"Der Stuttgarter Bauzaun": Ein Buch zeigt den Protest am Zaun

Der Stuttgarter Bauzaun im Bild - Silberburg Verlag
Der Stuttgarter Bauzaun im Bild - Silberburg Verlag
Ob Jesus, Rambo, Halbdaggl - für alle war Platz am Stuttgarter Bauzaun. Nun dokumentiert ein Bildband mit Textbeiträgen das Spektrum des Protests am Zaun.

Erst war er nackt und bloß, dann wurde er von vielen, die ihren Protest gegen Stuttgart 21 ausdrücken wollten mit Bildern, Sprüchen und Gedichten eingekleidet. So wurde er allmählich zum Kummerkasten, zur Wandzeitung, zum Beweis lebendigen Bürgertums und schließlich wurde er zu einem Kunstwerk erklärt: der Stuttgarter Bauzaun. Inzwischen gilt er als museumsreif und so werden die Exponate derzeit feingemacht, damit sie noch im Jahr 2011 im Stuttgarter Haus der Geschichte gezeigt werden können. Bereits jetzt und zwar schon in 3. Auflage, sind sie im Bildband „Der Stuttgarter Bauzaun – Phantasie des Protests“ zu sehen. Herausgeber des im Tübinger Silberburg Verlag erschienenen Buches sind Sybille und Ulrich Weitz.

Kunsthistorische Führungen am Bauzaun

Ulrich Weitz, studierter Kunsthistoriker, der gemeinsam mit seiner Frau Sybille ein Reiseunternehmen führt, machte Urlaub in Alaska, als er aus dem Internet erfuhr, dass in Stuttgart der Teufel los ist. Er sah den bereits behängten Zaun und erklärte ihn wohl für sich sofort zum Kunstobjekt. Kaum zurück, veranstaltete er seine erste Führung am Zaun. So in etwa schildert der Textbeitrag „Bauzaun und Bürgergarten“ die Geschichte. Er stammt von Ulla Lachauer und ist die erweiterte Fassung eines Artikels, der im November 2010 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien. Die Autorin berichtet darin über die Proteste am Bauzaun und im dahinter liegenden Schlossgarten. Zwei weitere Textbeiträge liefern Rita E. Täuber, Kuratorin der Heilbronner Museen und der Literaturwissenschaftler Michael Kienzle. Täuber sieht in dem Zaun eine soziale Plastik im Sinne Josef Beuys‘, Kienzle schildert, wie der Zaun zum Medium der Demokratie wurde.

Das Buch enthält außerdem kurze Kommentare zu S 21 von Protestierenden und Teilnehmern an den Führungen. Sie lassen sich meist nicht einzelnen Fotos zuordnen, sondern zeigen einfach die Empörung, Trauer oder Enttäuschung der Menschen, aber auch Stellungnahmen von Behörden sind darunter. Den Hauptteil des Buches machen jedoch die Fotografien von Ulrike Mössinger und Heike Brantsch aus. Insgesamt zeigen die Fotos ein breites Spektrum der Protestmanifestationen vom Sponti-Spruch bis zur Installation im Schlossgarten. Da ist etwa das Große Landeswappen Baden-Württembergs zu sehen, als Schildhalter dienen jedoch nicht Hirsch und Greif, sondern zwei Bananen und statt den drei schwarzen Löwen sind auf dem Schild drei Gurken abgebildet. Darüber steht „Wir können alles. Außer Demokratie!“ Zu sehen ist auch Dagobert Duck, wie er seinen Panzerschrank schließt und voll Freude feststellt: „Genau 324 Pauschalliarden, 783 Schwindillionen und 93 Kreuzer! Und der ganze Mammon in Betontunnels mit halbierter Wandstärke sicher versenkt!“

Von Lucky Luke bis Fassbinder

Während sich der eine an Comics orientiert – auch Lucky Luke kommt zu Ehren – greifen andere auf die Filmkunst zurück. „Dunkelmänner essen Bahnhof auf“ nennt ein Fassbinder-Fan seinen Beitrag zum Protest. Auch s‘ Äffle und s‘ Pferdle, die zwei Werbepausenfiguren des SWR hat jemand auf einem Plakat abgebildet. Sie wurden an einen Baum gekettet und darüber steht „Zwei neue Chaoten unter den Parkschützern!“. Wer die beiden kennt, weiß, dass sie an Harmlosigkeit kaum zu überbieten sind und das, wo die Parkschützer nach Meinung der S 21-Verantwortlichen doch gefährliche Randalierer sind.

Wieder andere nehmen die Geschichte zu Hilfe. „Der Cäsarenwahn wird bald ein Ende haben – Hüte dich vor den Iden des März 2011“, heißt ein Kommentar zu Stefan Mappus im Cäsarengewand. Ein anderer Bildbeitrag zeigt „Rex Mappus 21“. Körper und Haartracht gehören dem dicken Friedrich, von 1806 bis 1816 erster, sehr machtbewusster, König von Württemberg, das Gesicht allerdings gehört Stefan Mappus. Vom Halbdaggl gehört der ganze Kopf dem Landesfürsten, der Rest einem Dackel. Ein halber Dackel ist immerhin kein ganzer, könnte meinen, wer die Schwaben nicht kennt. Doch unter den schwäbischen Schimpfwörtern ist Halbdaggl die Steigerungsform von Daggl.

Insgesamt sieht man beim Blick auf die Fotos, dass am Zaun neben originellen Beiträgen auch arg Grobschlächtiges, Polemisches und Banales hing. Subtile Kunst ist etwas anderes. Von Bürgern, die an einem Bauzaun ihren spontanen Protest äußern, darf man eine solche allerdings auch nicht erwarten. Zu erwarten wäre vielleicht gewesen, dass das Buch hierzu eine stärkere Einordnung vornimmt. Daran kann ja das Haus der Geschichte noch arbeiten.

Ulrich und Sybille Weitz (Hg.): Der Stuttgarter Bauzaun. Mit Fotografien von Ulrike Mössinger und Heike Brantsch. Silberburg 2011, 3. Auflage. Gebundene Ausgabe, 96 Seiten. 15 Euro.

Angela Fehr - Geboren und aufgewachsen im "Ländle", zog ich später nach München, wo ich eine schöne Zeit verbrachte und an der LMU ...

rss