Jáchym Topol, 1962 in Prag geboren, wuchs in einem literarisch und kritisch geprägten Umfeld auf. Sein Vater ist der Schriftsteller und Dramaturg Josef Topol. Nachdem 1972 das Theater, an dem er tätig war, vom Staat geschlossen wurde, arbeitete er als Arbeiter und Bauarbeiter, gelegentlich auch unter falschem Namen als Übersetzer. Nicht nur der Vater, auch der Sohn unterschrieb die Charta 77.
Jáchym Topol gehörte in den 70er und 80er Jahren zur literarischen und musikalischen Untergrundbewegung. 1985 gründete er das Magazin Revolver Revue. Da er sich weigerte, Wehrpflicht zu leisten, kam er wie andere Intellektuelle in eine Irrenanstalt. Vor 1989 arbeitete er als Heizer und Lagerarbeiter. Erst nach der Samtenen Revolution durfte er studieren (Ethnologie), anschließend war er als Journalist und Drehbuchautor viel unterwegs.
Jáchym Topols Werk
Jáchym Topols literarische Anfänge bilden zwei Lyrikbände: Zwischen Kirche und gestern und Das hier kenn’ ich. 1994 erschien sein erster Roman Die Schwester, 650 Seiten, geschrieben in unglaublichen drei Monaten, auf Tschechisch (1998 auf Deutsch). Der Roman ist geballte Energie, ein rauschhaftes Meisterwerk, das zur Zeit der Samtenen Revolution in Prag spielt. Aus einer Clique Bohemiens werden Businessmen, bis Gewalt und Exzess die Gruppe sprengen. Der Protagonist Potok verliert dabei ‚die Schwester’, seine Geliebte, aus den Augen.
Engel Exit (1995) handelt vom Junkie Jatek, der versehentlich eine Wunderdroge kreiert und seitdem von der Prager Drogenmafia verfolgt wird.
Auch in den folgenden Romanen erzählt Topol aus der Perspektive von Underdogs. In Nachtarbeit (2003) werden zwei Brüder im August 1968 aus Prag heraus auf das Land gebracht. Neben der bedrohlichen Atmosphäre, - die Geheimpolizei spioniert den Kindern hinterher, fragt nach ihrem Vater -, trifft der ältere Bruder seine erste Liebe wieder.
Zirkuszone (2007) erzählt vom Waisenkind Ilja, der zunächst von Nonnen christlich erzogen und anschließend von Kommunisten paramilitärisch ausgebildet wird. Als 1968 die Soldaten des Warschauer Paktes einmarschieren und der Konflikt sich zum Dritten Weltkrieg entwickelt, irren er, Soldaten und Zivilisten verschiedener Nationen sowie ein versprengter Zirkus im Grenzgebiet herum.
Die Teufelswerkstatt (2010) thematisiert die moderne Erinnerungskultur. In Theresienstadt verdienen junge Leute Geld mit Ghetto-Pizza und Kafka-Shirts. Als diese Alternativgedenkstätte aufgelöst wird, geht der Ich-Erzähler nach Weißrussland. Dort herrscht nach der Entdeckung von Massengräbern eine merkwürdige Goldgräberstimmung.
Kultur als Subversion
Jáchym Topol hat am eigenen Leib erfahren, dass Kultur so gefährlich sein kann, dass sie verboten wird. Er hat gegen die Unfreiheit während des Kommunismus gekämpft und gelitten. Den Sieg musste er damit bezahlen, dass er kein Held mehr sein muss. Topol sagt selbstironisch in einem Interview mit World Press Review: “I love freedom. It was terrible to battle with the communist beast...but I still regret a bit that [the feeling of] the prince killing the evil dragon has gone away.”
Doch auch wenn sich die Zeiten geändert haben, bleibt seine Literatur subversiv. Sein Instinkt lässt ihn die wunden Punkte einer Gesellschaft in der Vergangenheit wie in der Gegenwart aufspüren. Sein schwarzer Humor, seine surrealistische Schreibweise und seine virtuose Intertextualität erzeugen dichte Bilder. Er schafft vollständige Parallelwelten, deren Bezüge zur Wirklichkeit erkennbar bleiben. Im Roman wird das veränderte Erleben teils mit Alkohol- oder Drogeneinfluss der Protagonisten erklärt. Doch das ist nicht alles. Sie leben in Spiegelungen, Übersteigerungen unserer Welt. Diese Fantasie führt dazu, dass wir, wenn wir mit Topol unseren Blick auf die wunden Stellen der Welt richten, nicht verzweifeln. Die Verzerrung der Wirklichkeit atmet noch so viel Wahrheit, dass es schmerzt. Dieser Schmerz erzeugt aber auch Spannung und wird durch das große ästhetische Vergnügen, diese Geschichten zu lesen, gelindert.
