Der Philosoph Frédéric Gros denkt über das Gehen nach

Man solle nur Gedanken vertrauen, so Nietzsche, die man im Gehen gefunden habe. Frédéric Gros folgt der Fährte und philosophiert über die Bewegung im Raum.

Frédéric Gros ist von Hause aus Philosoph und ein leidenschaftlicher Wanderer. Er lehrt als Professor in Paris und philosophiert gern im Gehen und über das Gehen. Das wird in seinem Buch im umfassenden Sinn verstanden: Es geht um das Spazieren und Wandern, um das Pilgern und Flanieren. Gros reflektiert auch über Phänomene, die zur Fortbewegung im Raum gehören: die Langsamkeit und die Einsamkeit, das Elementare und die Schwerkraft. Es werden auch ausgewählte, aber nicht chronologisch geordnete Persönlichkeiten porträtiert, die mit Vorliebe im Freien dachten und, im besten Fall, in der Natur zum freien Denken fanden.

"Wo selbst die Wege nachdenklich werden"

Ausführlich hat Nietzsche über die Vorzüge geschrieben, nicht sitzend in den vier Wänden als Sklave anderer Bücher, sondern in der Bewegung und selbst zu denken. „Nietzsche wandert, wie andere arbeiten. Er arbeitet beim Wandern“, so Gros und erinnert an dessen Ausspruch, am liebsten dort zu gehen, „wo selbst die Wege nachdenklich werden“. Das Zitat wählte schon Andreas Hüser als Titel für sein luzides Buch über „Nietzsche und der Berg“ (2003), in dem er einen Gedankenspaziergang mit dem passionierten Wanderer Nietzsche unternimmt.

Würde er seine Bücher gekannt haben, Nietzsche hätte Henry David Thoreau ebenso als Vorbild gewählt wie dessen Lehrer Ralph Waldo Emerson. Denn die Werke des Letzteren haben den Philosophen nachhaltig inspiriert. In „Natur“ etwa hat Emerson Gedanken über das Verhältnis des Menschen zur Umwelt formuliert. Thoreau ging nur zu Fuß und dachte über das Gehen nach. „Vom Spazieren“ heißt ein Aufsatz, in dem er für das einfache Leben im Allgemeinen und die Vorteile des Gehens im Speziellen warb. „Es ist vergeblich“, so Thoreau, „sich hinzusetzen, um zu schreiben, wenn man nie aufgestanden ist, um zu leben.“

Rimbaud, der "Mann mit Schuhsohlen aus Wind"

Arthur Rimbaud, der früh vollendete Dichter, streifte als junger Mensch ebenso rastlos durch Frankreich und Belgien wie später durch Afrika und den Jemen. Sein Gehen war, laut Gros, eher eine Flucht und ein Ausdruck seines Zorns. Rimbaud, der einer der wichtigsten Lyriker des 19. Jahrhunderts war, obwohl er mit 21 Jahren das Schreiben aufgab, sagte über sich: „Ich bin Fußgänger, sonst nichts.“ Für Verlaine war er der "Mann mit den Schuhsohlen aus Wind“.

Bei Gandhi, den die Gedanken Henry David Thoreaus ebenfalls stark beeinflusst haben, war das Wandern wiederum eine Form friedlichen Protests. Auf Märschen durch ganz Indien demonstrierte er mit oft tausenden Mitstreitern gegen die englische Kolonialherrschaft. Fast zeitgleich dachte Walter Benjamin über den Flaneur nach, der als Bewohner der Großstadt auf seinen Gängen nichts sucht und alles findet. Verkörpert sah er ihn in Baudelaire und Nerval.

Frédéric Gros‘ Essay „Unterwegs“ ist ein leichtfüßig philosophischer Gang durch die europäische Kulturgeschichte, die Lust auf Bewegung und das Denken im Freien macht.

Frédéric Gros: Unterwegs. Eine kleine Philosophie des Gehens. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer und Michael Bayer. Riemann Verlag, München 2010. 253 S., geb., 16,95 €.

Kai Agthe, Barbara Braun (Berlin)

Kai Agthe - Ich bin freier Journalist und Literaturwissenschaftler. Meine Stärken liegen im Feuilleton. Meine Vorlieben sind die bildende Kunst ...

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