René Descartes (1596-1650) gilt als der Begründer des modernen frühneuzeitlichen Rationalismus. Das wohl berühmteste und einflussreichste Element der Cartesischen Methodologie, den radikalen Zweifel, entwickelte er in der ersten Meditation der „Meditationes de prima philosophia" von 1641. Für Descartes war es wichtig, ein sicheres Fundament zu schaffen, das unmittelbar gewiss und einleuchtend ist und welches das ganze Gebäude der Philosophie zu tragen imstande ist. Um einen solchen archimedischen Punkt zu finden, musste alles, was bisher als unbezweifelte Wahrheit gegolten hatte, bezweifelt werden. Descartes wollte „daher einmal im Leben alles von Grund auf umstoßen und von den ersten Grundlagen an neu beginnen". Dieser Zweifel betrifft das Wissensfundament aller Wissenschaften.
Zweifel an den Sinnen
Als Meditierender formuliert Descartes drei Stufen des methodischen Zweifels. Zunächst zweifelt er am Sein der Außenwelt. Sind die Dinge wirklich so, wie sie dem Menschen erscheinen, existieren sie überhaupt? Denn oft könnte man feststellen, wie die Sinne täuschen können. So erscheint ein gerader Holzstab, der halb ins Wasser eingetaucht ist, gebrochen. Zwar könnte man erwidern, dass Descartes die Vielfalt der Sinne nicht berücksichtigt. Auch wenn der Holzstab, wenn er nur mit dem Gesichtssinn wahrgenommen wird, gebrochen erscheint, ließe sich mit Hilfe des Tastsinns feststellen, dass er ungebrochen ist. Doch für Descartes wäre dieser Einwand nicht überzeugend. Denn wer annimmt, dass der Tastsinn den Gesichtssinn korrigieren könnte, unterstelle somit eine Hierarchie der Sinne. Aber welches Kriterium würde bestimmen, welcher Sinn tatsächlich die wahre Situation wiedergibt?
Wach- oder Traumzustand?
Bedeutend radikaler ist nun die zweite Stufe des Zweifels. Bei genauerem Hinsehen nämlich bricht selbst unsere eigene Existenz in sich zusammen. Denn könnte es nicht sein, dass unser leibliches Dasein erträumt, dass wir nur in einem Traumzustand sind, in dem die Dinge genauso erscheinen, wie im Wachzustand? „Denke ich einmal aufmerksamer hierüber nach, so sehe ich ganz klar, daß Wachsein und Träumen niemals durch sichere Kennzeichen unterschieden werden können […]." Aber auch hier rettet ihn noch einmal die Gewissheit, dass es auch im Traum unaufhebbar Wahres gibt, so etwa die allgemeinen Begriffe der Gestalt und des Raumes oder der Satz, dass 2 + 3 = 5 ist. Außerdem gibt Descartes später in der sechsten Meditation an, dass wir im Alltag durchaus über ein Unterscheidungsmerkmal verfügen: „[…] jetzt nämlich merke ich, daß zwischen beider der sehr große Unterschied ist, daß durch meine Träume sich niemals mit allen übrigen Erlebnissen durch das Gedächtnis so verbinden, wie das, was mir im Wachen begegnet." Diese Aussage zeigt, dass es nicht der zentrale Punkt in den Meditationen sein soll, ob wir den Traum- vom Wachzustand unterscheiden können. Descartes verdeutlicht damit, dass man in der Zweifelssituation überhaupt kein Merkmal anwenden kann, da noch nichts mit Gewissheit feststeht.
Der täuschende Dämon
Der alles umfassende Zweifel folgt auf der dritten Stufe. Denn vielleicht gibt es ein übermächtiges Wesen, das den Menschen in eine Unwahrheit hineingeschaffen hat und ihn in allem täuscht, was er sieht, fühlt und zu meinen glaubt. Dieses Wesen muss nicht notwendigerweiser Gott sein, da dies dem wesentlichen Attribut des Guten widersprechen würde. Es könnt ebenso ein Dämon sein, der nicht nur die materiellen Gegenstände vortäuscht, die vielleicht gar nicht existieren, sondern auch die Inhalte meines Denkens. Mit der Möglichkeit, selbst die Vernunft zu bezweifeln, hat der Zweifel eine unüberbietbare Radikalität erreicht. Jetzt ist er ein Zweifel jedweder Aussage geworden, gleich welchen Gegenstandes.
Gewissheit im Zweifel
Der böse Dämon ist eine Figur, die bereits im Spätmittelalter entworfen wurde. Descartes ist sich bewusst, dass diese These weder philosophisch noch theologisch haltbar ist. Denn sollte es einen allmächtigen Gott geben, so würde er neben sich keinen täuschenden Dämon tolerieren. Doch für die Meditationen spielt dies keine Rolle. Denn in der zweiten Meditation fragt Descartes, welches Fundament nach dem Erdbeben des Zweifels übriggeblieben ist. Die Antwort: Nichts außer der Tatsache, dass ich denke. „Er täusche mich, soviel er kann, niemals wird er doch fertigbringen, daß ich nichts bin, daß ich etwas sei. Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schließlich zu der Feststellung, daß dieser Satz: ‚Ich bin, ich existiere’, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist." Gerade der Zweifel erweist Descartes Dasein. Denn solange er denkt und zweifelt, so ist auch die eigene Existenz gewiss. Somit hat Descartes ein für ihn absolut unbezweifelbares Wissensfundament gefunden, auf dem er nun in den folgenden Meditationen das Gebäude der Philosophie neu zu errichten gedenkt.
Alle Zitate aus: René Descartes, Meditationes de prima philosophia. Auf Grund der Ausgabe von Artur Buchenau, neu herausgegeben von Lüder Gäbe, Hamburg, ³1992.
