Der Sportclub Freiburg galt schon immer als "der etwas andere" Fußballverein. Wo gibt es schon einen Präsidenten (Achim Stocker), der statt im Stadion mit seiner Mannschaft mitzufiebern, während des Spiels mit seinem Hund spazieren geht? Welcher Profi-Klub wird es jemals schaffen, den Rekord der "Ära Finke" mit 16 Jahren unter dem gleichen Trainer zu brechen?
Volker Finke und die Spielkultur
Ein anderer Rekord ist weniger rühmlich: Welcher Mannschaft im bezahlten Fußball gelingt es sonst, mehr als 100 Eckstöße zu treten, ohne dass daraus ein einziger Torerfolg wird? Doch vielleicht liegt gerade hier ein Schlüssel zur Erklärung des Phänomens.
Während man in der übrigen Republik Ligaspiele bestritt, um möglichst viele Punkte und Tore einzufahren, ließ sich aus dem alternativen Freiburg eine ganz andere Lehre vernehmen. Tore unterbrechen den Spielfluss und trüben damit die Freude am ästhetischen Genuss des roulierenden Balls.
1991 begann die Trainerlaufbahn Volker Finkes in Freiburg und damit die Kultur des gepflegten Kurzpass-Spiels. Noch zwei Jahre vorher hatte ein gewisser Joachim Löw in den Reihen der Badener gekickt und in 140 Einsätzen immerhin 43 Tore erzielt.
Mit solch vulgärem Tun war es unter Finke erst einmal vorbei. Spieler wurden aus Ländern wie Burkina Faso geholt, von denen mancher Tribünenbesucher gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Der Teint der Akteure wurde immer dunkler und die Balltechnik immer feiner.
Mit kleinem Etat zu großem Erfolg
Dass Volker Finke neben Spielern aus "exotischen" Ländern vor allem auch auf junge Talente setzte und eine vorbildliche Fußballschule installierte, um den eigenen Nachwuchs zu fördern, lag auch am begrenzten Etat des Vereins. Achim Stocker war in seinem Zivilberuf Beamter in der Finanzverwaltung und ein sparsamer Mann.
Das Image des David unter den finanzstarken Goliaths des Profi-Fußballs, der mit seinen bescheidenen Mitteln die Großen ganz schön ärgern konnte, wurde vom Verein auch gerne gepflegt. Gekämpft wurde nicht mit der Steinschleuder, sondern mit Ballstafetten und Kunststückchen auf engstem Raum. Der Ball wurde getätschelt und gestreichelt und, wenn es sich nicht vermeiden ließ, auch über die Torlinie des Gegners geschoben.
Das Konzept kam an. Eine Dauerkarte für den SC war zeitweise schwerer zu bekommen als eine Eintrittskarte für die Bayreuther Festspiele. Auch jenseits der Dreisam gewann der SC Anhänger, Günter Grass outete sich als Fan und sogar Uli Hoeneß nannte die Breisgauer "sympathisch". Die Äußerung fiel allerdings nicht, als der SC Freiburg die Bayern mit 5:1 nach Hause schickte.
Der Jojo-Effekt
Ganz ohne messbaren Erfolg war nämlich auch der Alternativfußball aus Freiburg nicht geblieben. 1993 stieg die Mannschaft in die Erste Bundesliga auf und nahm zwei Jahre später sogar am UEFA-Cup teil. 1998 ging es allerdings zurück in die Zweite Liga. Ein Jahr später war man wieder oben. Das gleiche Spiel wiederholte sich 2002, dem Abstieg in Liga Zwei folgte der unmittelbare Wiederaufstieg.
Das Ende der Ära Finke
Im Jahr 2005 musste der Gang in die Zweite Bundesliga erneut angetreten werden. Diesmal klappte das Jojo-Spiel allerdings nicht. Der Aufstieg ins Oberhaus wurde um einen Tabellenplatz verfehlt.
In der Hinrunde des darauf folgenden Jahres lief es für den SC miserabel. Man musste mit dem Abstieg rechnen, Präsident Stocker zog die Reißleine. Finke und der SC Freiburg beschlossen sich zu trennen. Während dies bei "normalen" Klubs heißt, dass der Trainer sein Bündel schnüren kann und jemand anders das Training übernimmt, bis der Nachfolger auf den Schild gehoben wird, wurde die Scheidung im Fall SC Freiburg vs. Volker Finke auf das Ende der Saison terminiert.
In einer rasanten Aufholjagd wurde der SC Freiburg Tabellenvierter und verpasste wieder nur knapp den Aufstieg.
Robin Dutt und die Effizienz
Dass der neue Trainer Robin Dutt nach dieser Abschiedsgala keinen leichten Einstand haben würde, war klar. Eine Fan-Initiative "Wir sind Finke", die vehement den Verbleib des alten Trainers forderte, stellte den Verein vor eine Zerreißprobe.
Die Mannschaft wurde personell stark verändert und das System modifiziert. Trotzdem gelang es Robin Dutt, sich in der Spitze der zweiten Liga zu halten. Die Mannschaft beschloss die Saison auf Platz fünf. Das Ziel für die Saison 2008/2009 wurde offensiv formuliert. "Aufstieg" hieß das erklärte Ziel. Der SC Freiburg hielt sein Versprechen. Während der gesamten Saison stand man unter den ersten Drei der Tabelle und wurde Herbstmeister.
Drei Tage vor Ende der Saison ist nun klar: der SC Freiburg steigt auf und beendet die Saison als Meister der Zweiten Bundesliga. Was sich unter Robin Dutt geändert hat, ist die Effizienz. Gerade aus Standardsituationen bezieht die Mannschaft ihre Stärke. Die Gegner sollten jetzt während eines Eckstoßes keine Vesperpause mehr einlegen. Die Leistung von Mannschaft und Trainer verdient Respekt, dass der Aufstieg verdient ist, wird von keinem bestritten. Der Klub ist in der Normalität des deutschen Profifußballs angekommen. Den Flair "des anderen" Fußballvereins mag er allerdings eingebüßt haben.
