Neem ist die am häufigsten verwendete Pflanze in der indischen traditionellen Medizin (Ayurveda, Unani, Homöopathie). Alle Teile des Neem-Baumes werden genutzt.

Der Neem-Baum als Dorf-Apotheke

Seit mehr als 2.000 Jahren wird Neem (Azadirachta indica A. Juss, synonym Melia Azadirachta) in Indien und den benachbarten Ländern als vielfältig verwendbare Medizinalpflanze mit einem weiten Spektrum biologischer Aktivitäten angesehen. A. indica A. Juss und M. azedarach sind zwei eng verwandte Spezies aus der Familie Meliaceae. Erstere wird auch als Indischer Neem (Margosa Baum) oder Indischer Flieder, letzterer als Persischer Flieder (Paternoster-Baum) bezeichnet. Der Sanskrit-Name des Neem-Baumes ist „Arishtha”, was „Krankheitshelfer” bedeutet. Auch heute noch wird der Baum in Indien als „Dorf-Apotheke“ betrachtet.

Traditionelle Medizinische Anwendungen von Neem

Neem-Öl, Rinden- und Blatt-Extrakte wurden therapeutisch als Volksmedizin zur Kontrolle von Lepra, Wurmbefall, Atemwegs-Erkrankungen, Verstopfung und auch zur Verbesserung der allgemeinen Gesundheit genutzt. Neem-Öl findet Verwendung in der Bekämpfung unterschiedlicher Infektionen der Haut. Rinde, Blatt, Wurzel, Blüten und Früchte zusammen werden bei Blut-, Gallen-Störungen, Juckreiz, Haut-Geschwüren, Verbrennungen und Tuberkulose eingesetzt.

In der traditionellen Medizin wird meist ein Aufguss aus Neem-Blättern und -Rinde verwendet, wobei Dosierungen je nach Dareichung schwanken. So kann man ein entspannendes Bad, einen Sud zur Inhalation oder für Waschungen zur äußeren Anwendung herstellen. Gegen den Einsatz als Tee aus Neem-Bestandteilen spricht – neben dem extrem bitteren Geschmack –

für schwangere Frauen und solche, die es werden wollen, die Empfängnis verhütende oder abtreibende Wirkung.

Wissenschaftliche Forschung ist viel versprechend, aber lückenhaft

In zahlreichen Laborstudien wurden vielseitige medizinische Eigenschaften von Neem-Produkten beobachtet. Sie wirken danach antibakteriell, antiviral, entzündungshemmend, fiebersenkend, Empfängnis verhütend, Malaria und Pilz bekämpfend. Mehr als 135 Verbindungen wurden aus verschiedenen Teilen des Neem isoliert, von denen viele noch nicht vollständig erforscht sind. Im Neem-Öl sind neben verschiedenen Stereoisomeren und Derivaten von Azadirachtin zahlreiche Limonoide sowie verschiedene Disulfide enthalten, die den knoblauchartigen Geruch des Neem-Öls verursachen. Die Neem-Komponente NIM-76 hat sich als Spermien tötend herausgestellt!

Antimykotische Aktivität im Labor nachgewiesen

In einer Laborstudie wurde bereits 1987 nachgewiesen, dass Neem-Präparate gegen 14 Arten von Pilzen, die als Krankheitserreger für den Menschen in Frage kommen, wirksam sind. Darunter fanden sich Vertreter der Gattungen Trichophyton (befällt Haare, Haut und Nägel), Epidermophyton (befällt die oberen Epithelschichten der Haut und die Nägel, besonders in der Leistengegend oder zwischen den Zehen), Microsporum (befällt die behaarte Kopfhaut, Gesicht, Rumpf und Extremitäten), Trichosporon (Sprosspilz, der Barthaar und Verdauungstrakt befällt), Geotrichum („Milchschimmel“, befällt Bronchien, Lunge und Mundschleimhaut) und Candida (Sprosspilz, der Mund, Verdauungstrakt, Vagina, Haut und Lunge befallen kann). In neueren Labor-Untersuchungen konnte man im Labor eine Wachstumshemmung von Hautpilzen (Trichophyton und Microsporum) bestätigen.

Phase I-Versuche mit einer Neem-haltigen Formulierung zeigten eine verträgliche, akzeptierte und wirksame Anwendung auch bei vaginalen Infektionen mit C. albicans und C. tropicalis. (Talwar et al. 1997)

Weitere Anwendungen von Neem

Zur Zahnpflege werden in Indien und im Mittleren Osten Neem-Zweige so lange gekaut, bis sie einer ausgefransten Zahnbürste ähneln. Neem-Wirkstoffe finden in einigen kommerziellen Zahnpflegeartikeln Verwendung. Neem-Extrakt ist auch bei Befall mit so genannten Ektoparasiten (wie Krätzmilben) wirksam. Franz Josef Knust beschreibt die erfolgreiche Behandlung bei kindlicher Krätze und Kopflausbefall mit einprozentiger Neem-Salbe.

