Der Naturpark Ria Formosa, jede Menge Watt in Portugals Süden

Algarve, Gezeitenmühle im Naturpark Ria Formosa - Bernd Keiner
Algarve, Gezeitenmühle im Naturpark Ria Formosa - Bernd Keiner
Die Algarve hat mehr zu bieten als Golfplätze und Felsenbuchten. Eine grandiose Lagunenlandschaft im Süden der Algarve wartet auf Entdecker und Genießer.

Wer das Wattenmeer mag, muss nicht unbedingt nach Ost- oder Nordfriesland reisen. Viel angenehmer, weil garantiert sonniger, regenarm und artenreicher, ist die einzigartige Lagunenlandschaft der Ria Formosa am Südrand der Algarve in Portugal. Dieses Feuchtgebiet mit seinen langen schmalen Sandinseln, Dünen, Prielen, Salzgraswiesen, Salinen und Muschelgärten entstand vor 255 Jahren aus einer ziemlich üblen Laune der Natur: Am Vormittag des 1. Novembers 1755 löste eine Erdbeben, dessen Epizentrum etwa 200 Kilometer südwestlich des Kaps von São Vincente im Atlantik lag, einen Tsunami aus. 20 Meter hohe Monsterwellen prallten auf die Küste der Algarve und zerstörten nahezu sämtliche Städte und Dörfer. Die traurige Bilanz dieser Katastrophe: geschätzte 100.000 Todesopfer und ein Königreich am Rande der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bankrotterklärung.

Die Lagunen der Ria Formosa, die etwas andere Algarve

Seit diesem tragischen Novembertag ist nichts mehr so, wie es mal war, existiert dieser durch Gezeiten, Wind und Strömungen sich permanent veränderte Küstenstreifen, der sich von der multilingualen Millionärs-Enklave Quinta do Lago, dem Beverly Hills der Algarve, 60 Kilometer bis zu den tristen Betonpalästen der Touristen-Ghettos von Cabanas und Manta Rota nach Osten erstreckt. 1986 wurden weite Teile der Ria Formosa als Naturschutzgebiet deklariert. Eine weise Entscheidung des portugiesischen Parlaments, die umso leichter viel, je mehr EU-Fördermittel aus Brüssel überwiesen wurden.

Traumziel für Touristen und Tiere, Portugals Laguneninseln

Und so versuchen nun Flamingos, Graureiher, Störche, Kormorane, Sultanshühner, Silbermöwen, Löffler, Tintenfische, Venusmuscheln, Seeigel, Doraden, Winkerkrabben, Fischer, Muschelzüchter, Salinenbetreiber, Sonnenanbeter, Eisverkäufer, Spekulanten, Segler und Hobbyarchäologen in friedlicher Koexistenz miteinander zu leben – was nicht immer ganz einfach ist. Besonders in der Hochsaison Juli bis September, wenn Hunderttausende sonnenhungriger Touristen wie Wanderheuschrecken über die Laguneninseln herfallen, verwandeln sich die weißgelben Strände in einen kunterbunten Flickenteppich aus Handtüchern, Sonnenschirmen, Gummibooten und Menschenleibern.

Balsa, die römische Metropole an der Algarve

Wer sich diesem Treiben entziehen möchte, empfiehlt sich der Küstenbereich zwischen dem Torre de Aires, einem restaurierten römischen Signalturm und dem Fischerdörfchen Arroio. Hier genießt man von einem flachen Sandsteinhügel nicht nur eine grandiose Aussicht über das weite Watt und die vorgelagerte Ilha de Tavira, sondern kann auch eine Reise in die Vergangenheit antreten. Genau hier an dieser Stelle befand sich vor 2000 Jahren das Zentrum der römischen Stadt Balsa, die bedeutendste Stadt an der Algarve. Nur einen Speerwurf entfernt lag ein maritimes Amphitheater in dem zur Erbauung der römischen Kolonisten Galeeren und Triremen Seeschlachten inszenierten. Vorbei sind die glanzvollen Tage des Imperium Romanums, geblieben sind ein paar Ruinen, Brunnenreste, Einsalzbecken, Grabsteine und einige Dutzend mehr als 2000 Jahre alter Olivenbäume. Rekordhalter ist ein Exemplar in der Ferienanlage Pedras d’el Rei, dessen Alter mit 2755 Jahren angegeben wird.

Quinta Marim, das Zentrum des Naturparks Ria Formosa

Sehr viel über die wunderbare Welt des Watts erfährt man in der Quinta de Marim, dem Informationszentrum des Naturparks Ria Formosa, etwa 1 km östlich von Olhão. Man tut gut daran, gleich morgens, sobald der Park um 9.30 Uhr öffnet, die Entdeckungstour zu starten. Der Weg ist das Ziel und der führt durch ein Pinienwäldchen direkt zu einem in die Lagune ragenden Holzpier. Im schlickigen Sandboden ruht das Wrack eines Fischerbootes, dessen Mastspitze zu der strahlend weiß getünchten Gezeitenmühle weist, in der bis 1970 Getreide gemahlen wurde. Vom Flachdach des liebevoll restaurierten Gebäudes blickt man auf flache Gezeitenbecken, durch die Strandläufer und Reiher stelzen. Fischerboote tuckern in Richtung Olhão, um ihren Fang zu löschen oder um Ausflügler auf die Ilha de Armona zu schippern.

Das Phänomen portugiesischer Wasserhund

Wenig spektakulär und nicht immer für die Öffentlichkeit zugänglich sind die Vogelklinik und die Aufzuchtstation für den tauchenden Pudel, den portugiesischen Wasserhund (Cão de água), einer uralten, vermutlich von den Römern auf der iberischen Halbinsel eingeführten Hunderasse. Doch seit der amerikanische Präsident Barack Obama ein solches Prachtexemplar von Hund im Weißen Haus in Washington hält, genießt die bis dato nahezu unbekannte Rasse die Aufmerksamkeit von Hundeliebhabern rund um den Globus.

Quellen: Turismo do Algarve, East Algarve Promotion Bureau, eigene Recherche Vorort

Bernd Keiner, Reisejournalist; Fotograf und Filmem, Reiner Pohl

Bernd Keiner - Bernd Keiner, geboren in Wuppertal, Sternzeichen Schütze, ist Abenteurer und Globetrotter aus Leidenschaft. Nach abgeschlossenem ...

rss