
- Highlander wussten: Auf die Beinarbeit kommt es an - FxReid
Nichts harmoniert so stilvoll wie die drei großen Kultur- und Exportschätze Schottlands: Nach einer Runde Golf im kurzen Karierten einen Single Malt genießen. Doch während Scotch und das altehrwürdige Golfspiel weitestgehend unbestritten in den charaktervollen schottischen Highlands zu Hause sind, sollte man sich die Tradition des Kilts und besonders die Entwicklung der Clan-Tartans genauer ansehen. Denn die Tartans genannten Karo-Muster, die Dank des expansionsfreudigen British Empire vergangener Tage nahezu weltweit Angehörige der schottischen Clans als solche ausweisen, sind keineswegs so alt, wie häufig suggeriert wird.
fèileadh beag, der Vorläufer des schottischen Kilts für Wind- und Wetterfestigkeit
Ein gesicherter Vorläufer des Kilts ist der breacan fèileadh, nämlich zwei breite Stoffbahnen, die sich nicht nur die Schafhirten der Highlands als Wetterschutz um den Körper wanden. Das Oberteil wurde in einer breiten, den Rücken bedeckenden Schärpe um Schulter und Brust gelegt und mit einer Brosche fixiert. Der fèileadh beag hingegen wurde gewickelt, an der Taille gegürtet und bedeckte so je nach Wetter mehr oder weniger die Beine. Er wurde in Falten gelegt (kilted), um die Wind- und Wetterfestigkeit des schweren Wollstoffs noch zu erhöhen. Laut John Telfer Dunbar, einem schottischen Archäologen und Spezialist in Fragen der Highlander-Bekleidung, wurde dieser Vorläufer des schottischen Kilts auf dem Boden ausgelegt, so dass sich der Träger zum Anlegen drauflegen konnte.
Thomas Rawlinson, Erfinder des Kilts als praktische Arbeitskleidung?
Die heutige Form des Beinkleids mit eingenähten Falten allerdings soll vom englischen Unternehmer Thomas Rawlinson im 18. Jahrhundert als praktischere Arbeitskleidung für seine schottischen Stahlarbeiter seines Werks in Invergarry angeordnet worden sein. Ein solcher Rock ohne bauschiges Oberteil wurde allerdings auch schon im 17. Jahrhundert als Kilt getragen und erlaubte dem Träger jene Beinfreiheit, die bereits römische Legionäre in ihrer kleidähnlichen, gegürteten Tunica samt dem Pteryges genannten Schurz aus metallbeschlagenen Lederstreifen zum Schutz zukunftsträchtiger Regimentsglieder zu schätzen wussten, sofern sie nicht beritten waren. Auf den rauen Schlachtfeldern der Highlands diente hingegen die vor dem Schritt getragene, beschlagene Ledertasche (sporran) zum Schutz der persönlichen Clan-Juwelen sowie als nötiger Stauraum – denn Kilts haben bekanntlich keine Taschen.
Entwicklung von charakteristischen Karo-Mustern der schottischen Tartans
Zwar sind viele der charakteristischen Karo-Muster der schottischen Tartans nicht so alt, wie ihre Vermarktung manchmal glauben lässt. Doch die Ursprünge der durch verschiedenfarbige Garne in Feldern und Linien gemusterten Stoffe reichen mit dem »Falkirk Sett« – einem Stoffstück zum Verschließen eines Vorratsgefäßes, gewebt aus brauner und weißer Schafwolle – vermutlich bis ins 3. Jahrhundert v. Chr. Auch die kriegerischen Kelten trugen damals bereits vielfarbige Kleidungsstücke, während die aus einfachen Decken gefertigten Plaids der frühen Hochlandschotten noch einfarbig waren. Die Vielfalt der karierten Muster allerdings hat sich erst im 16. Jahrhundert entwickelt, als zunächst schottische Distrikte und später Clans dazu übergingen, eigene Tartan-Farben und Muster als ihr Vorrecht zu betrachten. Davon zeugen reichhaltige Bestände moderner Datenbanken wie »The Scottish Tartans World Register«. Fremde Schottenkaros zu tragen ist zwar nach wie vor nicht illegal, aber unter Ehrenmännern undenkbar.
Kilts und Tartans als schottisches Nationalsymbol und ihr Verbot seit Culloden
Schnell wurde der faltige Stoff mit dem karierten Muster ebenso wie das blauweiße St Andrews Cross zum identitätsstiftenden schottischen Nationalsymbol, so dass viele der Clansmen, die 1745 am Jakobiten-Aufstand teilnahmen, weitestgehend kariert in die Schlacht zogen. Seit dem 1. August 1747 waren Kilts und Tartans als Folge jener tragischen Niederlage von Culloden verboten, in der die Highlander unter Führung von Bonnie Prince Charlie dem Herzog von Cumberland, genannt »The Butcher«, unterlegen waren und nahezu ausgerottet wurden. Doch die zähen Hochlandschotten erholten sich von diesem harten Schlag, und schon 1782 wurde das Verbot wegen drohender Aufstände traditioneller Rockträger aufgehoben. Keine 50 Jahre später besuchte King Georg IV. seine schottischen Ländereien und trug dabei einen Kilt – der Legende nach über einer fleischfarbenen Strumpfhose.
Legendäre Luftigkeit als Teil schottischer Kultur für den berockten Herren der Highlands
Was Mann übrigens angemessenerweise unter einem traditionellen Kilt trägt, geht wohl niemanden außer den Träger und erdnah lebende Kleintiere etwas an. Sollten Sie angesichts eines traditionell berockten Herren dennoch in Betracht ziehen wollen, dieser Frage auf den Grund zu gehen, werfen Sie zuerst einen unaufdringlichen Blick auf die wollenen Kniestrümpfe. Steckt in Ihnen ein dirk genannter Dolch, so zeugt der traditionell von den kriegerischen Absichten des Trägers – indiskrete Fragen oder Annäherungen sind dann besser nicht zu empfehlen. Man weiß schließlich nie, wie viel kämpferisches Highland-Blut mit niedrigem Siedepunkt in den Adern des Clansman fließt. Auch die schottischen Regimenter der britischen Streitkräfte im Commonwealth bis ins neuseeländische Dunedin werden nach wie vor traditionsbewusst eingekleidet und verfügen über eigene Tartans, wobei meist die traditionsreichen Farben der Black Watch bevorzugt werden. Ein Hinweis könnte außerdem der Tartan selbst geben. Denn jeder Clan, der etwas auf sich hält, verfügt über verschiedene Muster- und Farbkombinationen, die ursprünglich speziell für die Jagd in den Highlands, gesellschaftliche Anlässe und den Alltag reserviert waren und auch heute noch nach ihrem ursprünglichen Zweck benannt werden.
Trotz allem darf nicht vergessen werden, dass der Kilt zwar ebenso ein Bestandteil der schottischen Highland-Kultur ist wie das Munro-Bagging, Scotch Whisky und nicht zuletzt die mittlerweile weltweit zelebrierten Highlandgames. Doch auch Schotten können nicht ständig auf Hügel sprinten, Baumstämme schleudern und das hochprozentige Wasser des Lebens trinken – schließlich kann man auch den einen oder anderen Bayern gelegentlich außerhalb seiner Lederbux und des Biergartens antreffen.
