Der römische Kaiser Nero (54 - 68 n. Chr.)

Legende und Wahrheit über den Nachfolger des Kaisers Claudius in Rom

Kaiser Nero, Denar aus der Amtszeit 54 - 68 n. Chr - www.hjkrenzer.de
Kaiser Nero, Denar aus der Amtszeit 54 - 68 n. Chr - www.hjkrenzer.de
Lucius Domitius Ahenobarbus ging als kindlicher Kaiser Nero, Christenverfolger und erster »Brandsanierer« in die merkwürdige Geschichte des Römischen Reiches ein.

Die politische Landschaft von Rom und Reich war alles andere als stabil, als Lucius Domitius Ahenobarbus am 15. Dezember 37 n. Chr. in Antium geboren wurde, einem Badeort an Latiums Küste südlich der Hauptstadt. In einer Zeit, als Herkunft und Familie für die Karrierechancen eines Mannes durchaus entscheidend waren, stand dem Sohn des plebejischen Landadeligen Gnaeus Domitius Ahenobarbus eigentlich keine überragende Laufbahn bevor – wäre da nicht seine ehrgeizige Mutter Agrippina aus der Familie des Princeps Augustus gewesen, als solche bestens vertraut mit den komplizierten Machtspielen auf den Hügeln Roms.

Neros Mutter Agrippina, die erste Kölnerin im Machtzentrum des Römischen Reiches

Agrippina minor, in Oppidum Ubiorum am Rhein geboren – heute besser unter dem Namen Köln bekannt – stammte aus der iulisch-claudischen Herrscherdynastie und soll sich durch politisch nützliche Eigenschaften wie Machthunger, Skrupellosigkeit, Zielfixierung und Kontrollsucht ausgezeichnet haben. Nach dem Tod ihres Bruders Caligula, der sie in die Verbannung verschickt hatte, kehrte sie mitten in Hauptstadt und Machtzentrum Rom zurück, wo ihr die Eigenschaften der attraktiven und gewandten Aristokratin halfen, umgehend die dritte Frau des amtierenden Kaisers Claudius zu werden. Allerdings wollte sie nicht nur Ehefrau, sondern zusätzlich auch Mutter eines römischen Kaisers sein – eine mutmaßlich gesichertere Position, denkt man an die Hinrichtung ihrer Vorgängerin an der Seite des Claudius.

Agrippina setzte auf eine solide klassische Ausbildung für ihren Sohn Lucius, der während ihrer Abwesenheit bei Tante Domitia Lepida aufwuchs. Dabei profitierte der Junge von angesehenen Lehrern wie Chairemon von Alexandria, Alexander von Aegae und nicht zuletzt dem schon damals berühmt-berüchtigten Philosophen Seneca, der dem Jungen ab dem Alter von 12 Jahren als Mentor zur Seite stand. Auch Senecas spöttische Leichenrede Apokolokyntosis zum etwas ungeklärten Tod des Claudius im Jahre 54 n. Chr. dürfte nicht ohne Eindruck geblieben sein.

Macht Spiele, Kunst und Philosophie: Neros Jugend im Zentrum des Weltreiches

Das Zentrum des Weltreiches weckte aber bereits in Neros Jugend sein intensives Interesse an allen Formen der Kunst und der massentauglich volksbelustigenden Circusspiele. Der Stoiker Seneca hatte hinsichtlich der philosophischen Ausrichtung auf die griechische Kultur großen Einfluss auf den Heranwachsenden – nur limitiert durch die kontrollbesessene Mutter und den Drang des Jungen, selbst als Schauspieler, Sänger oder gar draufgängerischer Wagenlenker gerühmt zu werden. Noch vor der Teenager-Zeit wurde Lucius – auf fürsorgliches Wirken seiner Mutter – mit der achtjährigen Claudius-Tochter Octavia verlobt.

Weiterhin überredete seine thronnah verheiratete Mutter Kaiser Claudius zur Adoption. Schließlich sei der eigene Sohn des Throninhabers namens Britannicus drei Jahre jünger und ebenso wie einst sein Vater Epileptiker – und damit nun wirklich kein sicherer Kandidat für die Nachfolgeschaft. Tatsächlich, drei Jahre nach der Adoption des Lucius am 25. Februar 50, die dem Jugendlichen den unhandlichen und doch so vielversprechenden Namen Tiberius Claudius Nero Drusus Germanicus Caesar einbrachte, verband schließlich die Heirat mit Octavia den damals siebzehnjährigen Nero noch enger mit der Familie des Herrschers und beförderte ihn auf den ersten Platz der Thronfolge des Römischen Reiches.

