Der Naturalismus in der Literatur. Theorie und Vertreter

Die Literatur des Naturalismus steht im Dienste der Soziologie. Sie gibt das einfache und derbe Proletarierleben im industriellen Zeitalter wider.

Der Begriff Naturalismus (1880-1895) tauchte zum ersten Mal bei Emil Zola (1840-1903) in seiner Schrift „Der Naturalismus auf dem Theater“ von 1881 als ein positiv besetzter Begriff auf. Bis dahin war er negativ konnotiert und rief die Assoziation mit oberflächlichem und kunstlosem Schreiben hervor.

Zeitschriften und Theater des Naturalismus

Ausgehend unter anderem von Zolas Schrift wurde der Begriff diskutiert und reflektiert. Dies geschah zunächst in der Zeitschrift „Kritische Waffengänge“ (1882-84, herausgegeben von den Brüdern Julius und Heinrich Hart). 1885 wurde in Berlin von Michael Georg Conrad eine weitere Zeitschrift gegründet. Sie trug den Titel „Die Gesellschaft“. Mitarbeiter waren Otto Julius Bierbaum (1865-1910), Hermann Conradi (1862-1890), Detlev von Liliencron (1844-1909) und andere. 1886 dann wurde mit dem Verein „Durch!“ eine weitere Möglichkeit geschaffen, das aufkommende Literaturverständnis zu diskutieren. Mitglieder waren neben anderen die Brüder Hart, Gerhart Hauptmann, Arno Holz (1863-1929) und Johannes Schlaf. Es entstand auch ein Theater, in dem entsprechende Aufführungen naturalistischer Dramen stattfanden: die „Freie Bühne“. Im Schutze der Vereinsform wurden dort die Stücke gespielt, die an öffentlichen Bühnen von der Zensur betroffen waren – weil sie für das bürgerlichen Publikum zu derb waren. Von Bedeutung für den Naturalismus war auch die Gründung des Fischer-Verlags 1887, denn dort publizierten sowohl Gerhart Hauptmann als auch das skandinavische Vorbild des deutschen Naturalismus, Hendrik Ibsen. Bei Fischer erschien ab 1890 auch die Wochenschrift „Freie Bühne für modernes Leben“.

Naturalistische Literatur – ein Spiegel der Wirklichkeit?

Mit dem Einsetzen der Industrialisierung in Deutschland – verstärkt ab der Reichsgründung 1871 – ändern sich die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Technisierung, Verwissenschaftlichung und Industrialisierung erleben einen Aufschwung. Dadurch verändern sich die Lebensverhältnisse der Menschen extrem. Das Arbeits- aber auch das Privatleben wird bestimmt durch den Rhythmus der industriellen Fertigung. Die Proletarierschicht, also der Arbeiter, die mit und an Maschinen arbeiten müssen, wächst beständig. Die Naturalistische Literatur spiegelt dieses veränderte Leben der breiten Arbeitermasse mit all den Schattenseiten, die sich daraus ergeben.

Naturalistische Literatur ist roh und derb in Inhalt und Darstellungsweise: Die Protagonisten sind häufig eben jene Proletarier, die schwitzend und überlastet ihrer entmenschlichenden Arbeit in den Fabriken nachgehen, um am Abend in ihr ärmliches Zuhause heimzukehren und der dort herrschende Enge und Armut mithilfe von Alkohol zu entkommen. Derbe Sprache, oft dialektal gefärbt, und rohe Umgangsformen sind Markenzeichen der Naturalistischen Literatur. Oberflächlich betrachtet bilden die Naturlisten in ihren Arbeiten die Verhältnisse der damaligen Lebensbedingungen der sozialen Unterschichten 1:1 ab. Das ist aber nur scheinbar so.

Die Soziologie und ihre Gesetze als Mittelpunkt naturalistischer Literatur

Die Literaturtheorie des Naturalismus steht unter dem Einfluss der Wissenschaft. Sie orientiert sich maßgeblich an der Soziologie. Die Soziologie als Lehre vom Zusammenleben der Menschen entsteht damals gerade als eigenständige universitäre Disziplin. Ihr Namensgeber ist August Comte (1798-1857). Die Soziologie benutzt dieselbe Methode wie die Naturwissenschaften – nämlich die empirische. Das bedeutet, sie beobachtet die Vorgänge der Gesellschaft und leitet aus der Summe aller Verhaltensweisen und Vorgänge Regeln ab und trifft Vorhersagen. Viele Bereiche der Forschung erlebten diesen empirischen Impuls, so zum Beispiel auch die Philosophie.

