
- Der Tastsinn, Ribera - Amazon
In Laufe der Jahrhunderte der Renaissance entwickelte sich zwischen den artis liberalis – den freien Künsten – ein internationaler Wettstreit, der sogar höfisches Konversationsthema wurde.
Es stand die Malerei der Bildhauerei gegenüber, dann der Dichtung und später der Musik.
Der größte und wichtigste dieser, der äußert prägend für die Entwicklung der Künste war, war der Paragone – der Wettbewerb zwischen Malerei und Bildhauerei.
Die ersten belegten Beginne des Paragone werden bereits kurz vor dem 15. Jahrhundert datiert.
Auslösend waren verschiedene kunsttheoretische Schriften, wie Baldassare Castigliones „Il Libro del Cortegiano“ und, die wichtigste wohl, „Due Lectioni“ von Benedetto Varci, welche 1550 gedruckt und veröffentlicht wurde.
In den „Due Lectioni“ beruft sich Varci nicht einfach auf bereits bekannte Argumente, sondern führte eine der wichtigsten Künstlerumfragen aller Zeiten durch: Er befragte Maler sowie Bildhauer zu dem Thema und verlieh seinem Text dadurch große Authentizität und Autorität.
Besonders die Befragung von Michelangelo – der sowohl Maler als auch Bildhauer war – liefert eine außergewöhnliche Perspektive.
Spätere Texte zum Thema, welche das ganze 16. Jahrhundert hindurch verfasst wurden - bezogen sich Großteiles alle aus Varcis Werk.
Malerei ist nur ein Trugbild, während die Bildhauerei das Objekt wahrhaftig darstellen kann
Eines der ersten Argumente der Bildhauer war, dass sie mit ihrer Kunst ein Objekt so darstellen konnten, wie es wirklich war – in 3D. Die Maler hingegen würden 3D Objekte in 2D darstellen und somit das Gemalte verfälschen.
Die Malerseite antwortete darauf, dass es eben die Kunst sei, Fiktion erstehen und diese real wirken zu lassen. Es wurde als intellektuelle Leistung betrachtet.
Bildhauerei spricht zwei Sinne an
Ein weiteres Argument, das für beide Künste vor allem ikonographisch sehr prägend war, war die Behauptung, selbst Blinde könnten sich an der Bildhauerei erfreuen, da sie die Skulpturen mit ihren Händen betasten und somit „sehen“ könnten. Gemälde hingegen sprechen nur den Sinn des Sehens an, nicht den Tastsinn, und bleiben somit für die Blinden verschlossen.
Dieses Argument löste eine Welle von Diskussionen aus. Die Künstler jedoch diskutierten nicht nur mittels Texten – sie antworteten mit ihren Werken.
So malte zum Beispiel der spanische Künstler Jusepe de Ribera eine Darstellung des Tastsinnes: Ein Blinder Mann – eindeutig erkennbar an den geschlossenen Augen – betastet einen antiken Skulpturenkopf. Daneben lieg ein Gemälde.
Es ist offensichtlich, dass es Ribera in seinem Werk um den Paragone geht.
Das Thema des tastenden Blinden wurde viele Male, auf unterschiedliche Arten, dargestellt. Gleich bleibt bei allen Werken, dass der Blinde eine Skulptur betastet und gleichzeitig versucht ein gemaltes Werk mit dem Tastsinn zu ergründen, oder das Gemälde gar nur unbeachtet daneben liegt.
Skulpturen sind haltbarer als Gemälde
Ein weiteres Argument der Bildhauer war, dass ihre Skulpturen viel haltbarer seien als die Gemälde der Rivalen.
Dazu beriefen sie sich auf die Antike, aus der tausende von Skulpturen erhalten waren aber so gut wie kein Gemälde.
Die Reaktion der Maler darauf war, der Versuch Sebastiano del Piombos das berühmte verlorene Portrait Giulia Gonzagas auf Stein zu malen, sodass es ebenso lange halten würde, wie die steinernen Skulpturen der Bildhauer.
