
- Claudius mit corona civica als Neuerung im Porträt - FxReid
Tiberius Claudius Drusus wurde nach heutiger Zeitrechnung am 1. August 10. v Chr. in Lugdunum, dem heutigen Lyon, geboren. Er war der zweite Sohn des Drusus, dem römischen Heerführer in Germanien, und Antonia minor aus der iulisch-claudischen Dynastie. Seit seiner Geburt an spastischen Lähmungen und Epilepsie leidend, betrachtete ihn seine Mutter als eine Strafe der Götter. Er wurde gegenüber seinen Geschwistern Germanicus und Claudia benachteiligt und bis ins Mannesalter vor der Öffentlichkeit versteckt. Ungeachtet seiner Behinderung, die ihm zunächst eine politische Laufbahn unmöglich machte und sich – besonders unter Aufregung – in Stottern und unkontrolliertem Speichelfluss äußerte, genoß Claudius eine fundierte Ausbildung in Griechisch, Rhetorik, den Geisteswissenschaften und als Schüler des Historikers Titus Livius auch als Geschichtsschreiber.
Frühwerk des späteren Kaisers Tiberius Claudius – zunächst ohne Lorbeeren
Die Veröffentlichung seiner zeitgeschichtliche Abhandlung vom Tod Iulius Caesars (44 v. Chr.) bis zum ersten Principat (14 n. Chr.) wurde in Rom unterdrückt, da die Beschreibungen des Bürgerkrieges nicht die Zustimmung des herrschenden Kaisers Augustus fanden. Das Werk wurde erst zu Claudius eigener Amtszeit fertiggestellt und veröffentlicht. Obwohl sich die Symptome seiner Behinderung mit den Jahren abschwächten, wurde er trotz seiner iulisch-claudischen Herkunft bei der Verteilung öffentlicher Ämter regelmäßig übergangen. Sein Onkel Tiberius, Adoptiv-Nachfolger des Augustus, gewährte Claudius zwar konsularische Ehren, verhinderte aber gleichzeitig den üblichen politischen Aufstieg innerhalb des cursus honorum. Derartig demotiviert zog sich Tiberius Claudius auf die Landgüter der Familie zurück und konzentrierte sich als patronus überaus erfolgreich auf die Vertretung seiner Klienten und intensiv auf die Beschäftigung mit Rechtsfragen. Sein Versuch einer römischen Schriftreform mit punktuellen Anpassungen ans Griechische blieb allerdings ohne Lorbeeren der Anerkennung und nachhaltige praktische Bedeutung.
Der Weg des Claudius an die Spitze des römischen Reiches trotz aller Widerstände im Senat
Schon zu Augustus Regierungszeit machte sich ein unpraktisches Wegsterben der möglichen Thronfolger bemerkbar, was auch durch die Adoption geeigneter Kandidaten nicht ganz substituiert werden konnte. Als aber der junge Kaiser Caligula, zu dem Claudius ein recht durchwachsenes Verhältnis hatte, 41 n. Chr. der Verschwörung einiger Senatoren zum Opfer fiel und ermordet wurde, konnte sich der bislang politisch unbedeutende, aber dennoch keineswegs unbeliebte Claudius in den Wirren des Umsturzes aus der Schußlinie der Verschwörer retten. Mehr noch, er nutze die Sicherheit der Prätorianer-Kaserne, um sich zu verstecken und sich der machtpolitisch so wichtigen Unterstützung der Gardetruppen zu versichern.
Obwohl Claudius bei den folgenden Senatsversammlungen wegen seiner iulisch-claudischen Abstammung als Staatsfeind gebrandmarkt wurde, rief ihn die Prätorianergarde kurzerhand als neuen Kaiser des römischen Reiches aus – doch nicht ohne Gegenleistung in Form von umfassenden Bonuszahlungen und einer Goldmünzprägung, deren Artefakte bis heute an dieses Novum der Geschichte erinnern. In Verlegenheit eines konventionellen Thronfolgers und unter dem Druck der Truppen gab der eigentlich republikanisch orientierte Senat seine Widerstände auf. Am 25. Januar 41, dem Tag nach Caligulas Tod, stimmte der Senat schließlich der Thronfolge des Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus zu.
Claudius als römischer Kaiser, gesundender Princeps und stolzer Bauherr in Rom
Die Position des princeps war scheinbar der Gesundheit des Claudius zuträglich, und er entwickelte schnell ein Gespür für die politischen Mechanismen Roms, welche er schon lange aus der gesellschaftlichen Isolierung hatte beobachten und studieren können. Er errichtete nicht nur mit seinen Verwaltungsreformen – (griechische) Freigelassene in Führungspositionen, Neuordnung des Fiscus und der Gerichtsbarkeit – ein festes Fundament für das römische Großreich und eroberte sechs neue Provinzen inklusive Britannien (43 n. Chr.), sondern kümmerte sich auch um den nötigen Ausbau der Infrastruktur. Er förderte den Bau von Aquädukten und Alpenstraßen; mit dem Ausbau des Hafens Ostia Sicherung der nötigen Versorgung Roms mit Getreide-Importen; und schließlich die Renovierung des Circus Maximus. Als pater patriae veranstaltete er 47 n. Chr. säkulare Spiele zum 800-jährigen Jubiläum Roms. Doch auch seine recht weitsichtige Politik schützte ihn nicht vor persönlichen Anfeindungen wie etwa Senecas Apokolokyntosis ("Verkürbissung"), in der der Philosoph, Rhetoriker und Autor der claudischen Leichenrede die Behinderung des verstorbenen Kaisers in den Vordergrund stellte und seine Person zielsicher ins Lächerliche zog.
Wirkung und staatspolitische Errungenschaften des Kaisers Claudius
Vielleicht war es die intensive Beschäftigung mit der griechischen Kultur, die theoretische Schulung an der Geschichte oder aber die Erdung durch seine körperliche Beeinträchtigung, die den geistig agilen Claudius zur Neuordnung wichtiger Teile des Imperiums befähigten. So versuchte er, durch politische Reformen eine anhaltende Wirkung auf die Geschicke des Reiches zu erzielen. Weiterhin wollte er – vergeblich – den Senat konstruktiv in die Ausübung der eigenen kaiserlichen Macht einbinden sowie die Erlangung des Bürgerrechts für die Bewohner der Provinzen zu erleichtern. Beides durchaus politische Pläne mit Weitsicht, wie man heute weiß.
Den staatspolitischen Errungenschaften des Kaisers Claudius stehen private Misserfolge entgegen, denn nach zwei gescheiterten Ehen ließ er seine untreue dritte Frau Messalina hinrichten und heiratete Agrippina minor, Urenkelin des Augustus und bereits Mutter des Nero. Diese steht noch heute im Verdacht, mit dem giftbeschleunigten Tod des Claudius die Nachfolgeschaft ihres Sohnes und Adoptiv-Thronfolgers Nero gesichert zu haben. 54 n. Chr. starb Claudius unter ungeklärten Umständen, hinterließ aber ein Reich, das selbst Nero im Caesarenwahn nicht zerstören konnte. Er beeinflusste neben Bau- und Reliefkunst besonders die Entwicklung der Kaiserporträts mit archaistischen und veristischen Zügen: Nicht mehr die einst idealisierten Darstellungen blühender Jugend waren gefragt, sondern Abbildungen natürlicher Alterserscheinungen als Hinweis auf republikanische Tugenden wie auctoritas und dignitas – ebenso moderner, als man heute meinen mag.
