Der "Rachegott" des Alten Testaments

Helmut Krätzl: ...UND SUCHEN DEIN ANGESICHT - Wiener Dom-Verlag
Helmut Krätzl: ...UND SUCHEN DEIN ANGESICHT - Wiener Dom-Verlag
Um die Erzählungen religiöser Schriften zu verstehen, muss man den historischen Hintergrund kennen und wissen, dass es nicht um historische Ereignisse geht.

Wer die Texte und Bilder des Koran, der Bhagavad Gita oder des AT unbefangen liest, stößt auf kriegerische und blutrünstige Erzählungen. Wer das Alte Testament dem Neuen Testament gegenüberstellt, kommt leicht zur Feststellung, dass der Gott des AT ein rächender und strafender war, während sich der Gott des NT als der barmherzige und liebende Gott präsentiert. Das ist einprägsam – aber nicht ganz richtig. Wer Islam und Christentum gegenüberstellt, kommt wieder leicht zur Überzeugung, dass Allah der unnahbare Gott ist, dem sich Muslime unterzuordnen haben, während der Gott des Christentums der liebende, verzeihende und barmherzige Gott ist. Auch das ist nur zum Teil richtig. Wer den Moslems ihren kriegerischen Koran vorwirft und das eigene AT verdrängt, liegt erst recht völlig daneben.

Den historischen Hintergrund einbeziehen, um den es nicht geht

Biblische Erzählungen sind keine Reportagen, stellt Alt-Bischof Helmut Krätzl in seinem Buch „… UND SUCHEN DEIN ANGESICHT. Gottesbilder – Kirchenbilder“ fest. Sie wollen etwas vermitteln, und das tun sie in der Sprache und in den Bildern der damaligen Welt. Man kann daher diese Erzählungen nicht verstehen, wenn man erstens nicht den historischen Hintergrund kennt, und wenn man zweitens nur die Worte liest und nicht die Bedeutung sucht.

In der Welt des AT war Krieg eine alltägliche Normalität. Wenn die Erzähler ihre Bilder aus der Alltagswelt entnehmen wollten, um weitestgehend verstanden zu werden, dann waren das kriegerische Bilder. Andererseits geht es nicht um die geschilderten kriegerischen Situationen, sondern um das, was damit ausgedrückt werden sollte.

Die kriegerische Landnahme hat es so nie gegeben

Die Geschichte Israels ist voll Waffenlärm und Blut. Bischof Krätzl nennt als Beispiel den Einzug des Volkes Israel ins gelobte Land. Dabei mussten alle dortigen Völker sterben, Könige wurden getötet, und bei der Eroberung Jerichos wurde alles, was in der Stadt war, mit scharfem Schwert dem Untergang geweiht, „Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel“. (Josua 6,21) Und es geht in dieser Tonart weiter.

Dass dies kein historischer Kriegsbericht ist, geht schon daraus hervor, dass die Landnahme tatsächlich relativ friedlich verlief. Die kriegerische Landnahme hat es so nie gegeben. Die Erzählung will in der damaligen drastischen Sprache etwas vermitteln: „Was Josua seinem Volke zu vernichten aufträgt, sind eben gerade nicht unschuldige Menschen und das Tier, sondern alles, was vom wahren, einzigen Gott abbringt und wiederum neue Götzen entstehen und verehren lässt.“ (Helmut Krätzl). Es geht primär nicht um historische, sondern um seelische, innerpsychische Wirklichkeit.

Die blutrünstige Judit – Gott bedient sich der Schwachen

Als die Assyrer die Stadt Betulia belagerten, die Wasserreserven zu Ende gingen und alle dem Untergang geweiht schienen, entschließt sich eine junge Witwe, Judit, etwas zur Rettung des Volkes zu tun. Sie geht in das Lager der Assyrer, betört mit ihrer Schönheit den Heerführer Holofernes und schlägt ihm den Kopf ab. „Der Herr hat ihn durch die Hand einer Frau erschlagen.“ (Judit 13.15). Was damit gesagt sein soll ist, so Bischof Krätzl, dass es auch in aussichtsloser Situation noch Hoffnung gibt, und dass Gott sich der Schwachen bedient, um seine Stärke zu zeigen. Am Ende heißt es dann: „Preist ihn und singt ein Lob. Denn der Herr ist ein Gott, der den Kriegen ein Ende setzt.“

