
- Undatierter Kupferstich des Flugs - Stadtarchiv Ulm
„Dr Schneider von Ulm hots Fliaga probiert, do hot en dr Deifl en‘d Dona neigfiehrt“, diesen alten Spruch lernte man als Kind, wenn man im Schwäbischen aufwuchs und es ist nur einer von vielen Spottversen über Albrecht Ludwig Berblinger, jenen Mann, der nach vorne blickte und neue Ideen gebar, als viele seiner Ulmer Zeitgenossen von vergangenen Zeiten träumten.
Albrecht Ludwig Berblinger
Der Mann, der als der Schneider von Ulm traurige Berühmtheit erlangen sollte, wurde am 24. Juni 1770 geboren. Da der Vater das Zeughaus der Freien Reichsstadt Ulm – im Zeughaus wurden früher Waffen gelagert und auch instandgesetzt – verwaltete, wohnte die Familie auch dort. Die Waffensammlung war jedoch beträchtlich zusammengeschmolzen, denn der Stern der einst bedeutenden Stadt war damals schon länger am sinken, da die zahlreichen Kriege und neue Handelswege mit all den Folgen ihr zugesetzt hatten. Sogar den Bankrott hatte man erklären müssen. Was an Waffen noch übrig war, dürfte jedoch, zusammen mit den dort aufbewahrten technischen Geräten und Modellen, der Grund dafür gewesen sein, dass der junge Berblinger schon früh Interesse an der Technik zeigte.
Gerne hätte er wohl einen entsprechenden Beruf erlernt, doch das Schicksal wollte es anders, denn nach dem Tod des Vaters hatte die Mutter drei der sieben Kinder, darunter Albrecht, ins Waisenhaus geben müssen, da sie nicht für alle sorgen konnte. Berblinger war damals 13. Als er ein Jahr später entlassen wurde, entschied der Waisenvater, dass er eine Schneiderlehre zu beginnen habe. Obwohl der Schneiderberuf wohl nicht seinen Wünschen entsprach, gab er sich offensichtlich große Mühe, denn er durfte schon nach vier anstatt der üblichen acht Gesellenjahre, im Alter von 21 Jahren, die Meisterprüfung ablegen. Bald darauf heiratete der junge Schneider Anna Scheiffelin. Obwohl die Familie häufig umzog – Berblinger kaufte innerhalb kurzer Zeit dreimal ein Haus und verkaufte es wieder – hatte er mit seinem Geschäft durchaus Erfolg. Allein: Gänzlich zufrieden war er als Schneidermeister nicht, denn er war nun einmal ein der Mechanik zugetaner schwäbischer Tüftler. In diese Leidenschaft soll er viel Zeit und Geld investiert haben.
Ein schwäbischer Tüftler
Seine Tüfteleien ließen ihn neben seiner Schneiderarbeit, dem Vorbild der Franzosen folgend, „Kinderchaisen“, wie man Kinderwagen damals nannte, und einige andere Gefährte fertigen. Manch einer mag den Schneider, der sich so gerne außerhalb seiner Zunft bewegte, für einen Spinner gehalten haben, doch er hatte durchaus Sinn fürs praktische. Praktisch waren in jener Zeit auch Beinprothesen, denn es waren die Jahre der napoleonischen Kriege. Also erfand Berblinger Prothesen mit beweglichen Gelenken, die er ab 1808 fertigte. Damit auch er von seiner Erfindung stärker profitiert hätte, hätte es jedoch der Werbung und Bekanntmachung bedurft und just das wurde ihm verwehrt.
Ob es unter anderer Herrschaft anders gekommen wäre, weiß man nicht, die Zeitläufte wollten es jedoch so, dass die Freie Reichsstadt Ulm bei der Neuordnung Europas durch Napoleon 1802 dem Königreich Bayern zugeschlagen worden war. So musste Berblinger beim bayerischen König einen Antrag stellen, um für seine Erfindung werben zu dürfen. Obwohl ärztliche Gutachten die Nützlichkeit der Prothesen bestätigten, entschied die Obrigkeit anders über das Schicksal des Schneiders, verkaufen durfte er seine künstlichen Glieder wohl, nicht aber öffentlich dafür werben und so gab er die Prothesenherstellung wieder auf.
