
- Jonathan Coe - Der Regen, bevor er fällt Cover - Mary Evans Picture Library
Gill ist eine relativ durchschnittliche Frau mittleren Alters. Sie hat ihren Alltag, ihre Sorgen, ihre kleinen Freuden. Ihr Mann beschert ihr immer wieder leise Enttäuschungen, ihre erwachsenen Töchter sind gut geraten, wenngleich sie nicht aufhören kann, sich über sie Gedanken zu machen.
Gills Alltag wird von einem Telefonanruf unterbrochen: Ihre Tante Rosamond ist gestorben, im Alter von 73 Jahren. Sie hatte Herzprobleme, es ist kein wirklich überraschender Tod. Gill ist dann auch eher bedrückt als tieftraurig. Als sie zur Testamentseröffnung kommen, gibt es auch hier wenige Überraschungen: Das Erbe geht an ihre Neffen und Nichten - und an Imogen. Gill entsinnt sich dunkel an ein kleines, blindes Mädchen, dass sie vor einem halben Leben für einen Nachmittag im Garten ihrer Tante gesehen hat. Wer ist dieses Mädchen, und wie soll sie es ausfindig machen? Denn das ist es, was ihr Tante Rosamond in ihrem Testament ans Herz legt: Finde Imogen, die nun um die dreißig sein muss, und gib ihr die Audiokassetten, die ich aufgenommen habe. Es ist wichtig. Findest du sie nicht, hör dir selbst die Kassetten an.
Trip in die Vergangenheit
Mit größter Willenskraft hat Gill es geschafft, sich die Kassetten nicht anzuhören - sehr zur Enttäuschung ihrer beiden Töchter, die vor Neugierde fast platzen. Sie sucht und sucht nach Imogen, schickt Briefe an Frauen, die sie vielleicht sein könnte, und wird stets aufs Neue enttäuscht. Auch ihre Töchter haben trotz Internets nicht mehr herausbringen können, und so setzen sie sich eines Abends, vier Monate nach dem Tod der Tante, zusammen hin und hören sich die Bänder Rosamonds an.
Die alte Dame hat Imogens Geschichte nachvollzogen, eine Geschichte, die ihre Wurzeln weit, weit in der Vergangenheit hat. Sie beginnt bei der Großmutter, die eine Kusine und enge Freundin Rosamonds war - Beatrix, ein schwieriger Charakter, schillernd und verletzlich. Die beiden trafen sich erstmalig länger im Krieg, als Rosamond aufs Land geschickt wurde. Seitdem verband sie eine komplizierte Freundschaft.
Gill und ihre Töchter sitzen gebannt im kleinen Wohnzimmer eines der Mädchen und lassen sich wegtragen in eine andere Zeit, in der ganz sicher nicht immer alles einfach war.
Zwei Frauen
Beatrix ist wenige Jahre älter als Rosamond, als sie für einige Zeit zusammen in einem Zimmer wohnen. Sie ist die ältere Schwester von zwei Brüdern, die von ihrer Mutter vergöttert werden. Für das Mädchen gilt das allerdings nicht, und so muss sie früh in ihrem Leben mit Zurückweisung umzugehen lernen. Sie lernt das aber nur schlecht, die verweigerte Liebe der Eltern reißt tiefe Wunden und lässt Beatrix zu einem liebebedürftigen, launischen, jähzornigen Menschen heranwachsen, kaputt und oft unglücklich.
Beatrix selbst bekommt früh ein Kind, Thea. Während sie versucht, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, ist das Kind oft im Weg, und Rosamond als Freundin aus Jugendtagen ist diejenige, bei der das Mädchen ab und zu abgeladen wird, ehe sie dann wieder zur Mutter muss. Früh entwurzelt und von der Mutter häufig missachtet, wächst mit Thea ein ähnlicher Mensch heran wie mit Beatrix eine Generation zuvor. Und dann kommt Theas Tochter Imogen zur Welt...
Zwanzig Bilder
Jonathan Coe hat einen interessanten Ansatz für die Erzählung der alten Dame gewählt: Da Imogen blind ist, in ihrer frühen Jugend aber noch sehen konnte, lässt er Rosamond der Enkelin ihrer alten Freundin Fotos beschreiben. Zwanzig Fotos, anhand derer sie ihr Leben und das der Freundin und deren Tochter nachvollzieht. Damit ist die Art und Weise der Erzählung abgesteckt: Es geht viel um detaillierte Beschreibung, um Momentaufnahmen - bei denen man ja immer erklären muss, wie es zu ihnen gekommen ist. Auf diese Art und Weise ist ein verhältnismäßig stilles Buch entstanden, voller Introspektion, Erinnerung, Wehmut und der Frage, was man wie hätte anders machen können. Es ist der perfekte Hintergrund für eine Geschichte, die in den Grundzügen eine traurige ist.
Die Tragik im Kleinen
Die Geschichte der jungen Beatrix, die von ihren Eltern nicht geliebt wird, ist schon traurig genug. Die Tatsache, dass sie diese Zurücksetzung der Tochter gegenüber wiederholt, ist folgerichtig, aber herzzerreißend. Und doch ist das nicht alles: Rosamonds Geschichte ist eng mit der ihrer Freundin und deren Tochter verstrickt; sie spielt eine tragende Rolle, wenn sie auch nichts von dem Schrecken, der geschieht, verhindern kann. Rosamond hat es auch nicht leicht: In einer Zeit, als das absolut noch nicht gesellschaftlich anerkannt war, liebte sie Frauen. Diese Neigung erschwerte ihr das Leben, das sie sich doch auch sonst schon häufig genug selbst dadurch komplizierter machte, dass sie ihrer Kusine zu helfen versuchte.
Dass es ausgerechnet drei Frauen sind, drei Frauen, von denen zumindest zwei nicht ganz zufrieden sind, die zusammen sitzen und sich die Bänder anhören, erzeugt eine schöne, melancholische Symmetrie.
Jonathan Coe hat eindrucksvoll bewiesen, dass es keine großen Katastrophen braucht, um Schrecken darzustellen. Die Geschichte der Frauen und ihrer Töchter geht ans Herz, auch wenn es sich um Einzelschicksale handelt, halb aufgefangen, halb zerstört, kaum versöhnlich.
Fazit: Ein sehr gut geschriebener, sehr trauriger Roman über vergebliches Hoffen und die Unausweichlichkeit des Schicksals, beeindruckend in seiner Schwere und Schönheit.
Jonathan Coe: Der Regen, bevor er fällt. btb, Juli 2011. Taschenbuch, 304 Seiten. Euro 9,99
