Das deutsch-französische Verhältnis war seit jeher kompliziert. In den beiden Weltkriegen, die den europäischen Kontinent im 20. Jahrhundert erschütterten, standen sich die Nationen als direkte Rivalen gegenüber. Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte Robert Schuman, damals Außenminister Frankreichs, ein Konzept, das die Zusammenlegung der Stahl- und Kohleproduktion beider Länder vorsah.
Vereinte Stahl- und Kohleindustrie als Konfliktprävention
Als Robert Schuman dieses Konzept auf einer Pressekonferenz am 9. Mai 1950 in Paris vorstellte, stand am Anfang seiner Deklaration die Idee, ein vereintes, friedliches Europa zu schaffen. Ein damals hochgestecktes Ziel, mussten die europäischen Nationen doch auf Jahrhunderte voller Konflikte zurückblicken, die nicht selten in kriegerischen Auseinandersetzungen mündeten und ihre Höhepunkte in den beiden Weltkriegen fanden. Dabei waren Frankreich und Deutschland in beiden dieser großen Kriege unter den Hauptakteuren. Für Schuman war klar, dass die Basis für dauerhaften Frieden in Europa nur dadurch geschaffen werden konnte, dass zwischen Deutschland und Frankreich eine gesicherte wirtschaftliche Zusammenarbeit eingeleitet würde. Dabei war es nicht zuletzt die Tatsache, dass die Bundesrepublik sich zu dieser Zeit in einem starken wirtschaftlichen Aufschwung befand, die ihn zu diesen Überlegungen bewogen. Vor allem Frankreich, aber auch andere europäische Nationen beobachteten diese Entwicklung mit einem gewissen Grad an Sorge, aufgrund der Gefahren, die in früheren Zeiten von Deutschland ausgingen. Der Grundgedanke Schumans war, dass die Zusammenlegung der Stahl- und Kohleproduktion einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland verhindern würde, nicht nur aufgrund der engeren diplomatischen Beziehungen, sondern vor allem dadurch, dass die beiden wichtigsten Rohstoffe der Rüstungsindustrie unter gemeinsamer Administration stehen würden.
Der Schuman-Plan als Grundlage wirtschaftlicher Vereinigungen innerhalb Europas
Die Deklaration war jedoch weit mehr als ein Plan zu bloßen Kriegsprävention. Das Konzept war von Anfang an so gestaltet, dass anderen Staaten der Beitritt ermöglicht wurde. Bereits kurz nachdem der Plan vorgelegt wurde, traten außer Frankreich und Deutschland noch die Benelux-Staaten und Italien in die Verhandlungen ein. Am 18. April 1951 wurde auf Grundlage des Schuman-Plans die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegründet. Es wurde eine gemeinsame Aufsichtsbehörde eingerichtet, die die Einhaltung von vorher festgelegten Produktionsstandards in den Mitgliedstaaten überwachen sollte. Schuman hatte in seiner Erklärung bereits bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten in Kohle- und Stahlindustrie gefordert. Diese wurden später innerhalb der der EGKS auch durchgesetzt und trugen somit wesentlich zu einer Humanisierung dieser Industriezweige bei, in denen bis dahin oftmals unter katastrophalen Bedingungen gearbeitet wurde. Weiterhin war es ein erklärtes Ziel des Schuman-Plans, die Wirtschaftskraft der Mitgliedstaaten zu stärken. Investionspläne und gemeinsame Exportstrategien wurden entwickelt, wobei sich die teilnehmenden Nationen immer näher kamen.
Schumans Vision von einem vereinten Europa wurde Wirklichkeit
Obgleich der französische Außenminister in seiner Deklaration vom 9. Mai 1950 lediglich die Zusammenlegung der Kohle- sowie Stahlproduktion Frankreichs und Deutschlands forderte, träumte er schon damals von größeren Zielen. Er wünschte sich ein vereintes Europa, das endlich in der Lage sein sollte, mit seiner düsteren, von Kriegen gezeichneten Vergangenheit abzuschließen und in eine hoffnungsvolle Zukunft zu blicken. Schuman hoffte auf mehr Solidarität. einerseits unter den europäischen Nationen, andererseits auch zwischen Europa und Afrika. Er hatte erkannt, dass wirtschaftliche Kooperation eine wichtige Basis für die Stärkung internationaler Beziehungen ist. Blickt man heute auf Europa, kann man sagen, dass Schumans Ideen auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Mittlerweile sind viele weitere Industrie- und Wirtschaftszweige einzelner Länder in der Europäischen Union mit denen anderer Nationen verzahnt. Den Grundstein hierfür legte Robert Schuman im Jahr 1950.
