Der facettenreiche und wandlungsfähige Matt Damon in der Hauptrolle, Jude Law, Cate Blanchett und Gwyneth Paltrow in der weiteren Besetzung und fünf Oscarnominierungen: Anthony Minghellas „Der talentierte Mr. Ripley“ von 1999 liefert 139 Minuten Spannung und Dramatik.

Die Kunst zu lügen und ihr Preis

„Jeder Mensch sollte ein Talent haben. Welches hast du?“ – „Unterschriften fälschen, Lügengeschichten erzählen, außerdem kann ich praktisch jeden imitieren.“ Gestatten: Das ist Mr. Tom Ripley (Matt Damon). Die Erzählung lässt sich besser mithilfe dessen schildern, was der besitzlose Klavierstimmer nicht ist. Er ist kein Princetonabsolvent. Wegen einer geliehenen Jacke der Eliteuniversität hält der Schiffsbaumagnat Herbert Greenleaf (James Rebhorn) Tom für einen Studienfreund seines Sohnes Dickie (Jude Law). Der Klavierstimmer steigt darauf ein. Er lügt. Dies bringt ihn nach Italien, wo er auf Kosten des besorgten Vaters den verlorenen Sohn zur Rückkehr überreden soll. Tom hört keinen Jazz. Sein antrainiertes Wissen und die vermeintliche Leidenschaft lassen Dickies Sympathien gegenüber dem Gast steigen. Tom Ripley ist nicht Greenleaf Junior. Dennoch nimmt er seine Identität an, nachdem er den mittlerweile geliebten Freund, von ihm gekränkt und verstoßen, ermordet hat.

Immer weiter spinnt der Protagonist sein Lügennetz. Immer verworrener werden die Fäden. Er scheint, sie in der Hand zu halten. Er hat das Talent dazu. Stets aufs Neue glaubt der Zuschauer, dass der Moment der Entlarvung unausweichlich gekommen sei. Er wird von Toms Fähigkeit, sich schnell und mit einer plausiblen Erklärung aus der Affäre zu ziehen, seiner Bereitschaft, über Leichen zu gehen oder dem schlichten Zufall eines Besseren belehrt. Letztendlich verfängt Tom sich in den selbst gewebten Maschen.

Die Hauptfigur hält zu zwiespältigen Gefühlen an. Das Publikum wird mit einem jungen Mann konfrontiert, der „Wer“ sein will. Mag es seinen ärmlichen Verhältnissen, dem Gefühl der Bedeutungslosigkeit oder einer Beklommenheit über die nicht erwiderte Homosexualität geschuldet sein, aus der Haut von Tom Ripley möchte er heraus. Er strebt nach Wertschätzung und Zuneigung. Die Zuwendung, die er durch den eitlen, sorglosen Beau und Lebemann Dickie erfährt, genießt er. Doch Tom steigert sich zu sehr in ihre Beziehung hinein, wird zur Klette für den selbstbewussten Schönling. Lügen und Töten symbolisieren Akte der Verzweiflung. Diese Perspektive eines sehnsüchtigen Mannes, der unter seinen Taten leidet, erregt Bedauern und Mitgefühl. Gleichzeitig entwickelt der Lügner, nach dem emotionalen Mord an seinem „Bruder, den er nie hatte“, eine stetig wachsende Skrupellosigkeit, Routine und, wenigstens temporäre, Kälte in dem doppelten Spiel. Der Zuschauer wird von dem Charakter, dem alle Mittel recht sind, befremdet und abgestoßen.

Fliegender Wechsel der Identität in Minghellas Krimidrama

Neben dem beachtenswerten Einsatz der Musik, die es auditiv untermalt, wenn sich eine Möglichkeit zur profitablen oder rettenden Lüge bietet, dominieren zwei visuelle Motive die „Lügengeschichte: Brille und Spiegel. Tom Ripley trägt ein wuchtiges Sehgestell, das ihm die Note eines unsicheren Schuljungen verleiht. Als Dickie es aufsetzt, kommentiert Tom, der Millionärssohn sehe mit Brille aus wie Clark Kent, ohne wie Superman. Glaubt der Klavierstimmer, er verwandle sich selbst in einen Superhelden, wenn er sich dieses Utensils entledigt? Zumindest legt er sie ab, wenn er in die Rolle des Dickie Greenleaf schlüpft und strahlt Selbstbewusstsein sowie Stärke aus. Die übrigen Figuren, die ihm mehrmals in brenzligen Situationen begegnen, sprechen ihn auf die Veränderung durch die fehlende Brille, die neue Kleidung und das ungekannte Auftreten an. Dem Publikum dient das Tragen oder Nichttragen als Orientierungspunkt, wen der Protagonist gerade verkörpert: seine verachtete wahre Identität oder den namhaften, betuchten und beliebten Dickie. Die Tatsache, dass der Indikator mit der Zeit weniger zuverlässig wird, weist auf den inneren Wandel des zentralen Charakters hin und das Verschwimmen dessen, was er spielt und was er ist. Auch als Tom Ripley zeigt er mehr Sicherheit und Souveränität.

Der Blick in einen Spiegel visualisiert so gut wie kaum etwas anderes die Frage nach und Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Zahlreiche Spiegel tauchen im Laufe des Filmes auf. Mal blickt Tom gezielt hinein, mal zeigt die Kamera dem Zuschauer das Spiegelbild der Hauptfigur, unter anderem ein verzerrtes. Wer ist dieser junge Mann? Ist es noch klar und unverschwommen auszumachen? Mit welchem Namen und welchen Charaktereigenschaften wird er weiterleben oder enden? Es existieren viele Bilder und Facetten Toms. Er ist verwirrt und entschieden, sensibel und abgebrüht, Suchender und Gejagter. Er hält sich für einen Niemand, andere erachten ihn als außergewöhnlich. Sein Talent, alle auszutricksen, unterstützt die Ansicht. Eines teilt der meisterhafte Lügnerin seinen ehrlichen Anfangsworten mit: „Könnte ich nur alles auslöschen, angefangen mit mir selbst.“

„Der talentierte Mr. Ripley“; Das Vierte: 4. Juni 2010, 20:15 Uhr

Originaltitel: The Talented Mr. Ripley

USA 1999; 139 Min.; Miramax

P: Tom Sternberg, William Horberg, Sydney Pollack

R: Anthony Minghella

Db: Anthony Minghella

K: John Seale

S: Walter Murch

M: Gabriel Yared

D: Matt Damon, Gwyneth Paltrow, Jude Law, Cate Blanchett, Philip Seymour Hoffman[1]

Quellen:

Bildnachweis: © Schakatak / PIXELIO'. Verfügbar unter: www.pixelio.de.

[1] Vgl. Filmlexikon Filme von A-Z: Der talentierte Mr. Ripley.