Der Traum vom Fliegen
Da gab es jedoch noch einen Traum des Schneidermeisters, nämlich jenen alten Traum vom Fliegen, den mit ihm viele träumten, doch Berblinger gehörte zu den wenigen, die diesen Traum wahr machen wollten. Während manch Ulmer von den glorreichen Reichsstadtzeiten träumte, konstruierte er etwas unerhört Zukunftsweisendes: ein Fluggerät − eines mit dem er nicht, wie es bislang häufiger versucht wurde, vom Boden abheben, sondern von der Höhe hinabgleiten wollte. Als ihm wohl auf dem Michelsberg einige kurze Flüge gelungen waren, so genau weiß man das nicht, wie überhaupt recht wenig über das Leben Berblingers bekannt ist, kündigte er für den 4. Juni 1811 eine Flugvorführung an.
Mittlerweile war Ulm 1810 an Württemberg weitergereicht und vom wirtschaftlich wichtigen Hinterland, das weiterhin zu Bayern gehörte, abgeschnitten worden. Für den 30. Mai wurde der württembergische König Friedrich zum Antrittsbesuch bei seinen neuen Landeskindern erwartet und wenn man schon niemand mehr war in der Welt, so wollte man dem König doch ein Spektakel bieten. Das für den Besuch gegründete Festkomitee, kam also mit Berblinger überein, den Flug auf den 30. Mai vorzuziehen, denn der Schneider war doch ein knitziger angesehener Mann, der auch funktionierende Prothesen gefertigt hatte, wenn er einen Flug ankündigte, würde dieser doch wohl auch gelingen.
Ein Absturz mit Folgen
Da man den dicken Friedrich, wie der König auch genannt wurde, wohl nicht zum Michelsberg bugsieren wollte, sollte Berblinger von der Adlerbastei aus über die 40 Meter breite Donau fliegen. So warteten an jenem 30. Mai neben dem König samt Gefolge auch Tausende Zuschauer und natürlich die Honoratioren der Stadt auf das Ereignis, das Ulm wieder ins Gespräch bringen sollte. Doch zum Flug kam es nicht, denn Berblinger erklärte, sein Fluggerät sei defekt, der König reiste ab, gewährte aber dem Schneidermeister dennoch eine Gratifikation, um die neue Idee zu unterstützen.
Berblinger wagte am nächsten Tag einen neuen Versuch, doch auf dem Absprunggerüst spürte er wohl, dass etwas nicht stimmte. Er wartete eine dreiviertel Stunde bis er endlich sprang − vielleicht auch gestoßen wurde − und der Ausgang ist bekannt: Er landete in der Donau, weil man damals von den über fließenden Gewässern herrschenden Fallwinden nichts wusste. Nur die Bürger, einige wenige ausgenommen, hatten im Nachhinein schon immer gewusst, dass das schiefgehen musste. Der Mann, der an eine große Idee geglaubt hatte, wurde Opfer von Verleumdungen und Spott, eine neue Flug-Chance bekam er nicht, er begann zu trinken und zu spielen, so dass er von 1819 an auf die städtische Armenfürsorge angewiesen war. Zehn Jahre lebte Albrecht Ludwig Berblinger von da an noch, ehe er am 28. Januar 1829 an Abzehrung starb und in einem Armengrab beerdigt wurde.
Quellen:
- Herbert Wiegandt: Ulm – Geschichte einer Stadt, Anton H. Konrad Verlag.
- Der Schneider von Ulm – Fiktion und Wirklichkeit. Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Ulm.
- Pressemappe der Stadt Ulm zum Berblinger Jubiläumsjahr 2011.
