Der Pali-Kanon – die "Bibel" des Hinayana-Buddhismus

Yufosi, Jadebuddha-Tempel, Shanghai - Sonja Eliane Stenek
Yufosi, Jadebuddha-Tempel, Shanghai - Sonja Eliane Stenek
Der Pali-Kanon gilt als die Sammlung der Worte Buddhas und ist dementsprechend besonders für den Theravada-Buddhismus von wesentlicher Bedeutung.

Viele buddhistische Traditionen beziehen sich auf das Lotos-Sutra als bedeutendstes Werk der buddhistischen Lehre. Im Theravada-Buddhismus ist dies anders: Ausgehend von der Annahme, dass im Pali-Kanon die Worte Buddhas gesammelt wurden und die Theravadins sich besonders an diesen Worten orientieren, ist der Pali-Kanon als Grundlage der theravadischen Tradition zu betrachten.

Die Geschichte des Pali-Kanon

Im Rahmen von drei Mönchskonzilien wurden Texte kanonisiert, die Buddha persönlich zugeschrieben wurden. Der Tod Buddhas wird mit 483 vor Christus festgelegt und nach dessen Dahinscheiden fand in Rajagaha das erste Konzil statt. In Vesali fand zirka 100 bis 150 Jahre später das zweite und 252 vor Christus das dritte Konzil in Pataliputta (Patna) statt. Nachdem Buddha die Lehre, das Dhamma, als die höchste Instanz des Buddhismus betrachtet hat, bestand eine hohe Notwendigkeit darin, die Schriften zu vervollständigen beziehungsweise seine Worte ehebaldigst nach seinem Parinibbana festzuhalten.

Mahakassapa hat nach Buddhas Einäscherung das erste Konzil zusammengerufen, in welchem besonders auf die Ordensregeln (Vinaya) und die Lehrreden (Sutta) eingegangen wurde. Während des zweiten Konzils kam es zu Unstimmigkeiten, inwieweit die Worte Buddhas wörtlich zu nehmen seien oder nicht. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die „Anhänger der Lehre der Älteren“, die Theravadins, von der „Großen Gemeinde“, den Mahagasanghikas, abgetrennt. Das war der Punkt der Auseinanderentwicklung von Hinayana (Theravada-Buddhismus beziehungsweise Kleines Fahrzeug) und Mahayana (Großes Fahrzeug).

Während des dritten Konzils wurden die bestehenden Theravada-Texte überprüft und die Vinaya- und Suttapitaka-Sammlung ergänzt. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Biografie Buddhas noch nicht beigefügt, da die Lehre an sich genügend Inhalt hatte und sie dadurch nicht an Wert verlor. Im ersten Jahrhundert vor Christus wurde der Pali-Kanon, der bis dato nur mündlich tradiert wurde, auf Forderung von König Vattagamani Abhaya verschriftlicht. Dies ist der einzige vollständig erhaltene Kanon.

Ist der Pali-Kanon wirklich Buddhas Wort?

Vielfach wird diskutiert, ob der Pali-Kanon tatsächlich Buddhas Wort festhält oder ob er nicht eher Inhalte verschiedener Mönchsreden und –lehren beinhaltet. Hier wird festgehalten, dass Buddha 45 Lebensjahre sich an dem buddhistischen Lebenskonzept entwickelte, Ideen ausbaute, das System verfeinerte und Widersprüche als auch Einsichten offensichtlich durchdachte und konkretisierte. Schumann hält fest, dass es mehrere Gedankensprünge als auch Erkenntnisse im Verlauf der Texte nachweisbar sind. Die Idee eines vorkanonischen Buddhismus, der von den Mönchen selbst entwickelt wurde, hält er dementsprechend für Spekulation.

Die Unterteilung des Pali-Kanon

Der Pali-Kanon besteht aus mehreren sogenannten Körben. Dies ist so zu verstehen, dass die dargelegten Schriften in getrocknete Palmblätter geritzt wurden, die in Körben aufbewahrt wurden. Der erste Korb enthält die sogenannte Vinayapitaka, die Mönchsregeln, aber auch Material über Buddha und die Entstehung der Sangha. Der zweite Korb, die Suttapitaka, beinhaltet die gesamte Lehre des Buddha. Dieser ist wiederum in fünf Teile zu gliedern:

  1. Dighanikaya: Sammlung der langen Suttas
  2. Majjhimanikaya: Sammlung der mittellangen Suttas
  3. Samyuttanikaya: Sammlung der (nach Themen) zusammengestellten Suttas
  4. Anguttaranikaya: Sammlung der (nach Zahl der behandelten Gegenstände) gestaffelten Suttas
  5. und die Khuddakanikaya: Sammlung der kleineren Texte.

In der Khuddakanikaya finden sich etliche wichtige Einzelwerke wie die Udana (Aussprüche), Itivuttaka (So ist gesagt) und Suttanipata (Suttenbruchstücke). Der Dhammapada (Pfad der Lehre) besteht aus 423 Strophen, die jedoch nur zum Bruchteil von Buddha persönlich stammen.

Das Suttapitaka ist für die Theravadins sehr wesentlich, da sich hier die hauptsächlichen Lehrreden des Buddha befinden. Das Abhidammapitaka wird als Korb der Scholastik bezeichnet. Hier finden sich Begrifflichkeiten und Analysen der Haupt- und Unterbegriffe in Form von Listen als auch Tabellen. Dieser Korb, der erst im 1. Jahrhundert vor Christus entstanden ist, ist der jüngste von allen. Dies kann auch an der Sprache erkannt werden: Während in den ersten beiden Körben eine eher konventionelle Sprache gebraucht wird, ist das Abhidammapitaka durch wissenschaftlichere oder psychologische Bezeichnungen und Begrifflichkeiten geprägt.

Weitere wesentliche Werke sind außerkanonischer Natur. Der Milindapanha (1. Jahrhundert nach Christus) beschreibt in Dialogform die Lehre von der Wiedergeburt ohne Seele. Buddhagosa hat im 5. Jahrhundert das Visuddhimaga (Weg zur Reinheit) und Anuruddha hat im 11. Jahrhundert das Abhidammatthasangaha (Zusammenfassung des Sinnes der Scholastik) verfasst.

Quellen:

Schumann, Hans Wolfgang: Buddhismus. Stifter, Schulen und Systeme. Patmos Verlag, München. 2005.

Stenek, Sonja Eliane: Der Theravada-Buddhismus – die Lehre der Älteren

Tipitaka, der Pali Kanon des Theravada Buddhismus

Mag. Sonja Eliane Stenek, Mag. Sonja Eliane Stenek

Sonja Eliane Stenek - Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Psychosomatik, depressive Erkrankungen, Angststörungen, Begleitung in Krisen insbesondere bei ...

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