Der Silberschatz: U-101 versenkte in drei Jahren 23 Schiffe

Vor Irland wurde in fast 5.000 Meter Tiefe im Wrack der "Gairsoppa" 200 Tonnen Silber entdeckt. Maritime Details zur Versenkung durch U-101.

Der Silberschatz im Werte von rund 150 Millionen Euro, der kürzlich an Bord des in 4.700 Meter Tiefe "ruhenden" "S.S. Gairsoppa"-Wracks gefunden wurde, und seine bevorstehende Bergung machen weltweit Schlagzeilen. Aber nicht minder interessant und sensationell sind maritime Details, die damit zusammenhängen – und die nicht oder kaum erwähnt werden.

Das Nazi-U-Boot lief zu zehn Feindfahrten aus

Das Unterseeboot U-101, das den britischen Frachter am 17. Februar 1941 gegen 22 Uhr 30 westlich von Irland torpedierte, war auf der Krupp Germaniawerft Kiel gebaut worden und am 13. Januar 1940 vom Stapel gelaufen. Nur zwei Monate nach diesem Stapellauf erfolgte die Indienststellung. Im Verlauf seiner Einsatzzeit ging das Boot – unter verschiedenen Kommandanten – auf insgesamt zehn Feindfahrten. Dabei versenkte U-101 23 Schiffe mit zusammen 118.529 BRT (Bruttoregistertonnen), zwei weitere Schiffe wurden beschädigt. Im November 1940 übernahm Kapitänleutnant Ernst Mengersen – damals 28 Jahre alt – das Kommando. Unter ihm und auf seiner sechsten Feindfahrt traf das Boot am 17. Februar 1941 auf den britischen Dampfer "Gairsoppa". Der war auf dem Weg von Kalkutta nach London und beladen mit Roheisen, Tee sowie Silber in Form von Barren und Münzen – jenem Schatz, der jetzt wahrscheinlich kurz vor seiner Bergung steht. Kapitänleutnant Mengersen feuerte gegen 22 Uhr 30 vier seiner 14 zur Verfügung stehenden Torpedos ab. Ein Torpedo traf das britische Frachtschiff mittschiffs. Das geht aus Berichten der "New York Times" und der "Washington Post" hervor.

Beim Untergang der "Gairsoppa" fanden 84 Seeleute den Tod

Die "Gairsoppa" sank innerhalb von nur 20 Minuten. Nicht einmal ein Notruf konnte abgesetzt werden, auch weil die Antenne bei der Torpedoexplosion zerstört worden war. Die Besatzung begab sich in die Rettungsboote, die aber in der stürmischen See keine Chance boten. 84 Seeleute fanden den Tod. Die "Gairsoppa" war 1919 unter dem Namen "War Roebuck" in Dienst gestellt worden und gehörte der British India Steam Navigation Company, die den 5.000-Tonner vorwiegend im Fernen Osten und an Ostafrikas Küsten einsetzte. 1940 wurde das Schiff von der britischen Regierung requiriert und dem Kriegstransportministerium unter dem neuen Namen "Gairsoppa" unterstellt. Vergleichbares geschah mit rund 103 Frachtern der Britisch India Company – bis Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 waren von dieser Flotte 51 Schiffe verloren gegangen, wobei 1.083 Seeleute ihr Leben verloren. Von Kalkutta bis ins westafrikanische Freetown/Sierra Leone war die "Gairsoppa" 1941 allein unterwegs. In Freetown stieß sie auf den militärisch abgesicherten Konvoi SL-64. Den musste sie aber am 14. Februar 1941 verlassen, weil sie bei schwerer See dessen Geschwindigkeit nicht mehr einhalten konnte. Außerdem gingen ihre Kohlevorräte zu Ende. Ihr Kapitän wollte deshalb den westirischen Hafen Galway ansteuern. Da wurde sie von U-101 entdeckt.

