Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin - von Joe Coomer

Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin - Claudia Runge
Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin - Claudia Runge
Es gibt schräge Romane, doch dieser ist ein besonderer Leckerbissen. Hobbyphilosophen, Überlebenskünstler und Singles kommen hier voll auf ihre Kosten.

"Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin" ist ein besonderes Buch. Es verlangt Aufmerksamkeit und Offenheit. Es eignet sich für Sinnsuchende ebenso, wie auch einfach für einen interessant-amüsanten Lesenachmittag.

Lyman rettet den geflügelten Boten

Lyman will nur eins - das Leben verstehen, sein eigenes Dasein begreifen. Er bereitet sich durch Lernen auf das Unvermeidbare vor, auf den Zufall. Lyman besucht Collegekurse in Sparten wie Handwerk aller Art, Bogenschießen und Fremdsprachen. Es würde dadurch fast nichts geben, das ihn überraschen könnte. Und dann begegnet ihm Luke, eine Venezuela-Amazone. Der Papagei wirft Lymans Leben komplett über den Haufen, als er sich mit "Halt die Klappe!" vorstellt. Lyman reibt sich auf bei dem Versuch, dem Tier ein gutes Zuhause zu bieten, dessen Vergangenheit zu ergründen, in den fast schon religiös anmutenden Aussprüchen des Vogels einen Sinn zu finden und gleichzeitig an seinem eingefahrenen Alltagstrott festzuhalten. Für ihn treffen sich Vergangenheit und Zukunft mitten in seiner Gegenwart.

Wenn vier grundverschiedene Individuen aufeinander treffen ...

Lyman ist ein skuriler Einsiedler, dem es schwer fällt mit den Widersprüchen des Lebens fertig zu werden. Er ist 30, arbeitet nachts hauptberuflich als Pannenhelfer auf der Autobahn und angelt Schrott. Dabei begegnen ihm im Laufe des Buches nicht nur der Papagei, sondern auch die Bibliothekarin Fiona, ihr labiler Hund Floyd, der sich gern anlehnt, und jede Menge Fremde und Halbfremde. Fiona, die ein freches Mundwerk hat und auch sonst nicht auf den Kopf gefallen ist, setzt in den Bibliotheken des Landes Bücher instand. Sie mag Lyman und hilft ihm auf ihre besondere Art die sich verändernden Umstände seinem Leben anzupassen. Lyman hat sich in den Kopf gesetzt, den eigentlichen Besitzer des Vogels ausfindig zu machen. Und bekanntlich können Papageien ja sehr alt werden ... Es beginnt so eine Art Zeitreise rückwärts, mit Luke, Floyd und Fiona an seiner Seite.

Er ersann sich Lyman und Co.

Joe Coomer lebt in Texas und Maine, USA, wo er seine fiktiven und nichtfitiven Romane schreibt. Seine Werke wurden mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, zum Teil verfilmt und erfeuen sich einer weltweiten Leserschaft. Er segelt gern und beschreibt sowohl das Segeln ("Sailing in a Spoonful of Water") als auch den Bau seines Hauses ("Dream House") in Büchern.

Bitte vor der Lektüre beachten

Das Buch ist nichts für schwache Nerven. Einige Szenen haben sich wirklich gewaschen und erfordern einen stabilen Magen vom Leser. Der Humor kommt mitunter feinsinnig daher oder klopft direkt brüllend an die Lachmuskeln. Ein gutes Stück Philosophie über das Leben und Sterben und dessen Sinn oder Irrtum verbindet sich mit einem Querschnitt durch menschliche Schicksale. Daher ist zu empfehlen, dieses Buch nicht unbedingt in der S-Bahn oder bei der Busfahrt zu lesen, sondern sich Zeit dafür zu nehmen. Denn hier ist nicht nur Lyman auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem Verstehen der Dinge. Und der Leser wird auf die unerwartete Reise mitgenommen ...

Joe Coomer, "Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin", Scherz Verlag, Bern, München, Wien, 1997 (4. Auflage), ISBN 3-502-10135-3

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