Nach dem Tod des Claudius wird Nero Kaiser über Rom und Reich

Der Tod des Adoptivvaters Claudius im Jahr 54 n. Chr. – ob mit oder ohne Zutun Agrippinas wird wohl offen bleiben müssen – kam der Witwe durchaus gelegen. Ebenso wie der Umstand, dass die Adoption als Legitimation der Thronfolgeschaft des Prinzipats ein erprobter Umgang mit der unzuverlässigen geburtsrechtlichen Erbfolge darstellte. So fiel es dem Senat und den Prätorianer-Garden leicht, der kaiserlichen Ernennung zuzustimmen. So konnte Nero, seit seinem vierzehnten Lebensjahr offiziell als erwachsen erklärt sowie mit senatorischen und prokonsularischen Ämtern bekleidet – doch gerade einmal ausgewachsen – den Thron des Römischen Weltreiches besteigen. Die Regierungsgeschäfte lagen zunächst noch in den Händen jenes Gelehrten, der in Vorbereitung der zukünftigen Aufgaben seines Schützlings das philosophische Werk de clementia über die Milde eines guten Herrschers verfasst hatte: Seneca. Die militär-praktische Führung oblag dem aus der Provinz Gallia Narbonensis stammenden Sextus Burrus, jenem Präfekten der Prätorianer, der sich bereits im Machtvakuum des Jahres 54 für den jungen Thronanwärter eingesetzt hatte.

Das »goldene Zeitalter» der Spiele bis zum großen Brand Roms

Tatsächlich kamen die Jahre bis 59 n. Chr. (Quinquennium) dem zum Amtsantritt Neros freudig erwarteten goldenen Zeitalter recht nahe. Doch auch wenn Nero von seinen Lehrern recht behutsam an die Verantwortung der Regierung eines Weltreiches herangeführt worden war, stand der staatsmännischen doch jene persönliche Seite gegenüber, die den jungen Mann nach künstlerischem Ruhm und Ehren dürsten ließ. So führte unter anderem sein Hunger nach dem Beifall des Publikums zu ungewöhnlichen Auftritten als Sänger, Wagenlenker und Olympionik, aber eben auch zu einer Verschärfung des unvermeidlichen Konflikts mit der nach wie vor einflussnehmenden Mutter. Als Agrippina ihm wie einem ungezogenen Kind mit dem Thronentzug zu Gunsten von Britannicus drohte, starb dieser wenig später – vermutlich an einer Portion Gift kaiserlichen Ursprungs.

Agrippina, mit steigendem Kontrollverlust über ihren politischen Zögling des Einflusses beraubt, verlegte sich nun auf Intrigen zum Sturz ihres Sohnes, so dass die Regierungsspitze ihren Tod beschloss und im zweiten Anlauf im März 59 zur Tatsache machte. Neben dem Umstand, dass Nero wenig später mit seiner Frau ähnlich verfuhr, um seine Geliebte Poppea Sabina heiraten zu können, ist sein zweifelhaftes Andenken mit einem Großereignis der römischen Geschichte verbunden. Im Jahr 64 n. Chr. brannten sechs Tage lang große Teile der Hauptstadt in Abwesenheit des Kaisers nieder, und das Gerücht der Brandstiftung im kaiserlichen Auftrag hielt sich hartnäckig – genährt durch die Legende, Nero habe das Schauspiel des großen Brandes Roms vom Dach seiner Residenz musikalisch begleitet und dazu, ganz Philologe, die Illioupersis zitiert.

Kaiser Nero, die Brandsanierung für das Domus Aurea und die brutale Christenverfolgung

Der Kaiser ließ in dem niedergebrannten Gebiet auf dem Palatin das Domus Aurea errichten, einen Villenkomplex mit beispiellos luxuriöser Ausstattung – der Begriff »grotesk« leitet sich von den reichen Wandmalereien in den Grotten des Komplexes ab. Diese umgehende Neunutzung zu Gunsten des Kaisers schien die Brandstifter-Gerüchte nur zu bestätigen. Doch auch die Reaktion Neros, die römischen Anhänger einer Sekte namens Christentum als Schuldige zu verhaften und zahlreich in seinen Gärten als lebendige Fackeln zu verbrennen, konnte das Bild des Kaisers Nero für die Nachwelt nicht aufwerten. Sein Rückhalt in Senat und Militär schwand verstärkt im Jahr 65, als Seneca im Zuge der Pisonischen Verschwörung vom Kaiser selbst zum Selbstmord verurteilt wurde. Ob das geläufige Bild des jugendlichen Herrschers, im Caesarenwahn und Feuerschein Homer-Verse intonierend, der Wahrheit entsprach? Sicher ist allerdings, dass Nero die nötige politische Bestimmtheit und Skrupellosigkeit, die seine Mutter ihm in die Wiege legte, nicht nur für jene grausamen Taten nutzte, die in die Reflexion späterer Kulturen einging.

FxReid Ständiger Autor Australien&Ozeanien-Reisen, © FxReid

Felix Reid - Ständiger Autor im Ressort Australien- & Ozeanien-Reisen; Freier Autor für unterhaltsame Golfsport-Beiträge; Ghostwriter ...

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