
- Howard Norman - Der Schlittenmacher Cover - semper smile
Es ist ein Abend im Jahr 1941, als Wyatt im Alter von siebzehn Jahren innerhalb von einer Stunde Vollwaise wird. Seine Eltern, die beide in die Nachbarin verliebt waren, springen an diesem Abend von zwei unterschiedlichen Brücken. Wyatt steht unter Schock, und als sein Onkel Donald und seine Tante Constance ihn aufnehmen, ist er dankbar. Einesteils, weil sie ihm ein Dach über dem Kopf bieten, und anderenteils, weil sie eine wunderschöne Adoptivtochter haben, Tilda. Tilda ist nur ein kleines bisschen älter als Wyatt, und sie ist seine Welt. Wyatt lernt bei seinem Onkel Donald, wie man Schlitten macht - nicht, dass ihn das sonderlich interessierte, aber es ist ein Beruf, und so kann er mit Tilda im selben Haus leben. Eine Weile geht alles seinen gewohnten Gang, auch wenn Onkel Donald zunehmend fanatisch reagiert, was deutsche U-Boote vor Kanadas Küsten angeht.
Der Deutsche Hans Mohring
Tilda macht ihren Eltern Sorgen. Die junge Frau möchte partout Klagefrau werden - eine jener Frauen, die professionell Klagereden bei Beerdigungen halten, wenn niemand sonst dafür da ist. Nicht, dass das nicht ein angesehener Beruf gewesen wäre, aber woher nur kommt die ganze Traurigkeit in dem Mädchen? Vorsichtshalber schicken sie sie zu einem Hypnotiseur, um herauszufinden, ob etwas Schwerwiegendes dahinter steckt. Und diese Reise ändert alles: Als Tilda zurückkommt und aus dem Bus steigt, ist sie nicht allein. Ein junger deutscher Student namens Hans Mohring begleitet sie. Sie haben sich im Bus unterhalten, und Tilda hat ihn gefragt, ob er nicht eine Weile in der Stadt bleiben will. Hans will, und Tilda ist glücklich. Hans unterbricht für diesen Aufenthalt sein Philologiestudium, und Wyatt sieht seine Chancen auf Tilda in weite Ferne verschwinden.
Der Konflikt
Hans bleibt, und Tilda zieht mit ihm in ein paar zu vermietende Räume über der Bäckerei. Wyatt leidet, und auch Constance ist nicht eben begeistert von dem Arrangement. Aber das ist noch lange nichts gegen Donalds steigende Abneigung. Er hat Hans nichts vorzuwerfen - überhaupt nichts, abgesehen von der Tatsache, dass er Deutscher ist. Dass Hans' Familie nach Dänemark geflohen ist, spielt in seinen Augen keine Rolle. Donald heftet schweigend einen Zeitungsartikel über deutsche U-Boote und die von den Mannschaften begangenen Verbrechen nach dem anderen an die Wand seiner Schreinerwerkstatt, und Hans und Tilda sind ratlos. Es kommt nicht zum öffentlichen Eklat, es verstummt nur langsam die ganze Familie. Dann fährt Constance mit dem Schiff eine Freundin besuchen - und kommt nie wieder nach Hause. Ihre Fähre wurde von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt.
Der Spannungsbogen
Der Roman beginnt als Brief - Wyatt schreibt an seine Tochter, deren einundzwanzigster Geburtstag ist. Das Mädchen heißt Marlais, und ganz offensichtlich ist sie auch Tildas Tochter. Und das ist eigentlich schon sehr verblüffend, denn wenn Tilda im Buch erscheint, weiß man sofort, dass sie Wyatts Gefühle nicht erwidert. Und als der deutsche Student seinen Auftritt hat, ist vom ersten Moment an klar, dass sie ihn liebt, ihn und niemanden sonst. Warum also ist Wyatt Marlais' Vater? Es dauert lange, das herauszufinden, und die Geschichte ist eine verzweifelte. Sie ist so sinnlos und dabei so folgerichtig, dass sie quasi frustriert - und dabei ist sie sehr gut geschrieben. Gerade die schönen Punkte wie die bedingungslose, selbstgenügsame Liebe zwischen Tilda und Hans und die treue Freundschaft der Bäckerin Cornelia bilden warme Flecken in dem ganzen kalten Elend, gerade genug Licht, um die Schatten noch dunkler erscheinen zu lassen.
Die Logik des Unfassbaren
Jeder Schritt in diesem Buch zieht einen anderen nach sich, und wenn der Weg über die Klippe führt, dann wird nicht Halt gemacht. Sehenden Auges wird hier Verderben gebracht, und es wirkt sich auf die einzig mögliche Art und Weise aus. Es ist die Unerbittlichkeit des Schicksals, dass dem Leser hier den Hals zudrückt, und die knallharte Folgerichtigkeit dessen, was die Geschehnisse mit Wyatt anrichten, der diese Geschichte ja erzählt, ist bitter und erschreckend gut erfüllt. Dies ist keine Geschichte über Wunder oder Gnade, und in diesem Umstand steckt eine gewisse Größe. Kühl und einsam steht der Roman am Ende da, als würde er dem Leser jetzt stumm den Rücken kehren, wo er nun ausgelesen ist, und sich nicht noch einmal umgucken. Es ist ein ziemlicher Klumpen Allzumenschliches, den der Autor hier seinen Lesern hinwirft - aber er ist gut, sehr gut gemacht.
Fazit: Liebesgeschichte, Krimi, Drama - vorwiegend in dunklen Farben gemalt, aber mit feinen Nuancen. Erschreckend. Gut. Erschreckend gut.
Howard Norman: Der Schlittenmacher. btb, November 2011. Taschenbuch, 288 Seiten. Euro 9,99
