
- Der klassische Rauschgoldengel - Cornelia Baas / flickr.com
Der Nürnberger Christkindlesmarkt ist der bekannteste und meist besuchte Weihnachtsmarkt. Hierzulande und über die Landesgrenzen hinaus. Alljährlich zur Vorweihnachtszeit wird er mit dem bekannten Prolog: "Ihr Herrn und Frau'n ..." durch das Nürnberger Christkind feierlich eröffnet. Das prächtig anzusehende Christkind erscheint natürlich in Gestalt eines Rauschgoldengels und fesselt auch den letzten skeptischen Besucher mit seiner goldüberladenen reizenden Aufmachung. Rauschgold? Was ist das überhaupt, mag sich der eine oder andere fragen?
Rauschgold oder auch Flittergold genannt, wurde einstmals aus Messing hergestellt. Dazu wurde Messing zu dünnem Blech ausgewalzt, blankgebeizt und dann – in mehreren Tafeln übereinander – zwischen Leder noch dünner geschlagen und schließlich fein geschnitten. Durch diese Art der Bearbeitung erhielt das Blech die knitternde Steifigkeit und den schönen Glanz. Die nächste Frage, die der Rauschgoldengel aufwirft: Wie kam das Rauschgold mit dem Engel in Berührung? Und warum gerade in Nürnberg? Aufschluss darüber liefert eine Legende, die der Geburt des Rauschgoldengels am ehesten gerecht wird.
Mit einem heimatlosen Hugenotten fing es an
Nach der Überlieferung soll der Nürnberger Ratsherr und "Messingbereiter", was soviel wie ein Messingschmied ist, Erasmus Ebner einen aus Frankreich vertriebenen Heimatlosen aufgenommen haben. Es war im Winter 1570, als jener vertriebene Hugenotte aus der Gegend um Lyon floh und samt Tochter Aufnahme bei der Ratsherrnfamilie in Nürnberg erhielt. Seine Frau starb auf der langen Reise und der Suche nach Unterkommen an Entkräftung. Der Fremde war Holzschnitzer und, nach den wenigen Figuren, die er in seinem Reisesack bei sich trug, ein Künstler seines Fachs. Weshalb er kurzerhand nur der "Meister“ genannt wurde.
Der heimatlose Hugenotte wurde stets der "Meister“ genannt
Um seiner kränkelnden Tochter eine Freude zu machen, stattete Ebners Ehefrau das Mädchen zum sonntäglichen Kirchgang prächtig aus. Das Mädchen trug ein schön besticktes und mit bunten Bändern verziertes Kleid, das reich gefältelt oder "plissiert" war, wie man damals sagte. Dazu trug sie die so genannte Nürnberger "Gockelhaube". Doch die Tochter des Holzschnitzers wurde kränker und kränker und starb. Sie wurde in ihrer schönen Sonntagsausstaffierung in der Familiengruft beigesetzt. Der Vater war über ihren Tod untröstlich und schloss sich tagelang in seiner Kammer ein. Eines Morgens fasste sich die Ehefrau des Ratsherrn und Messingschmieds ein Herz und versuchte den trauernden Holzschnitzer aufzumuntern. Sie legte ihm sein Handwerkszeug und Schnitzmesser auf den Tisch. Zu jener Zeit, als sie das versuchte, soll es dem Messingschmied gelungen sein, besonders schönes Rauschgold herzustellen oder zu erwerben, was den trauernden "Meister" tief beeindruckte, als er das Material sah und zwischen den Fingern fühlte.
Der "Meister" schuf eine bis heute bekannte Figur
Einige Tage später war der "Meister" verschwunden. Auf dem Tisch seiner Kammer stand eine entzückende Figur: ein Engel, dessen Gewand aus Rauschgold gefertigt war. Der Kopf war aus Lindenholz geschnitzt und hatte die Gesichtszüge der geliebten Tochter des "Meisters", die so früh starb. Statt Arme hatte die Figur zwei große Flügel, die bis hinab zu den Füßen reichten und ebenfalls aus Rauschgold waren, die Gockelhaube war durch eine wunderschöne Krone ersetzt. Bei der Figur lag ein Brief, in dem sich der geflüchtete "Meister" für die großzügige Aufnahme durch den Ratsherrn bedankte und schrieb: "Als Zeichen meines großen Dankes lasse ich Euch diesen kleinen Engel zurück. Ich weiß nicht, ob er Euch gefällt, doch könnte ich mir denken, dass manche Leute ein wenig Freude an ihm haben werden -, besonders jene, die Trost brauchen. Gottes Segen sei mit Euch allen. Vergesst mich nicht!"
Die Begebenheit wurde bald in der ganzen Stadt bekannt. Jeder wollte den entzückenden Engel aus Rauschgold sehen und fand Freude an ihm. Man wünschte sich ihn zum Fest der Feste. Die Holzschnitzer und Messingbereiter waren reichlich damit beschäftigt, all den vielen Wünschen nachzukommen. Im Lauf der Jahre wurde der Rauschgoldengel die Attraktion auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt. Bald schon erhielt der Markt den Namen, unter dem er heute bekannt ist: Christkindlesmarkt.
Quellennachweis:
- franken-wiki.de/rauschgoldengel
- Sagenhafte Weihnacht – Herausgeber: Gudrun Bull – dtv klassik
