
- Andrew Roachford - Hw-Kruse
Selten war der „Musikkritiker“ so überrascht von einem Konzert! Er hatte ein weichgespültes Kuscheltier erwartet, ein „Cuddly Toy“, so Andrew Roachfords größter Hit Ende der 80er Jahre, und erlebte einen groovenden und wilden Derwisch, der alle Register seines musikalischen und stimmlichen Könnens nutzte.
"The Doctor" fegte Vorurteile davon
Sirenengeheul, harte Gitarrenriffs: „No need to call of the doctor!“. Schon Roachfords Beginn mit “Doctor” von seiner neuen CD fegte alle Vorurteile davon. Einigen heftigen Rockstücken folgten ausgedehnte Funk-Orgien: „The way I feel“ oder „You feel to me Baby“, kreischte, fauchte und stöhnte der herumhüpfende Sänger. Die größten Momente entstanden wenn er mit zwei Fingern Läufe auf einem E-Piano spielte, seine Songs röhrte und zwischendrin fröhlich die Besucher zum Mitsingen und Händeklatschen ermunterte. Der dichte Kontakt mit dem Publikum wirkte nicht aufgesetzt, ganz offensichtlich hatten der aufgekratzte Brite und die kleine Tourband selbst riesigen Spaß bei ihrem Auftritt in der intimen Clubatmosphäre des „Eulenspiegels“.
Heiser und rau wiederholte der Sänger unermüdlich sein überzeugendes Verlangen nach wilden Liebesaffären, „Rock you in the morning!“, „..in the evening!“, „…in the night!“. Auf den CDs klingen diese hin gehauchten Floskeln eher wie Aufforderungen zum Plätzchenbacken. Und als live gesungene Rockballaden fuhren selbst seine zuckrigen Schmusesongs, wie „Rivers of Love“ mit viel ou-ou-ou-ou oder da-da-da-da, mächtig in Bauch und Beine.
Vom harten Bluesrock zum gefühlvollen Soul
Irgendwann begann Roachford den brutal hingerotzten Bluesrock „I’m a man, yeah, yeah, I’m a man“, der dann emblematisch in frauenfreundlichen Soulfunk „We can work it out“ und später „We are family“ überging. Denn die Soulmusik der 1960er Jahre war getragen von einem tiefen Zugang zu den eigenen Gefühlen und betonte ein neues Geschlechterverhältnis mit Verantwortung und Zuneigung.
Solche Medleys spielte er häufiger, wechselte mit großer Leichtigkeit zwischen musikalischen Stilen, Rhythmen und eigenen oder fremden Songs. Nach der Pause zelebrierte er zunächst alleine an seinem E-Piano soulige Coverversionen von Dylans „Knockin’ on heaven’s door“ oder Lennons „Imagine“. Das tanzende und mitsingende Publikum hatte auch nach über zwei Stunden noch nicht genug und fordert erfolgreich Zugaben vom lachenden Sänger.
Die Qualität der CDs bleibt zwiespältig
Wenn man nach diesem Konzert Roachfords CDs abspielt und neu hinhört ist durchaus seine kräftige Soulpower zu spüren. Aber manche Songs bleiben glatt und plätschern so leicht dahin wie Muzak im Supermarkt: Roachford ist eindeutig ein brillanter Live-Entertainer! Vielleicht ist ihm deshalb bisher der große internationale Durchbruch nicht gelungen, aber die Chancen dafür wachsen möglicherweise durch seinen Einstieg als Sänger bei Mike And The Mechanics.
Die neue CD „Addictive“ von Andrew Roachford erschien im Herbst 2011
