Der Polytheismus der Hindus – ein Monotheismus?

Guru - Dieter Schütz / pixelio.de
Guru - Dieter Schütz / pixelio.de
Der Hinduismus ist die klassische Form des Polytheismus. Trotz dieses Unterschieds gibt es aber auch Gemeinsamkeiten mit dem Monotheismus des Christentums.

Religionen sind nichts Einheitliches, das gilt auch für den Hinduismus. Das ursprüngliche religiöse Leben, das im Wesentlichen auf der Anrufung von Gottheiten und Opferhandlungen beruhte, geriet um 500 vor Christus in eine Krise. Verschiedenste asketische Reformbewegungen waren die Antwort. Eine dieser Antworten war die des Buddha, der sich auch von einer übertriebenen Askese distanzierte und einen „Mittleren Weg“ ging, der sich zu einer eigenen Religion entwickelte.

In den klassischen Hindu-Religionen, die sich ab dieser Zeit herausbildeten, entstanden einzelne Heiligtümer, in denen eine Hochgottheit – vor allem Vishnu oder Shiva – verehrt wurde, daneben andere Gottheiten in verschiedenen Nischen oder Nebengebäuden. Der klassische Hinduismus kommt im Gupta-Reich (zirka 320 – 650 nach Christus) zur Blüte. Die Staatstempel sind auch politische Einheitssymbole, die Identität und ein Reichsbewusstsein schaffen. Die Hauptformen der Religion verbreiten sich über den indischen Subkontinent hinaus bis nach Südostasien und Indonesien. Das heutige Vietnam, Jawa oder Bali werden Hindu-Königreiche, das bekannteste ist Angkor Wat im heutigen Kambodscha.

In Indien kommt es in der Folge wieder zu einer Regionalisierung, lokale Gottheiten erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Die rasante Ausbreitung des Buddhismus und des Islam beendet in vielen Regionen die Hindu-Vorherrschaft. Ab dem 8. Jahrhundert breitet sich der Islam vor allem in Nordindien aus. Das Mogulreich (1555 – 1858) bildet sogar den Grundstein für das indische Nationalbewusstsein. Im Sikkhismus verbinden sich hinduistische und islamische Einflüsse. Die Reinkarnation und das zyklische Geschichtsbild kommen von den Hindus, der strenge Monotheismus und die schriftliche Offenbarung vom Islam.

Der moderne Hinduismus nimmt wiederum Einflüsse aus dem Islam und dem Christentum auf. Ram Mohan Roy (1772 – 1833), der als Vater des modernen Hinduismus gilt, verband die Hindu-Tradition mit der Ethik der Bergpredigt. Sri Ramakrishna (1836 – 1886), der bedeutendste indische Yogi, praktizierte auch religiöse Übungen anderer Religionen. Man sagt, hätte er seine Meditation auf Jesus Christus noch zwei Wochen weiter praktiziert, er wäre zum Christentum übergetreten.

Das Absolute und die vielen Götter

Die letzte absolute Wirklichkeit ist das Brahman, das uranfängliche Eine, aus dem alles existiert. Es ist unendlich, allgegenwärtig, eigenschaftslos und unnennbar. Es ist wie der unendliche Ocean, dessen Wellen das flüchtige Leben der Kreaturen darstellen. Der Mensch ist in seinem Innersten Atman, das letztlich identisch ist mit dem Brahman. Dies zu erkennen ist sein Ziel.

Alles ist Manifestation Brahmans, auch die Gottheiten, in denen sich Brahman manifestiert. Der Schöpfergott Brahma tritt immer mehr in den Hintergrund und es bilden sich drei Hauptrichtungen des Hinduismus heraus: Vishnuismus, Shivaismus und Shaktismus. Vishnu greift immer wieder in die Weltordnung ein durch seine Inkarnationen (Avataras). Die bekanntesten sind Rama und Krishna. Als man Buddha als neunte Inkarnation Vishnus integrierte, beendete das den Vormarsch des Buddhismus. Shiva wird zwar als „der Freundliche“ bezeichnet, er ist aber sowohl Schöpfer als auch Zerstörer und gilt als „Versöhner der Gegensätze“. Für Asketen verkörpert er das Urbild des Einsiedlers. Eine große Rolle spielt in Indien immer auch der weibliche Aspekt der Götter, im Shaktismus spielt er eine zentrale Rolle. Die Muttergottheit manifestiert sich in einer gütigen, sanften Form (Parvati, Sarasvati oder Lakshmi), aber auch als wilde, zerstörerische Göttin Durga oder Kali. Mitunter gibt es auch eine Art Trinität (Trimurti) von Brahma, Vishnu und Shiva.