Handelspräparate zur äußeren und inneren Anwendung

In Haarpflegemitteln und als Nagelkur finden Auszüge aus Neem-Blättern Verwendung (zum Beispiel Dr. Hauschka-Kosmetik). Das Neem-Öl wird für vielerlei kosmetische Produkte verwendet, zum Beispiel in Shampoo, Cremes, Körperlotionen. Zur Behandlung von Fußpilz werden Neem-haltige Pflegeserien angeboten. Auf dem „grauen“ Markt (Versandapotheken, Internet) werden auch „Immun Neem“-Präparate und ein „spagyrisches“ Kräuterdestillat zur inneren Anwendung angepriesen. Anwendungs- und Einnahmeempfehlungen sollen hier aus rechtlichen und Risiko-Gründen nicht gegeben werden.

Neem-Öl – gesundheitlich bedenklich?

Im Jahre 2002 hat das damalige Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) darauf hingewiesen, dass eine gesundheitliche Unbedenklichkeit von zahlreichen auf dem „grauen“ Markt erhältlichen Neem-Ölen aufgrund der Vielfalt der Neem-Inhaltsstoffe als Pflanzenschutzmittel nicht erwiesen ist. Für die in Asien in der Volksmedizin weitverbreitete orale Anwendung von Neem-Öl bei verschiedenen Krankheiten sei darüber hinaus eine beachtliche Zahl von teilweise schwerwiegenden Nebenwirkungen dokumentiert. Eine Zulassung liegt daher weder als Pestizid (mit Ausnahme von Neem Azal, einem standardisierten Neem-Extrakt) noch als Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel vor!

Fazit: Therapie mit Neem-Extrakten ist riskant

Obwohl eine Vielzahl von Studien über diverse biologische Aktivitäten von Neem-Extrakten und einige isolierte Bestandteile im Labor und an Tiermodellen durchgeführt worden sind, gibt es nur vereinzelte Berichte über kontrollierte medizinische Studien. Für die äußere Anwendung als Antimykotikum liegen wenige Erfahrungen vor, die innere Anwendung bei Pilz-Infektionen des Verdauungstraktes ist wissenschaftlich nicht erforscht.

Wegen der in Laborversuchen und seit Jahrhunderten in der ayurvedischen Medizin gemachten Erfahrungen an positiven antimykotischen Eigenschaften sollte die Forschung auf die Entwicklung moderner Drogen auf der Basis aus Neem gewonnener Verbindungen ausgebaut werden. Studien zur Bioaktivität, Wirkungsmechanismen, Abbau, Toxizität und klinische Versuche sind vermehrt durchzuführen.

Bis wirksame und unbedenkliche Neem-Medikamente angeboten werden, vergehen Jahrzehnte. Wer sich auf dem grauen Markt mit Neem-Extrakten unterschiedlicher Zusammensetzung zur (Eigen-) Behandlung versorgt, geht unbekannte Risiken ein.

Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt - nicht ersetzen kann.

Vertiefende Informationen:

BgVV: Gesundheitliche Risiken bei der Anwendung von Neemöl gegen Spinnmilben. Stellungnahme vom Februar 2002

Biswas K, Chattopadhyay I, Banerjee RK, Bandyopadhyay U: Biological activities and medicinal properties of Neem (Azadirachta indica). Current Science 82 11 (2002) 1336-45

Khan M; Schneider B; Wassilew SW; Splanemann V: Experimentelle Untersuchungen über die Wirkung von Bestandteilen des Niembaumes und daraus hergestellten Extrakten auf Dermatophyten, Hefen und Schimmelpilze. Z Hautkrankh 63 6 (1988) 499-502

Knust FJ: Vielversprechender Behandlungsversuch mit 1%iger Neemsalbe bei kindlicher Scabies. UMWELT & GESUNDHEIT 6 3 (1995) 75

Steneberg A: Neem – Medizinische Eigenschaften eines Indischen Baumes. UMWELT & GESUNDHEIT 19 3 (2008) 100-1

Talwar GP, Raghuvanshi P, Misra R, Mukherjee S, Shah S: Plant immunomodulators for termination of unwanted pregnancy and for contraception and reproductive health. Immunol Cell Biol 75 2 (1997) 190-2