Der Raucher als Kunde

Kliniken entdecken Zigarettenabhängige als zahlende Patienten

In den letzten Jahren ist der blaue Dunst immer mehr aus dem öffentlichen Leben und dem privaten Bewusstsein verschwunden. Die Kliniken freuen sich über neue Kunden.

Der Husten hallt durch den großen Saal, in dem die Informationsveranstaltung des Kerckhoff- Rehabilitationszentrums in Bad Nauheim über eine neue Therapieform, die Raucher zu Nichtrauchern machen soll, stattfindet. Es ist kein Erkältungshusten. Und nach einem Frosch im Hals hört es sich auch nicht an. Eher danach, dass da jemand sitzt, der dringend eine Pause benötigt. Um draußen vor der Tür - im Regen - den Tabakgehalt in der Lunge wieder auf sein normales Level zu bringen.

Es scheppert ordentlich, wenn Brigitte L. wieder einen dieser Hustenanfälle bekommt. Normal ist das nicht. Das weiß sie. Aber die Nikotinsucht hat ihr bis jetzt keine Wahl gelassen. Wie oft hatte sie schon die "letzte Zigarette" in der Hand. Ein, zwei Wochen ging es gut. Aber eine schwache Minute reichte aus, und die Zigarette war ruck, zuck im Mund. Das Gefühl der Zigarette in den Fingern, das Geräusch beim ersten Ziehen, das Nikotin, der Rauch, der verwegen durchs Zimmer streift. Für sie ist das Aufhören ein Kampf gegen rauchende Windmühlen.

Wie Nägel in einer Konservendose

Doch nun soll Schluss sein. Denn neben den körperlichen Beschwerden, die sich lange ignorieren ließen, kommt etwas Neues dazu: Das Rauchen wird aus der Öffentlichkeit verdrängt. In vielen Behörden ist schon Schluss mit dem Rauchen, während man wartend und genervt auf seine gezogene Nummer schaut. In Schulen und Universitäten ist der blaue Dunst passé. Nun sind auch Kneipen und Bars, Restaurants und Discos dran. Lauer hat sich zusammen mit einer Freundin entschlossen, aufzuhören. So schnell wie möglich. Und hustet diesen Husten, der so klingt, als ob viele kleine Nägel in einer Konservendose durchgeschüttelt würden.

Wolfgang Ricken lässt sich davon nicht beirren. Der Doktor steht weiter auf der riesigen Bühne und redet. Von der hohen Sterblichkeitsquote der Nichtraucher, der Belastung in der Zeit der Schwangerschaft. Und von der neuen Therapie, die seine Klinik, das Kerckhoff-Rehabilitationszentrum in Bad Nauheim, seit Kurzem anbietet. Damit die Zigarette kurz vor der Informationsveranstaltung im Kristallsaal die letzte war. In mehreren Sitzungen werden die Abhängigen zu Unabhängigen - nach Aussage des Doktors - allerdings ohne Garantie.

Vorbereitet sind die Sprecher auf über zweihundert Leute. Nun sitzen kleine versprengte Grüppchen verschämt in den ersten drei Reihen. Es gibt Freigetränke, aber nur vier der 100 Gläser sind benutzt. Neben den Getränken liegen die Hochglanzbroschüren der Privatklinik: „Frau H." berichtet darin, wie ihr die Therapie der Klinik geholfen hat. Und was für ein besseres Leben sie jetzt führt. Von der Titelseite lächeln zwei agile Senioren, die auf jedem zweiten Photo der Broschüre auftauchen.

Der rote, leicht gemusterte Teppich sorgt für leichte Behaglichkeit. Aber die großen Kronleuchter an der Decke hängen über jedem Anwesenden wie ein Damoklesschwert.

Mit 16 die erste Marlboro

Da ist der besorgte Familienvater, der seine Tochter mit zwölf das erste Mal beim Rauchen erwischt hat und nun als einziger in der ersten Reihe sitzt. Inzwischen ist sie 16 und hat immer eine Packung Marlboro in der Tasche. Ob man denn gegen die Sucht nicht etwas tun könne, fragt er etwas verzweifelt während einer kurzen Pause im Vortrag. So ganz einfach sei das nicht, gibt Ricken zu Bedenken, schließlich müsse der „Patient" das ja auch wollen. Das gute Zureden vom Vater allein helfe da wenig.

Da ist die starke Raucherin in der dritten Reihe, die schon alles probiert hat: Aufhören vom einen auf den anderen Tag, Zehn-Punkte-Programm, Nikotin-Pflaster, Akupunktur. Aber immer war die letzte Zigarette nicht wirklich die letzte.

1800 Euro Kosten

Nun hat sich der Wind in der Öffentlichkeit gedreht und bläst den Rauchern ihren Qualm ins eigene Gesicht. Rauchen ist nicht mehr lässig und verspricht nicht mehr Freiheit. Im Gegenteil, Rauchen macht abhängig, sieht blöd aus und stinkt furchtbar. Raucher werden inzwischen therapiert, nicht mehr bewundert.

Doch Aufhören ist nicht einfach. Und teuer. Lauer wird sich das noch einmal überlegen. Wie viele Großpackungen bekommt man für 1.800 Euro? Einen ersten Erfolg hat die Veranstaltung aber gehabt: Am Ende gehen alle Raucher schnurstracks nach Hause. Ohne sich am Eingang eine neue Kippe anzuzünden.

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