
- Heebie Jeebies - Sammlung des Autors
Ein Kuriosum in der Geschichte des Jazz ist der Scat-Gesang. Zu erklären, was darunter zu verstehen ist, hieße Trompeten und Klarinetten nach New Orleans tragen. Wie es allerdings zu dieser Form des musikalischen Ausdrucks gekommen sein soll, ist vielleicht doch nicht jedem gegenwärtig.
Das Ganze begann, natürlich, mit Louis Armstrong. Er befand sich am 26. Februar 1926 im Chicagoer Aufnahmestudio der Firma OKeh. Als zweites Stück einer Serie von sechs Titeln spielte er mit seinen „Hot Five“ die Atkins-Komposition „Heebie Jeebies“. Obwohl gut vorbereitet, vergaß er einen Teil seines Textes. Reaktionsschnell füllte Armstrong die entstandene Lücke, indem er Silben bildete und diese anstatt des Textes sang. Der Scat-Gesang war geboren, und wenn Sie daran teilhaben möchten, müssen Sie nur die Platte auflegen.
Louis Armstrong vergisst seinen Text: Aus einer Notlage wird das große Geschäft
Als Armstrongs Platte auf den Markt kam, löste sie eine große Überraschung aus. Aber während man noch darüber diskutierte, ob es wirklich Zufall war oder nicht doch ein genialer musikalischer Einfall, waren die Nachahmer bereits zur Stelle und versuchten, aus Armstrongs Not eine finanzielle Tugend zu machen. Unter ihnen war auch Cab Calloway. Calloway wurde bekannt, als er 1929 die Leitung der „Missourians“ übernahm, damals angeblich Harlems heißeste Band. Calloway perfektionierte den Scat-Gesang. In Verbindung mit grotesker Mimik und tänzerischen Einlagen zog er auf der Bühne vor Publikum und Orchester eine grandiose Ein-Mann-Show ab. Sollten Sie einmal einen seiner Filme gesehen haben, werden Sie sich bestimmt daran erinnern. Für Karikatur und Werbung war Calloway ein gefundenes Fressen. „King of the Hi-De-Ho“ nannte man ihn, und der „Scat Song“ ist ein wunderbares Beispiel seiner Gesangskunst.
Auch Earl Hines konnte 'scatten'
Earl Hines kannte „seinen“ Armstrong natürlich auch sehr gut. War er doch der Pianist in dessen zweiter „Hot Five“. Es war also nicht verwunderlich, dass Hines auch einmal einen Scat-Versuch wagte. Sein Titel „Sister Kate“ wurde schon 1915 von Armand Piron komponiert. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme, es war der 15. Februar 1929, spielte Earl Hines mit seinem Orchester im „Grand Terrace“ in der Nähe der 39. Straße am South Parkway in Chicago.
Die 'Scat-Welle' setzt sich fort
Clarence Williams gehörte zur ersten Generation schwarzer Musikunternehmer. Schon in jungen Jahren, damals noch in New Orleans, gründete er seinen ersten Musikverlag. Später, in New York, war Williams der einflussreichste Schwarzamerikaner dieser Branche. Er wurde „race-manager“ in New York für die Plattenfirma OKeh. Auch singen konnte er ganz leidlich. Sein Titel „Have You Ever Felt That Way“ ist ein gutes Beispiel für stark synkopierten Scat-Gesang.
Scat-Gesang und Dadaismus
Jimmie Noone, Klarinettist aus New Orleans, war kein Sänger im Stile Armstrongs. Einen ersten Versuch machte er schon 1926 bei Doc Cook. Aber „Lets So A Wild Oat“ ist ein schönes Beispiel für den Scat-Gesang. Joe Poston und Noone machen sich über Einwanderer aus dem Osten lustig. Ihr Versuch, phonetisch eine slawische Sprache wiederzugeben, ist durchaus gelungen und erinnert ein wenig an die Zeit der Dadaisten. Mit dem Scat-Gesang der 30er Jahre war man inzwischen weit entfernt von dem, was Armstrong einst kreierte. Scat war Gag geworden, Komik, Show, Effekthascherei und, wenn übertrieben, sogar recht albern. Der Pianist James P. Johnson aus Harlem hatte im eigentlichen Sinn nie eine „richtige“ Band. Brauchte er eine solche, lieh er sich die Musiker, die er gerade benötigte, aus anderen Bands. Im März 1931 nahm er im Studio unter anderem den Titel „Just A Crazy Song“ auf. Andy Razaf ist der Sänger. Er gibt ehrlich zu, was er da gerade vollführt.
Louis Armstrong ist der Altmeister des 'Scat'
Mit dem Altmeister des Scat-Gesang, Louis Armstrong, wollen wir diese kleine Abhandlung beschließen. Wie Sie ja inzwischen bemerkt haben werden, erhalten Sie häufig Hinweise auf ganz bestimmte Titel. Der Jazzliebhaber oder Sammler bekommt dadurch den roten Faden in die Hand, der ihn zur richtigen Jazzaufnahme führt. Hören Sie sich doch einmal den Titel „Skid-Dat-De-Dat“ der Hot Five von Armstrong an (November 1926), ein Stück, das schon vom Namen her verrät, was Sie erwartet. Eine andere Aufnahme, diesmal vom Juli 1930, zeigt uns einen völlig verwandelten Armstrong. Auf dem Wege zum Solisten, zum Musiker, der nicht mehr im Orchester, sondern vor dem Orchester spielt, hat Armstrong alles abgestreift, was an New Orleans und seine erfolgreichen Jahre in Chicago erinnert. „I’m A Ding Dong Daddy“ wurde während seiner Californien-Tournee in Los Angeles aufgenommen. Spätestens nach diesem Titel wissen Sie, daß ein „schubi-dubi-dei“ nicht unbedingt etwas mit einem scat-vocal zu tun hat.
