Der Schwede Tomas Tranströmer erhält Literaturnobelpreis 2011

Damit hätte wohl keiner ernsthaft gerechnet: Der Nobelpreis für Literatur geht 2011 an Tomas Tranströmer, einen Lyriker, der in Deutschland kaum bekannt ist

Obwohl er seit vielen Jahren als Anwärter auf den Preis galt, sind viele doch überrascht, dass in diesem Jahr der Schwede Tomas Tranströmer den Literaturnobelpreis erhalten hat. Sein Werk ist zwar auf Deutsch übersetzt und im Hanser Verlag erschienen und auch im englischsprachigen Ausland gilt er als ein bedeutender skandinavischer Autor, doch eine breite Öffentlichkeitswirkung hat er noch nicht entfaltet. Der wohl bekannteste deutsche Kritiker und Polemiker Marcel Reich-Ranicki war einer der ersten, der seine Unkenntnis des Werkes des neuen Preisträgers bekannte. Nun ist dies nicht das erste Mal, dass Reich-Ranicki die Wahl von Preisträgern kritisiert. Von le Clézio hatte er auch schon nichts gehört und chinesische und türkische Literatur interessiere ihn grundsätzlich nicht. Doch in diesem Jahr spricht der Literaturexperte wohl auch vielen Lesern aus der Seele.

Die Nobelkommission begründet ihr Urteil damit, dass Tranströmer uns in seiner verdichteten, bildreichen Sprache einen neuen, frischen Blick auf die Realität gebe. Doch dieses "uns" beschränkt sich wohl auf einen eher kleinen Kreis von Liebhabern von Tranströmer Lyrik sowie der schwedischen Leserschaft. Eine Preisvergabe für einen schwedischen Landsmann in erster Linie also? Dieser bitteren Vermutung muss sich die Nobelkommission nun stellen. Seit dem Romancier Eyvind Johnson, Nobelpreisträger im Jahr 1974, hat kein Schwede mehr den Preis gewonnen. Hinzu kommt, dass Tranströmer schon seit über 40 Jahren schriftstellerisch tätig ist und seit 20 Jahren schon heimlich, ja sogar seit 10 Jahren wohl nicht mehr, auf den Preis gehofft hat. Seine "sämtlichen Gedichte" erschienen auf Deutsch in den 1990er Jahren. Die Bekanntheit Tranströmers scheint ihren Zenit also längst überschritten zu haben. "Frische" Blicke auf die Realität, von denen die Kommission spricht, sind in diesem Fall wohl nicht mehr ganz so frisch.

Das Wesen des Dichters und das Wesen der Literatur

Die Diskussion um den neuen Träger der hoch dozierten und wohl bekanntesten internationalen Auszeichnung für Literatur ist vielstimmig. Doch nur wenige Stimmen treten für das ein, was den Gegenstand eigentlich ausmachen sollte, die Literatur und der Frage danach, was sie bewirken kann und soll. Die Qualität von Tranströmers Lyrik wird nicht in Frage gestellt. Einige sagen, Tranströmer trete mit seinem schmalen Werk gegen die Überproduktion im Literaturbetrieb an. Andere betonen die motivische Dichte, mit der der ausgebildete Psychologe das Wesen des Menschen im Innersten erforsche. Sowohl die Kritik an herrschenden Bedingungen, wie der Ausdruck psychologischer Beschaffenheit des Menschen sind wichtige Aspekte von Literatur. Doch was erreicht eigentlich Literatur, die nur wenige Leser erreicht?

Gerade mit der Vergabe eines Preises, der die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit so sehr auf sich zieht wie der Nobelpreis, kann vor allem erreicht werden, dass der Fokus der Menschen gelenkt wird. Viele werden jetzt beginnen Tranströmer zu lesen. Nun kann sein Einfluss wachsen. Ein schwedischer Poet steht nun im Mittelpunkt des Interesses. In den letzten Jahren hat die Nobelkommission auf diese Weise immer wieder Aufmerksamkeit auf Autoren gelenkt, die aus Ländern kamen oder über Themen schrieben, die im europäischen Bewusstsein zu Unrecht eine Randbedeutung zugeschrieben bekamen. Die Vergabe 2010 lenkte den interessierten Leser auf die Spuren südamerikanischer Erzähltradition, geehrt wurde der äußerst beliebte Mario Vargas Llosa. 2009 brachte Hertha Müller das Leben in einer deutschen Minderheit im Ausland zu Kriegsbeginn näher. Auch 2006 wurde mit Orhan Pamuk ein Autor ausgezeichnet, der den Horizont der europäischen Leser mit seinen modern-orientalischen Romanen erweitert hat. Es bleibt nur zu hoffen, dass der neue Preisträger etwas ähnliches zu vollbringen vermag.

Ein Dichter braucht auch Leser

Auch wenn die Lyrik des Nobelpreisträger ab heute mehr Leute erreichen wird, so bleibt die Frage bestehen, ob er in ähnlicher Weise für eine Kultur steht wie Vargas Llosa, Müller und Pamuk. Tranströmer kennt die Psyche der Schweden aus seinem Berufsleben. Er kann also keineswegs als weltfremd abgestempelt werden. Trotzdem steht er nicht gerade für die Besonderheiten der schwedischen Literaturtradition. Diese wird im Blick der internationalen Öffentlichkeit spätestens seit Henning Mankells "Wallander"-Romanen von Kriminalliteratur beherrscht. Gerade die jüngste Vergangenheit hat durch die "Millenium-Trilogie" von Stieg Larsson gezeigt, dass die Schweden auf einzigartige Weise dieses Genre zu anerkannter Literatur machen können. Larsson schrieb sowohl literarisch als auch gesellschaftlich engagiert auf hohem Niveau. Darüber hinaus wurde er gelesen. Überall auf der Welt. Nun ist Stieg Larrsson tot und damit kein realistischer Anwärter auf den Preis, doch hat er gezeigt wo die wahre Wirkungsmacht schwedischer Literatur liegt. Vielleicht, wenn sie mal wieder das Bedürfnis verspürt einen Schweden zu ehren, hat die Kommission ja eines Tages den Mut einen Krimiautor zu wählen. Auf diese Weise würde die Aufmerksamkeit auf wirklich typische schwedische Literatur gelenkt, solche, die nun einmal gerne gelesen wird.

Quellen:

www.nobelprize.org

www.spiegel.de/kultur/Literatur

www.hanser-literaturverlage .de

Tranströmer, Tomas: sämtliche Gedichte; Hanser; 1997; ISBN: 3-446-18961-4; flexibler Einband; 264 Seiten; 19,90 Euro

Mareike Höckendorff, Mareike Höckendorff

Mareike Höckendorff - Ich bin gelernte Buchhändler und habe viele Jahre im Buchhandel gearbeitet. Meine Schwerpunktgebiete waren Kinder- und ...

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