Polytheismus oder nicht?

Diese Frage ist nicht so eindeutig zu beantworten. Zwar gibt es im Hinduismus Millionen von Göttern, aber die religiöse Praxis ist von der Verehrung eines persönlichen Gottes geprägt, und alle „Götter“ sind letztlich nur Manifestationen oder Erscheinungsformen des einen Brahman. Die großen Yogis wie Ramakrishna oder Yogananda kann man durchaus als Monotheisten bezeichnen. (Und das meiste, das heute im Westen unter dem Namen Yoga läuft, hat mit diesem kaum mehr etwas zu tun.)

Aufpassen muss man bei der Übersetzung. Was die großen monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) als Gott bezeichnen, kann nicht mit den Göttern in anderen Religionen übersetzt werden. „Götter“ sind nie die Mehrzahl von „Gott“. Mit Götter sind entweder verschiedene Manifestationen des Einen oder Eigenschaften des Göttlichen gemeint. Die griechischen und römischen „Götter“ sind wiederum so etwas wie eine mythologisierte „Psychologie“. Die antiken Mythen sind wie archetypische Erzählungen des Menschseins.

Persönlicher Gott und unpersönliches Absolutes

Kann man den christlichen persönlichen Gott mit dem hinduistischen Brahman „übersetzen“? Sicher nicht. Das wird vor allem an der Praxis deutlich: Zum Gott der Christen kann man beten, mit ihm sprechen und – was das Wesentliche ist – eine Beziehung (zwischen Geschöpf und Schöpfer) aufbauen. Beim Brahman geht das nicht. Da geht es darum zu erkennen, dass das Innerste des Menschen identisch ist mit dem Absoluten.

Allerdings könnte man das zum Anlass nehmen, den Person-Begriff zu hinterfragen. Personare heißt durchtönen, gemeint war ursprünglich die Maske des griechischen Theaters, die Stimme des Schauspielers, der die Maske, die er darstellt, lebendig macht. Mit Person ist daher nicht die sichtbare Erscheinung gemeint, sondern das dahinter stehende, unsichtbare eigentliche Leben. Mit Brahman ist gemeint, dass die letzte Wirklichkeit unvorstellbar ist. Und das hat durchaus eine Parallele zum christlichen „Du sollst dir kein Bild machen“, keine Vorstellung bilden, auch der persönliche Gott ist jenseits menschlicher Vorstellung.

Andererseits ist das Absolute für den Yogi „Sat-Chit-Ananda“ gleich Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit. Mit Bewusstsein ist da jenes Element dabei, das wir mit Person verbinden. Josef Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI. umschreibt Person daher auch mit „Sein, Bewusstsein, Liebe“. Auch in der Differenz liegt somit eine Gemeinsamkeit. An anderer Stelle meinte der damalige Kardinal Ratzinger, dass Christen durchaus von der asiatischen Mystik lernen könnten. Das Gebot „Du sollst dir kein Bild machen“ – auch wenn Jesus Christus die lebendige Ikone Gottes ist – wird von Christen doch häufig vernachlässigt. Christus ist zwar „der Weg, die Wahrheit und das Leben“, aber wer sich im Besitz der Wahrheit wähnt, ist unfähig für einen (christlichen) Dialog mit den anderen Religionen.

Quellen:

M. Hutter: „Die Weltreligionen“, C.H. Beck Verlag 2006

H.W. Schuman: „Die großen Götter Indiens. Grundzüge von Hinduismus und Buddhismus“, Diederichs Verlag 2004

J. Ratzinger / Benedikt XVI.: „Gott und die Welt. Die Geheimnisse des christlichen Glaubens. Ein Gespräch mit P. Seewald, Deutsche Verlags-Anstalt 2000

Bildnachweis: Dieter Schütz / pixelio.de

Robert Harsieber, Robert Harsieber

Dr. Robert Harsieber - Vom Hauptberuf Fachjournalist (Wissenschaft, Wirtschaft, Medizin) betrieb ich einen kleinen Verlag (RHVerlag, spezialisiert auf ...

rss