Prix Goncourt-Roman von Marie Ndiaye - Drei starke Frauen

Marie Ndiaye: Drei starke Frauen - Suhrkamp Verlag
Marie Ndiaye: Drei starke Frauen - Suhrkamp Verlag
Zur deutschen Ausgabe des Prix-Goncourt-Romans "Drei starke Frauen" von Marie NDiaye, einer Französin mit senegalesischen Wurzeln, die heute in Berlin lebt.

Es verwundert niemanden, wenn eine Französin, die väterlicherseits aus dem Senegal stammt, einen Roman über das Leben dreier afrikanischer Frauen schreibt, die vor schweren Lebensentscheidungen stehen. Dennoch war dies für die Schriftstellerin Marie NDiaye selbst wohl kaum eine Selbstverständlichkeit. Erst mit 20 Jahren reiste sie erstmals in den Senegal, um ihren Vater zu treffen, der Frau und Kinder in Frankreich zurückgelassen hatte und in seine Heimat zurückgekehrt war. Maries älterer Bruder, der Historiker Pap NDiaye, Autor zahlreicher politisch-historischer Bücher, gilt als der Pionier der "Black Studies" in Frankreich. Seine Schwester ist nicht weniger erfolgreich.

Prix Femina für "Rosie Carpe"

Marie NDiaye (geboren 1967) wurde mit zwei bedeutenden französischen Literaturpreisen ausgezeichnet: im Jahr 2001 mit dem Prix Femina für ihren Roman "Rosie Carpe" und 2009 mit dem Prix Goncourt für "Trois femmes puissantes", der mittlerweile in deutscher Übersetzung vorliegt.. Sie setzte sich damit unter anderem gegen die junge Schriftstellerin Justine Lévy durch, eine der wenigen weiblichen Autoren auf der Auswahlliste. Die anspüruchsvolle Erfolgsautorin Amélie Nothomb, die beinahe jeden Herbst ein neues Werk auf den französischen Buchmarkt wirft, war auch in dieser Runde wieder nicht vertreten und insofern keine Konkurrentin. Die Autorin, deren Stil gerne als "magischer Realismus" bezeichnet wird, weil sie oft Traumvisionen und Fantasmen mit realitätsnahen Schilderungen vermischt, ist eine Vielschreiberin: Bereits mit 18 Jahren veröffentlichte sie 1985 ihren ersten Roman ("Quand au riche avenir"), mit 19 Jahren den zweiten ("Comédie classique"). Die französische Kritik vergleicht ihre Geschichten gelegentlich mit dem ausufernden erzählerischen Fantasien eines Gabriel García Marquez.

Stipendium in der Villa Medicis in Rom

Bevor sich die Autorin einem afrikanischen Thema zuwandte, hatte sie bereits ein Dutzend Romane, Theaterstücke und Erzähl-Anthologien veröffentlicht. Trotz ihrer frühen Karriere als literarisches Wunderkind setzte Marie NDiaye ihr Linguistikstudium an der Pariser Sorbonne fort, unterbrochen von einem Förderaufenthalt der Académie de France in der Villa Médicis in Rom.

Marie NDiaye lebt mit Jean-Yves Cendrey in Berlin

Auch in ihrem Privatleben entscheidet sich die Schriftstellerin sehr früh: Sie heiratet den französischen Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, der der 18jährigen Jungautorin einen Fanbrief geschrieben und sie dadurch kennen gelernt hatte. Das Paar lebt heute – nach Wohnaufenthalten in Spanien, Italien und den Niederlanden – mit drei Kindern in Berlin, erklärtermaßen um sich von der Politik des Regierungschefs Nicolas Sarkozy zu distanzieren, der aus Frankreich "un pays monstrueux" gemacht habe, also ein scheußliches, missgestaltetes Land. Diese Ausdrucksweise wiederum fanden einige Kritiker eines Prix Goncourt-Preisträgers nicht würdig, der sich seinem Heimatland gegenüber respektvoll zu verhalten habe.

Drei Storys über afrikanische Frauen

Der Roman "Drei starke Frauen" erzählt keine Siegerinnen-Storys, jedenfalls setzen die drei afrikanischen Protagonistinnen Norah, Fanta und Khady sich nicht äußerlich sichtbar in ihrem Leben durch. Alle drei scheitern an ihrem jeweiligen Lebenstraum, alle drei verfolgen dennoch in einer schwer verständlichen inneren Logik ihren ureigenen, sehr schweren Weg. Die drei Schicksale werden von der Erzählerin nur sehr lose verknüpft, das Verbindende dieser in Charakter, Bildung und sozialer Herkunft vollkommen verschiedenen Frauen ist ihr Mut, gegen den Strom zu schwimmen und sich, verborgen vor der Umwelt, ihre menschliche Würde noch in den schlimmsten Situationen zu bewahren.

Als Afrikanerin in Frankreich leben

Darüberhinaus vereint die drei Frauen auch ihr jeweilige Bezug zu Frankreich, einer trügerischen neuen Heimat. Die Juristin Norah kehrt aus Frankreich nach Dakar zurück, Fanta lebt mit ihrem französischen Ehemann Rudy in einem französischen Provinzstädtchen, und Khady versucht erfolglos, illegal nach Frankreich einzuwandern, nachdem die Familie ihres verstorbenen Mannes sie verstoßen hat. Dieser so nachdenklich politische wie eindringlich poetische Roman handelt in mehrfacher Hinsicht von Grenzüberschreitungen.

Internationaler Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt für Marie NDiaye

Im Herbst 2010 erhielt Marie NDiaye auch in Deutschland einen namhaften Internationalen Literaturpreis: den mit 25.000 Euro dotierten Preis "Haus der Kulturen der Welt". Die Übersetzerin Claudia Kalscheuer bekam für ihre "Meisterleistung" den mit 10.000 Euro budgetierten Übersetzerpreis. In der Jurybegründung heißt es: "Der Roman ist ein subtiles, dicht geschriebenes, in seiner sprachlichen Ausgestaltung einen starken Sog entfaltendes Buch über gestörte Beziehungen, emotionale Abhängigkeiten und unerhörte Abgründe innerhalb der Familie: eine fein austarierte Choreographie von verstörenden Annäherungs- und Abstoßungsprozessen, deren Motiv nicht umsonst die Hitchcockschen Vögel sind. Und damit führt der Roman vor, was Schreiben jenseits der althergebrachten Kategorien von Heimat und Herkunft sein kann: ›Weltkulturliteratur‹ jenseits von Migration und Exil, die eine neue grenzüberschreitende Formensprache vorantreibt.«

Marie Ndiaye: Drei starke Frauen. Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp 2010. Gebunden, 341 Seiten. 22,90 Euro

Weitere Titel von Marie NDiaye in deutscher Übersetzung:

Mein Herz in der Enge. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp 2008. Gebunden. 284 Seiten. 22,80 Euro

Rosie Carpe. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp 2005. Gebunden. 334 Seiten. 24,80 Euro

Hilda. Erzählung. Aus dem Französischen von Almut Lindner. Merlin 2002. Kartoniert. 96 Seiten. 10 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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