Der Roman "Hundert Tage" von Lukas Bärfuss setzt Anfang der 1990er Jahre ein. Ein abenteuerlustiger junger Schweizer reist nach Kigali, der Hauptstadt von Ruanda in Ostafrika, wo er eine Aufgabe in der Entwicklungszusammenarbeit erhalten hat. Als bitter enttäuschter, gebrochener Mann wird er zurückkehren und sich in ein Dorf im Jura zurückziehen. Dort erzählt er einem alten Schulfreund sein Afrika-Erlebnis. Er hat ins dunkle Herz des Kontinents geblickt. Verstanden hat er es nicht.

Als Entwicklungshelfer nach Ruanda

Die Schweiz unterhält in Kigali eine Direktion für Hilfe und technische Zusammenarbeit, in deren Büro David Hohl tätig wird. Zu seiner Enttäuschung geht es nicht gleich hinaus "ins Feld", er muss viel bürokratischen Kram erledigen und lernen, sich an die örtlichen Gepflogenheiten anzupassen. Das lässt ihm Zeit, etwas über die Verhältnisse in diesem kleinen postkolonialen Land in Erfahrung zu bringen. Aber weder seine Landsleute noch die Einheimischen noch seine Europa-erfahrene Geliebte können ihm verständlich machen, worum es bei dem verworrenen Kampf der Rebellen gegen die derzeitigen Machthaber geht. Sie wissen es selbst nicht.

Die "Kurzen" (Hutu) und die "Langen" (Tutsi), die er äußerlich gar nicht unterscheiden kann, liegen seit Jahrhunderten im Streit. Entwicklungsprojekte scheitern, doch die spendablen Schweizer pumpen weiter Geld ins Land, auch für die professionelle Ausrüstung einer Radiostation der Regierung. Aufgehetzt durch eben dieses Radio fallen dann die Kurzen über die Langen her, und das große Morden beginnt. Da machen sich die internationalen Helfer schnell von den Socken.

Der Held erlebt den Völkermord in Ruanda mit

David Hohl bleibt. Sein Trotz gegen die feigen Gutmenschen und die Bindung an seine ruandische Geliebte Agathe halten ihn fest. Aber auch Agathe ist ihm ein Rätsel, sie brüskiert und fasziniert ihn gleichermaßen. Die wilden Sex-Szenen mit ihr wirken eher kriegerisch als erotisch. In seinem Haus verschanzt überlebt er mit viel Glück die hundert Tage zwischen April und Juli 1994, die mindestens 500.000 Menschen das Leben gekostet haben. Einige der Mörder helfen ihm, und er weiß nicht mehr, was gut und was schlecht ist. Schließlich kann er mit ihnen fliehen, ins Inferno der Flüchtlingslager jenseits der Grenze.

Politischer Unterhaltungsroman mit kritischem Anspruch

Dies ist der erste Roman des erfolgreichen Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss. Er lässt seinen Helden schnörkellos erzählen und die Lektion mitteilen, die dieser als Entwicklungshelfer gelernt hat: Die finanzielle Hilfe der reichen Nationen hilft den Underdogs dieser Welt nicht, höchstens ihren Diktatoren. Sie beruhigt nur das Gewissen der Helfer, trägt nicht zur Entwicklung bei, wendet kein Unheil ab. Da sind ihm die Berggorillas lieber, denen er einmal kurz in die Augen blicken durfte, sie sah er "nicht getrennt von der Schöpfung, so wie die Mörder getrennt waren, (…) wie jeder von uns getrennt und allein ist". Bärfuss gelingen in diesem Roman starke Bilder einer fremden Wirklichkeit. Sie prägen sich ein und können aufleben, wenn wieder schlimme Nachrichten aus afrikanischen Kriegsgebieten bis zu uns dringen. Sein kritisch-belehrender Anspruch macht aus dem spannenden Roman ein politisches Buch über das Auseinanderklaffen von gut gemeinten Absichten und mörderischen Folgen. "Hundert Tage" war auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und ist für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Lukas Bärfuss: Hundert Tage. Wallstein Verlag 2008. Gebunden, 197 Seiten. Euro 19,90.