Determinationstheorie von Hippolyte Taine

Die Soziologie entwickelte durch die empirische Methode bald erste Theorien über das menschliche Zusammenleben. Vor allem die Arbeiterschicht diente ihr als Forschungsfeld. Viele Menschen auf engem Raum, also unter extremen Bedingungen, boten viele und schnelle Ergebnisse. Der Schüler von August Comte, Hippolyte Taine, erarbeitet eine soziologische „Determinationstheorie“. Seiner Theorie nach sind es vor allem drei Faktoren, die das menschliche Handeln maßgeblich bestimmen: die Komponenten „Rasse, Milieu und Zeit“, also die Herkunft des Menschen, sein unmittelbares Umfeld und das Entwicklungsstadium, in dem sich die Welt befindet.

Arno Holz: Kunst = Natur-x

Einer der wichtigsten Vertreter des Naturalismus war Arno Holz. Er setzte sich auch theoretisch intensiv mit soziologischen Gesetzen auseinander und damit, wie sie am besten in Literatur übertragen werden konnten. Sein literarisches Konzept inspirierte die Generation naturalistischer Schriftsteller maßgeblich. Arno Holz wendete die drei Komponenten der Determinationstheorie, also „Rasse, Milieu und Zeit“, exakt an, indem er seine Protagonisten unter dem Einfluss dieser drei Faktoren abbildete. In Holz‘ Theorie wird sein sogenanntes „Entwicklungsgesetz“ zur Basis. Es besagt, dass alles sich stetig weiterentwickelt. Die Richtung, in welche die Entwicklung ginge, so Holz, sei die Verbreitung der Wissenschaft. Bezogen auf den Menschen bedeutet dies eine stetige Herausforderung, mit den neuen Anforderungen der Verhältnisse zurechtzukommen. Dies nannte Holz den Lebenstrieb. Sei dieser stark genug, gelinge das Leben des Menschen. Kann er jedoch seine niederen Triebe nicht überwinden und verharre er in einer Position des nicht Weiterentwickelns, kann er nach Holz nicht überleben.

Kunst wird fast zur Wirklichkeitsdarstellung. Arno Holz stellte eine mathematische Gleichung auf, die seine theoretische Überlegung abbildet:

Kunst = Natur-x

Kunst ist also das Gleiche wie Natur. Mit einer Einschränkung: dem x. Denn es gäbe immer Faktoren, wodurch die literarische Nachbildung von der Wirklichkeit abweiche. Dieser Faktor x, so Holz, müsse aber möglichst gering gehalten werden. Die theoretische Schrift, in der Arno Holz die Regeln des Naturalismus entwickelte, hieß „Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze“ (1891). Er entwickelte seine Ideen für dieses Buch zusammen mit Johannes Schlaf.

Darstellungsformen im Drama

Im Naturalismus setzt sich die Darstellungsform des Dramas vermehrt durch. Folgende Merkmale sind dabei typisch:

- Dialekt und Umgangssprache lassen die Inhalte noch „wirklicher“ erscheinen

- Es fehlt meist an einer fortlaufenden Handlung. Die Figuren bleiben vielmehr regelrecht bewegungslos in ihrem Milieu-Sumpf stecken

- Es gibt keinen Dramen-Helden mehr. An seine Stelle tritt die unscheinbare Hauptfigur, die beispielhaft und austauschbar ist.

Das Ende des Naturalismus

Mit den engen Vorgaben der Darstellungsform wird zugleich die Kehrseite deutlich: Der Naturalismus erschöpfte sich in seiner Darstellung des immergleichen Elends in gewisser Weise selbst. Das strenge methodische Vorgehen nach einem bestimmten Schema fand nur leichte Variation in den Inhalten. Die naturalistische Literatur steht sehr stark im Dienste der Soziologie, sie degradiert sich im Prinzip zu ihrer bloßen Didaktik. Das übernommene Bild eines Menschen, der in seinem Wesen determiniert und seinen Trieben unterworfen ist, bot zudem genügen Angriffsfläche.

Jasmin Hambsch, Jasmin Hambsch

Jasmin Hambsch - Studium der Fächer Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Pädagogik. Promotion im Fach Literaturwissenschaft. ...

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