Die Annahme, Gemälde auf steinartigem Untergrund würden länger halten, war natürlich ein Irrtum. Das war den Künstlern damals noch nicht bekannt und so wurden Schiefer-, Marmor-, Kupferplatten und Ähnliches beliebte Untergrundmaterialien, um dem Argument der Bildhauerei entgegenzuwirken.
Manche Künstler spezialisierten sich geradezu auf dieses Medium.
Ein Beispiel dazu ist die in Rom stehende Capella Chigi, deren Dekoration von Raffael begonnen und später von Bernini fertiggestellt wurde. In der gesamten Ausstattung findet sich keine einzige Leinwand, keine Freske: Alles wurde aus „unvergänglichen“ Materialien gefertigt.
Selbst das Altarbild von Sebastian del Piombo wurde direkt auf die Wand, welche speziell mit kleinen Marmorplättchen aufgemauert wurde, gemalt. Sogar in der kirchlichen Struktur finden sich also Ansätze des Paragones.
Natürlich war dieses sehr aufwendige und kostenintensive „concept eternitas“ auch Mittel zur Demonstration von Macht und Reichtum.
Die Skulptur ist vielansichtig, das Bild zeigt nur eine Perspektive
Ein bildhauerisches Argument, das von den Malern besonders gekonnt in ihren Werken gekontert wurde, war die Aussage, die Malerei könne Objekte immer nur von einer Seite zeigen, während der Betrachter einer Skulptur diese von allen Perspektiven betrachten könne.
Eines der bekanntesten Werke, gegen dieses Argument, ist Jan van Eycks – leider verlorenes – Gemälde der Jungfrau im Bade.
Es zeigt die Frontalansicht eines jungen Mädchens im Bade, dass sich mit den Händen bedeckt. Hinter ihr an der Wand hat Jan van Eyck einen Spiegel angebracht, der ihre unverdeckte Rückansicht zeigt.
Es wurden hunderte Bilder gefertigt, die verschiedene Ansichten von Objekten und Protagonisten darstellten. Ob es ein Altarbild einer Kreuzabnahme ist, auf dem sich die Rückansicht eines Soldaten in seinem am Boden liegenden Helm spiegelt oder die Darstellung des Hl. Georgs, der dank zwei Spiegeln und einer Wasseroberfläche gleich dreimal gespiegelt und somit in einem Gemälde viermal betrachtbar ist – die Maler bewiesen, dass ihre Kunst nicht nur ebenfalls mehrere Perspektiven zeigen kann sondern diese auch noch simultan darzustellen vermag.
Ein besonders Beispiel ist der Maler Bronzino, der ebenfalls von Varci um Stellungnahme gebeten worden war, den Brief mit seiner Antwort aber unvollendet abgesandt hatte.
In seiner lebensgroßen Darstellung des „Il Morgente“, des Hofzwerges von Cosimo I., nimmt er jedoch klar Stellung zum Paragone.
Er malte zwei Bilder des „Il Morgente“ – eine Rückansicht und eine Vorderansicht. Der Hofzwerg hatte auch die Aufgabe des Vogelfängers, welche er mithilfe einer Eule als „Lockvogel“ durchführte. Auf der Vorderseite trägt der Gemalte also die Eule auf der Hand, auf der Rückseite, sitzt sie auf seiner Schulter und in der Hand hält „Il Morgente“ ein Bündel toter Vögel.
Die zwei Darstellungen – die als Vorder- und Rückseite eines Objektes gedacht waren, und somit keine simultane Darstellung, sondern - ganz der Bildhauer gleich - ein 3D Werk, zeigten – stellten zudem noch zwei verschiedene Momente dar, etwas was der Bildhauerei in einem Werk nicht gelingen sollte.
Bronzinos Werk war eine wichtige ironische malerische Stellungnahme zum Paragone.
Das Argument der Universalität
Das wichtigste Argument der Maler war, dass sie mit Farbe alles – auch Wetterleuchten, Feuerzungen, Gewitter – darstellen konnten.
Daraus heraus entwickelte sich eine Tradition von landschaftlichen Gewitterbildern, für die besonders Poussin bekannt war.
Quelle:
- VO Gemalte Kunsttheorie, Schütze
- Paragone A Comparison of the Arts, Da Vinci