Abraham – das Ende der Menschenopfer

Wo solche Berichte tatsächlich auf die damalige Lebenswirklichkeit anspielen, geht es sehr oft darum, eben dieser ein Ende zu setzen. Auch bei der sonst so unverständlichen Erzählung von Abraham, der seinen Sohn zu schlachten bereit ist. Die historische Situation ist die, dass damals Opfer und auch Menschenopfer die Realität waren. Israel tut sich noch schwer in der Abgrenzung zu den anderen Religionen. Der Einhalt gebietende Engel ist auch ein Zeichen, dass damit ein für alle Mal Schluss sein soll. An vielen Stellen im AT steht auch, dass Gott auch keine Tier- und Brandopfer will.

Nicht strafend, sondern vergebend und heiligend

Gott ist auch im AT nicht der, der richtet, sondern der heiligt. Als Jesaia in seiner Vision Gott schaut und sich seiner Sündhaftigkeit anklagt, berührt ihn der Engel mit einer glühenden Kohle am Mund und sagt: „Dies hier hat deine Lippen berührt: Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt.“ (Jesaia 6,1-8). Die Schuld wird vergeben auf Selbsterkenntnis hin. Religion macht den Menschen nicht klein, sondern erhebt ihn.

Auch der erste Heilige des Christentums, der Schächer am Kreuz, tut nichts anderes als die Situation richtig einzuschätzen und zu sagen: „Herr denk an mich, wenn du in deinem Reich bist.“ Und Jesus hält ihm keine Strafpredigt, erwähnt seine Fehler – immerhin war das ein Mörder – mit keinem Wort, sondern sagt: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Es geht weniger um Gebote und Verbote, weder im Alten noch im Neuen Testament, sondern um Selbsterkenntnis und Ehrlichkeit.

Ein eifersüchtiger Gott – der zur Freiheit führt

Religion macht nicht abhängig, sondern frei. Gott ist der, der sein Volk aus Ägypten, aus der (inneren) Sklaverei herausführt. Er ist ein „eifersüchtiger“ Gott, der keinen anderen neben sich duldet. Eben weil die anderen nicht Gott, sondern Substitut sind, selbstgebastelte Gottheiten bis hin zu Geld, Macht und Ansehen. Eben alles, was abhängig macht. Die Gebote sollen nur dazu dienen, diese Freiheit zu bewahren und auch anderen zu gewähren.

Gott will, dass sein Volk den anderen Völkern zu einem Zeichen seines Daseins werde. Und er „schämt“ sich des Öfteren, wenn dieses seinen Namen entweiht und sich von ihm abwendet. Aber er straft es nicht, sondern heilt es immer wieder. „Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Ezechiel 36,25-28).

Barmherzigkeit vor Gerechtigkeit

Ähnliches gilt auch für den Koran. Elsayed Elshahed, Professor an der Al-Azhar Universität in Kairo und Leiter des Instituts für Interkulturelle Islamforschung in Wien, weist darauf hin, dass Gott auch im Koran nicht der ausschließlich Richtende ist: „Gott vergibt immer. Er ist gerecht, aber barmherzig. Doch die Barmherzigkeit kommt vor der Gerechtigkeit.“

Quellen:

Helmut Krätzl: „… UND SUCHEN DEIN ANGESICHT. Gottesbilder – Kirchenbilder“, Wiener Dom Verlag, 2. Auflg. 2010

Fachtagung „Das Unbehagen mit der Religion. Islamophobie und verwandte Phänomene“, 18. Juni 2011, Islamisches Zentrum Wien

Robert Harsieber, Robert Harsieber

Dr. Robert Harsieber - Vom Hauptberuf Fachjournalist (Wissenschaft, Wirtschaft, Medizin) betrieb ich einen kleinen Verlag (RHVerlag, spezialisiert auf ...

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