriff menschlicher Einfalt und Ignoranz. Im Gegensatz zu den übrigen natürlichen Narren erheiterte man sich an ihnen nicht, sondern betrachtete sie als verlorene Gestalten, die entweder zu bemitleiden oder zu bestrafen waren.
Künstliche Narren
Die künstlichen Narren bestimmten ihr Schicksal in der Regel selbst. Sie nahmen diese Rolle freiwillig an und lebten als Hofnarr am königlichen Hofe oder unterhielten die Massen auf den Märkten. Künstliche Narren spielten in der Regel viel mit symbolhaltigen Attributen wie der Keule oder, später, mit der Marotte, die ein Gegenstück zum Szepter König Davids darstellen sollte. Später wandelte die Marotte sich zu einem Spiegel, der die Selbstverliebtheit und damit die mangelnde Fähigkeit zur christlichen Nächstenliebe verdeutlichen sollte.
Die Unterhaltungsfunktion des künstlichen Narren ist erst zum späten Mittelalter belegt. Vorher sollten sie ihren Herrn vielmehr als stetige Mahner dienen, die sie an die eigene Vergänglichkeit erinnerten. Dies wird vor allem dadurch begründet, dass der Narr als gottesferne Figur unweigerlich in unmittelbarer Nähe des Todes angesiedelt war. Vor allem in der Zeit nach Konrad von Würzburg wurde diese Todesnähe noch verstärkt durch Attribute wie das Klingeln der Narrenschellen, das die Nichtigkeit des Irdischen versinnbildlichen sollte. Diese metaphorischen Verwendungen gingen zum Teil so weit, dass der Tod in der Kunst als Narr dargestellt wurde, wie zum Beispiel im Kupferstich des Künstlers Matthäus Merian im Großbaseler Totentanz von 1621.
Quelle:
Mezger, W., Narr, in: Lexikon des Mittelalters 6 sp. 1023 – 1026.
