Der Renault AG - das "Taxi von der Marne"

Mit dem Taxi an die Front: Vive la France! -  Gabi Schoenemann / pixelio.de
Mit dem Taxi an die Front: Vive la France! - Gabi Schoenemann / pixelio.de
Als 1914 die Deutschen Truppen vor Paris standen, brachte die Armee ihre Soldaten mit einer neuen Erfindung an die Front: Dem Automobil.

Frankreich, September 1914: Die Kriegsbegeisterung ist in kalte Angst umgeschlagen. Durch den Überfall auf Belgien sind die Deutschen glatt um die französische Armee herum marschiert. Sie stehen bereits an der Marne – 50 Kilometer östlich von Paris. Ihnen gegenüber haben sich eigene Truppen verschanzt, aber es sind auf Dauer zu wenige. Die Pariser Garnison muss an die Front und alle verfügbaren Reservetruppen ebenso. Aber vite, vite - am besten sofort.

Doch nun stellt sich heraus, dass die Armee auf die Schnelle gar nicht in der Lage ist, so viele Soldaten in so kurzer Zeit von A nach B zu schaffen. Alle Transportkapazitäten befinden sich an der Rheingrenze, wo der deutsche Angriff erwartet worden war. In dieser heiklen Situation melden sich die Taxifahrer von Paris beim Oberkommando und verweisen auf ihre Voiturettes. Die kleinen und doch geräumigen AG-Fahrzeuge der Firma Frères Renault, diese Kutschen ohne Pferde, haben in der Vorkriegszeit das Herz von ganz Paris erobert. Sie werden die Soldaten an die Marne befördern.

Die Gebrüder Renault, eine Autofabrik

Rückblende: Am Weihnachtsabend 1898 führte Louis Renault, ein junger Mechaniker und Technik-Narr von Geblüt, ein kleines Eigenbau-Vehikel mit Benzinmotor der staunenden Öffentlichkeit vor. Die 1,3 PS der Voiturette („kleiner Wagen“) überwand hierbei eine Steigung von nicht weniger als 13% - eine echte Sensation! Der ältere Bruder Marcel Renault erklärte unterdessen die Technik des Fahrzeugs und hatte am Abend bereits 12 Bestellungen in der Tasche. Zusammen mit dem ältesten Bruder Fernand Renault gründeten sie ein Unternehmen zum Bau von Automobilen und nannten sich schlicht „Frères (Brüder) Renault“. Ihre erste Fabrik entstand in Billancourt, einer blühenden Industrie-Gemeinde westlich von Paris.

Die junge Firma entwickelte sich prächtig. Ihre Rennwagen machten Furore (auch wenn Marcel bei einem solchen Rennen 1903 ums Leben kam), und die Pariser Taxi-Innung bestellte 1905 nicht weniger als 250 Renault-Modelle und gab damit den Startschuss zur Serienproduktion. Diese ersten „Benzin-Droschken“ (der heute so abwertende Spitzname eines Taxis war damals ultramodern) wurden ab 1909 von einem neuen Modell ergänzt, das Geschichte schreiben sollte: Der Renault AG war das erste in Europa gebaute Automobil, von dem mehr als tausend Stück gebaut wurden.

Der Renault AG1, das Taxi von Paris

Der Renault AG1 ähnelte äußerlich immer noch stark den Pferdedroschken, deren Nachfolge er anzutreten hatte: Der Chauffeur saß unter einem Klappdach, hinter ihm befand sich ein zweiteiliger Kasten-Aufbau für Fahrgäste und Gepäck. Auf der Sitzbank hatten drei Menschen Platz.

Auch von vorn war der Fahrer nur wenig geschützt, der Motor befand sich zu seinen Füßen – ein überraschend kleine Maschine, wenn alten Aufnahmen zu trauen ist. Dieser Reihen-Zweizylinder erzeugte immerhin 8 PS bei einem Verbrauch von 6 Litern auf 100 Kilometer und trieb den AG auf bis zu 56 km/h. Damit hängt er jede Pferdekutsche ab und war bis Kriegsausbruch Alleinherrscher auf den Straßen von Paris.

Louis Renault, Patriot und Rüstungsfabrikant im 1. Weltkrieg

Louis Renault, nach dem Tod seines Bruders Fernand (1909) allein für seine Firma zuständig, war Ingenieur aus Leidenschaft, aber auch ein bekennender Patriot. Als der Erste Weltkrieg, die große Revanche mit dem deutschen Kaiserreich, nur noch eine Frage der Zeit war, stellte Renault sich und seine Firma in den Dienst des Militärs. Motoren aus dem Hause Renault fanden in Flugzeugen aller Nationen der Entente Verwendung, Auch die ersten französischen Panzerfahrzeuge mit lenkbarem Geschütz stammten aus Billancourt. Doch diese ungelenken Stahlmonster wären niemals auf ein Schlachtfeld gerollt, hätte es den Renault AG nicht gegeben.

Der Mythos vom Marne-Taxi

Wirklich entscheidend war der Einsatz der Pariser Taxis natürlich nicht. Vor einer Schlacht, an der auf Seiten der Entente über eine Million Soldaten teilnahmen (von denen fast ein Drittel getötet oder verwundet wurde), haben 2500 Automobile vom Typ AG ungefähr 6500 Soldaten an die Front transportiert. Das entspricht etwa zwei Regimentern.

Doch was sind schon Zahlen? In einem Herbst, der noch nicht vom Horror des Massensterbens im Stellungskrieg verdüstert war, glaubten die Menschen noch an das Heldentum des Einzelnen. Die Taxifahrer von Paris waren zu Volkshelden geworden! Sie hatten Frankreich gerettet! Der Feind war an der Marne geschlagen und nach Norden zurück gejagt worden, weil 2500 Chauffeure in ihren kleinen zerbrechlichen Automobils Tag und Nacht, wieder und wieder von Paris in Richtung Front gerollt waren, fast ins deutsche Geschützfeuer hinein, um die Soldaten an die Front zu schaffen. Wer konnte im September 1914, im Überschwang neuer Begeisterung für „die tollen Jungs“ ahnen, dass der wahre Horror des Krieges noch gar nicht begonnen hatte? Die stolzen Pariser Taxifahrer bestimmt nicht.

Als Nationales Denkmal sind einige Renault AG bis heute erhalten geblieben. Technisch war ihre Zeit 1914 allerdings abgelaufen. Als Renault nach Kriegsende von Billancourt nach Le Mans ging, hatte er bereits Pläne für Autos in der Tasche, gegen die jedes Vorkriegsmodell wie ein besseres Kinderspielzeug wirken musste.

Quellen:

Literatur: Wendtland, Hannes: „Oldtimer aus Europa und ihre Geschichte“, Klagenfurt 2008

Bildnachweis: © Gabi Schoenemann / Pixelio.de

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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