
- Sri Meenakshi Tempel - Wolfgang Emerich
Madurai ist eine der ältesten Städte Südindiens und liegt im Bundesstaat Tamil Nadu. Mit knapp über einer Million Einwohner und einer mehr als zweitausendjährigen Geschichte, beherbergt die Stadt einen Tempel welcher der Gattin des indischen Gottes Shiva geweiht ist. Meenakshi, so der Name von Shivas Gattin, ist diese rechteckige Tempelanlage mit einer Größe von über sechs Hektar gewidmet. Unter den Namen Parvati oder auch Kali ist diese Dame ebenso bekannt und gilt als Urkraft, als Shakti. Vor allem in West-Bengalen wird sie in der Inkarnation der Kali hoch verehrt.
Madurai: Eine Stadt und ihr Tempel
Die Stadt Madurai ist in zwei Teile geteilt. Einer ist die Altstadt, welcher den hier beschriebenen Tempel beherbergt. Der andere Teil wurde von den Briten während ihrer Kolonialherrschaft errichtet. Der Grundriss von Madurai kann als an diesem Tempel ausgerichtet betrachtet werden und mehrere Straßen umziehen dieses Bauwerk ringmäßig. Wahrlich ein schönes Schauspiel, die devote Masse der Pilger vor dem bunten Tempel und seinen vier Tortürmen vorbeiziehen zu sehen. Solche Türme - die Eingang zum Tempel gewähren - werden als Gopurams bezeichnet. Durch sie kann der Besucher aus jeder Himmelsrichtung eintreten. Wie üblich in einem Tempel hat man sich vor Eintritt der Schuhe zu entledigen. Ebenso ist es nicht gestattet, in unpassender Kleidung aufzutreten. Vor den Eingängen hat der Besucher die Möglichkeit sein Schuhwerk gegen ein kleines Entgelt in dafür vorhandenen Buden abzugeben.
Die erwähnten Gopurams sind nach oben hin etwas schmaler werdende Türme mit einer Vielzahl an Dämonen, Götterfiguren und Tempelwächtern. Diese schauen in den unterschiedlichsten Farben und Grimassen auf die Pilger und die besuchenden Touristen herab. Es hat den Anschein, dass sie so manchen Touristen mit ihren Blicken auf entsprechendes Verhalten hinweisen. Die schrille Buntheit ist nicht Willkür der indischen Restauratoren, sondern im Großen und Ganzen der ursprünglichen Gestaltung des Tempels entsprechend. Der älteste Teil des Meenakshi Tempels datiert aus dem zwölften Jahrhundert und die Form wie er sich heute darstellt, lässt sich bis ins sechzehnte Jahrhundert rückverfolgen. Zwischen dem fünfzehnten und siebzehnten Jahrhundert wurde der Tempel erweitert. Es war die Epoche der Herrschaft von Militärstatthaltern, welche Nayaks genannt wurden. Für kurze Zeit ist Madurai auch ein Sultanat gewesen.
Pilgerschaft und Touristenstaunen
Die tagtäglich in die Zehntausend gehende Pilgerzahl und die unterschiedlichsten Gründe ihrer Wallfahrt ergeben - gepaart mit Wetter und Tageszeit - ein wunderschönes Gesamtbild. Am Tempelteich, der Teich des Goldenen Lotus, kann man dieses Treiben in Ruhe genießen. Frisch vermählte Paare, welche um das Glück ihrer Zukunft bitten, geschäftige aber in ihren Blicken stoische Brahmanen, die zu ihren Pujas gehen oder von ihnen kommen und die üblichen Pilger, die Shiva und Parvati ihre Aufmachung erweisen. Der Tempel als sozialer Mittelpunkt des Gläubigen erschließt sich hier dem Beobachter. Stundenlang kann man an diesem umtriebigen Ort seine Runden drehen. Staunen und sich an manchem Orte zu Ruhe setzen und dem Geschehen auf diese Weise beiwohnen. Hat man Glück, so kann einem einmaligen Spektakel beigewohnt werden. Jeden Abend wird in einem Umzug der Shiva Lingam zur Nachtruhe gebracht. Dieses Phallussymbol - welches die Schaffenskraft Shivas symbolisiert - und der Lärm um dieses Geschehen zeigen die Kraft, welche auf die Gläubigen in solchen Situationen wirken muss.
Im gemächlichen Schritt und mit offenen Sinnen ist das Tempelareal zu erforschen. Doch sei es aneraten hin und wieder das Haupt zu heben und an die Decke zu schauen, um etwaige Deckengemälde nicht zu übersehen. Doch sollte man als Reisender auch nicht zu sehr den Blick nach oben verlieren, denn sonst übersieht man die vielen großen und kleinen Nischen hinduistischer Spiritualität. Ein Beispiel ist der Sundareshvara Schrein, der größte Schrein im Tempel. Hier befinden sich zwei große Statuen von Ganesha, dem Sohn von Shiva und Parvati, und Hanuman, dem Gott mit dem Affengesicht, der im hinduistischen Epos Ramayana den Kampf gegen den Dämon Ravana aufnahm. Nicht zu vergessen zwei Statuen die Shiva und Kali darstellen und gerne mit Butterkügelchen durch die Pilger beworfen werden. Diesem Brauch wurde in den letzten Jahren aber Einhalt geboten. Ein säuerlicher Buttergeruch lag schwer in der Luft - je näher man den beiden Statuen kam.
Der Eintritt ins innere Heiligtum: For Hindus Only!
Der Hauptteil des Sundareshvara Schreins - der als das Innerste des Heligtums angesehe wird - ist nur für Hindus zugänglich. Ebenso ist dies im Meenakshi Schrein der Fall. Nach oben hin abgeschlossen und von außen erkennbar sind diese beiden Schreine durch ihre Goldhauben. Diese sind von den Dächern der gegenüberliegenden Geschäftshäuser ideal zu betrachten und für ein Bild ist diese Aussicht mehr als schön. Es zahlt sich also manchmal durchaus aus, dem freundlichen Geraune so mancher Schlepper folge zu leisten und sich mitnehmen zu lassen in eines der vielen Antiquitätengeschäfte. Mit einem Lächeln auf den Lippen und dem Dank für diesen Ausblick ist es kein Problem, das jeweilige Geschäftslokal ohne Einkauf zu verlassen.
Neigt sich der Tag dem Ende zu, so lassen sich die erlebten Eindrücke am Besten auf einem Dachrestaurant verarbeiten. Der Genuss eines Thalis und dabei den Blick auf den im Sonnenuntergang schimmernden Tempel gerichtet. Vielleicht dazu noch ein Kingfisher Bier und mit der üblichen indischen Geräuschkulisse im Hintergrund - so kommt der Reisende mit seinen Sinnen voll und ganz auf seine Rechnung.
Quellen:
- Reise Know How, Indien der Süden, Martin und Thomas Barkemeier, 2006
- Diederichs gelbe Reihe, Hinduismus, Die große Religion Indiens, Vanamali Gunturu, 2000