Die Schatzsucher dürfen 80 Prozent behalten

Die seit ihrer Gründung 1994 in Tampa/Florida ansässige Aktiengesellschaft Odyssey Marine Exploration – seit 1997 an der Börse notiert – ist ein reines Schatzsucheunternehmen. Es wurde 2003 weltweit bekannt, weil seine Experten den 1865 vor der Küste des US-Bundesstaates Georgia gesunkenen Schaufelraddampfer "Republic" bergen konnten. Im September 2011 teilte das Unternehmen mit, die "Gairsoppa" 550 Kilometer vor der irischen Küste entdeckt zu haben. Dabei kam ein ferngesteuertes U-Boot zum Einsatz. Seine Sonaraufnahmen haben das Wrack einwandfrei als das der "Gairsoppa" identifiziert. In diesem Wrack, so teilte das Unternehmen in Tampa mit, "befindet sich der größte bisher bekannte Unterwasser-Schatz" – eben die knapp 200 Tonnen Silber. Das von Odyssey Marine eingesetzte Robot-Unterseeboot konnte in dem Wrack bisher noch kein Silber entdecken – wohl aber jede Menge Tee, der laut Londoner Frachtgutdokumenten ebenfalls von Indien nach Großbritannien befördert werden sollte. Ein Sprecher von Odyssey Marine telefonisch aus Tampa: "Das Silber wurde sicherlich unter den Teeladungen platziert, weil es viel schwerer ist – wir werden es finden und heben". Die Schatzsucher waren clever: Sie handelten mit der Regierung in London aus, dass sie 80 Prozent "aller zu hebenden Werte" behalten dürfen – London begnügt sich mit 20 Prozent.

U-Bootkommandant starb 1995 in Dortmund

Ernst Mengersen hatte nach langer Marineausbildung und Positionen auf verschiedenen Kriegsschiffen – darunter dem Panzerschiff "Admiral Scheer" – am 3. November 1940 das Kommando auf U-101 übernommen. Er blieb bis Ende 1941 auf diesem Posten. Während dieser Zeit unternahm er mit diesem Boot sechs Feindfahrten. Dabei versenkte er acht Frachtschiffe sowie den britischen Zerstörer "Broadwater". Dafür erhielt er das Ritterkreuz. Als Chef der 15. U-Bootflotille geriet Mengersen am 9. Mai 1945 im norwegischen Kristiansand in britische Gefangenschaft, aus der er Anfang 1946 entlassen wurde. Er starb – 83jährig – 1995 in Dortmund. U-101 wurde am 3. Mai 1945 von den Briten in Neustadt gesprengt.

Zweites Wrack mit Silberschatz entdeckt

Inzwischen hat die floridianische Schatzsucherfirma vor Irland ein zweites Wrack entdeckt, das einen Silberschatz an Bord hat. Es handelt sich dabei um das Passagierschiff "Mantola", das – erst ein Jahr alt – am 4. Februar 1917 den Hafen von London mit Ziel Kalkutta/Indien verlassen hatte. An Bord waren 165 Matrosen und 16 Passagiere. Im Frachtraum lagerten u.a. 600.000 Unzen Silber – heutiger Wert: etwa 18 Millionen Dollar, wie die "New York Times" errechnet hat. Dieser 8.000-Tonner wurde am 8. Februar 1917 von dem deutschen U-81 gesichtet und torpediert. Kommandant des kaiserlichen Unterseebootes war Raimund Weisbach. Bis auf sieben indische Matrosen überlebten alle Personen, weil sie vor dem Sinken des Schiffes die Rettungsboote entern konnten. Sie wurden von dem britischen Schiff "Laburnam", das die Notsignale empfangen hatte, aufgenommen. Den Silberschatz der im Ersten Weltkrieg torpedierten "Mantola" will das Schatzsucherunternehmen Odyssey Marine Exploration ebenfalls im kommenden Jahr heben.

Quellen:

  • New York Times
  • Washington Post
  • persönliche Recherche bei Odyssey
Wolfgang Will, Hermann Streuff

Wolfgang Will - Hallo, Hi, Grüß Gott, Guten Tag: Ich bin Wolfgang Will, Jahrgang 1931. Arbeite derzeit als Freier aus Berlin (Wissenschaft, ...

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