Bei einem Waldspaziergang kann vor allem derjenige die ersten Ergebnisse des Waldumbaus beobachten, der sich noch erinnern kann, wie der Wald vor zwanzig Jahren ausgesehen hat: Wo man früher durch Bestände mit älteren Bäumen einer einzigen Art hindurch gucken konnte, stehen unter den alten Bäumen heute Massen von jüngeren Bäume der unterschiedlichsten Arten. Das ist das Prinzip des naturnahen Waldbaus, bei dem man den Wald selbst für seinen Nachwuchs sorgen lässt.

Aus der Not geboren: die traditionelle Forstwirtschaft

Der Wald, genauer gesagt, der Buchenmischwald in seinen vielen Variationen ist hierzulande die natürliche Form der Vegetation. Aus diesem Grund war Deutschland ursprünglich fast komplett von Wald bedeckt, der eine scheinbar unerschöpfliche Ressource darstellte. Daher trieb man viele Jahrhunderte bedenkenlos Raubbau am Urwald. Zum einen brauchte die wachsende Bevölkerung immer mehr landwirtschaftliche Flächen; zum anderen wurden die verbleibenden Wälder gnadenlos durch Holzeinschlag und Waldweide übernutzt.

Zu Beginn der Industrialisierung war daher der Wald fast ganz verschwunden und Holz wurde knapp. Man kam nun auf die Idee, Wald auf Kahlflächen gezielt anzupflanzen und zu pflegen. Als Baumart wählte man sehr oft die Fichte, da sie schnell wächst und brauchbares Brenn- und Konstruktionsholz liefert. Da die auf einer Fläche stehenden Bäume alle gleichzeitig gepflanzt wurden, wurden sie auch gleichzeitig hiebreif. So entstand der Altersklassenwald des konventionellen Waldbaus, bei dem auf jeder Parzelle lauter gleich alte Bäume der gleichen Art stehen.

Land- und Gartenbau als Vorbilder der Forstwirtschaft

Diese Form des Waldbaus warf nun eine Menge Probleme auf: Die jungen Bäume mussten nicht nur einzeln gepflanzt, sondern auch gehegt und gepflegt, vor Verbiss durch Wild und vor dem Überwuchern durch schneller wachsende Pflanzen geschützt werden. Da es sich um Monokulturen handelte, traten immer wieder bestimmte Schädlinge wie der Borkenkäfer in Massen auf und richteten schlimme Schäden an. Schließlich erwies sich die Fichte auch als ungeeignet für viele Standorte, auf denen sie oft Krankheiten bekam, welche den Ertrag und die Holzgüte schmälerten. Zudem bedeutet auch der Kahlschlag auf einer hiebreifen Fläche jedesmal eine kleine ökologische Katastrophe, die das ganze Bodenleben des Waldes erheblich beeinträchtigt.

Heute weiß man, dass diese Art des Waldbaus blödsinnig ist. Man darf aber mit den alten Förstern nicht zu sehr schimpfen, denn sie wussten es noch nicht besser: Als Vorbilder hatten sie ja nur die Landwirtschaft und den Gartenbau, wo man genau in dieser Weise vorgeht. Dazu kommt, dass die Menschen früher in der Vorstellung lebten, dass die Natur feindlich sei und man ihr nur mit Mühe sein tägliches Brot abtrotzen könne.

Die Natur als Vorbild des modernen Waldbaus

Mit der Zeit kam aber, zunächst zwar nur bei wenigen, der Gedanke auf, dass es mit der Natur sicher leichter geht als gegen sie. Die Erfinder des naturnahen Waldbaus nahmen sich also die Natur als Vorbild und ließen ihren Nutzwald so wachsen, wie eben ein Wald von sich aus wächst.

In einem natürlichen oder naturnahen Wald gibt es Bäume verschiedener Arten und verschiedenen Alters. Unter den großen, alten Baumriesen stehen jüngere Bäume verschiedenen Alters als Nachwuchs. Zwischen den noch niedrigen, ganz jungen Bäumen gibt es vielerlei Sträucher und ganz unten am Boden eine Kraut- und Moosschicht mit Pilzen. Ein solcher Wald ist ein dauerhaftes Ökosystem, welches sich ständig erneuert. Daher nennt man einen solchen Wald auch Dauerwald im Gegensatz zum Altersklassenwald der konventionellen Forstwirtschaft.

Wer seinen Wald auf diese Weise wachsen lässt, spart sich zunächst einmal die ganze Arbeit des Anpflanzens und der Pflege von jungen Bäumen. Verbissschutz betreibt er lediglich mit der Büchse, indem er Rehe schießt, wenn es zu viel davon gibt. Das ist nämlich oft der Fall in einem solchen Wald, denn er bietet vielen Tieren und eben auch den Rehen einen idealen Lebensraum.

Bäume werden im Dauerwald immer nur einzeln gefällt, nie in Form eines Kahlschlags. Das ist für den Wald nicht anders als wenn ein alter Baum von selbst abstirbt und umfällt: Die nächste Generation wartet schon und bald wird einer der unterständigen Bäume das Rennen um den Platz an der Sonne gewonnen und die Lücke im Blätterdach geschlossen haben.

Billiger, ertragreicher und ökologisch sinnvoller

Dass sich Waldbau auf diese Weise leichter und besser betreiben lässt, fanden schon vor mehr als hundert Jahren manche Großprivatwaldbesitzer heraus und stellten auf Dauerwald um. In der Schweiz kam man beim Staatsforst vor dem Zweiten Weltkrieg auf diese Betriebsform. Bei uns musste erst der Orkan Wiebke kommen. Da mittlerweile die Lohnkosten für Waldarbeiter hoch und die öffentlichen Gelder knapp geworden waren, mussten nun auch die Staatsforsten unserer Bundesländer umdenken und kamen dadurch auch auf den ökonomisch und ökologisch sinnvolleren naturnahen Waldbau, der ganz nebenbei auch noch schönere Wälder für den Sonntagspaziergang erzeugt.