"Der Tintenfisch und der Wal": Scheidungsdrama von Noah Baumbach

Der Tintenfisch und der Wal - Sony Pictures
Der Tintenfisch und der Wal - Sony Pictures
Eine Kritik des hochkarätig besetzten Independentfilms "Der Tintenfisch und der Wal" von 2005, in dem Regisseur Baumbach seine eigene Erfahrung verarbeitet

Schon in der ersten Szene wird prägnant deutlich, dass die hier gezeigte Familie nicht gerade von Harmonie geprägt ist: Vater Bernard, Mutter Joan und die beiden Teenagersöhne Walt und Frank spielen im Doppel Tennis, doch nicht in spielerischer Einigkeit, sondern vor allem von Bernards Seite aus in aggressiver Gewinnsucht. Das Match endet schließlich abrupt als Bernard seiner Frau "aus Versehen" einen Ball an den Kopf schlägt. Diese kurze Eingangsszene fasst alle später relevanten Aggressionen, Unzufriedenheiten und ungerechten Sympathieverteilungen in der Familie auf meisterhafte Weise zusammen (wie übrigens auch die herrlich gewählte Titelmetapher). Die Szene stellt schließlich nur den Übergang dar zur bald folgenden Trennung der Eltern, die natürlich für den Zuschauer wenig überraschend kommt, die Kinder aber umso schmerzlicher trifft.

Das Scheidungsdrama um Jeff Daniels und Laura Linney nimmt seinen Lauf

Ganz pragmatisch teilen die Eltern Bernard (Jeff Daniels) und Joan (Laura Linney) das Sorgerecht und die Wohnverhältnisse ihrer Jungs auf. Nachdem Bernard ausgezogen ist, müssen der 16-jährige Walt (Jesse Eisenberg aus "Adventureland") und der 12-jährige Frank (Owen Kline) jeden Tag zwischen den beiden "Elternhäusern" hin- und herziehen, je nachdem welches Elternteil den Tag mit den Kindern gerade beansprucht. Diese heikle Situation reizt die Nerven aller Beteiligten, vor allem als Bernard versucht, die Jungen gegen Joan aufzubringen, indem er ihnen von ihrer langjährigen Affäre erzählt. Walt wendet sich daraufhin wütend von ihr ab.

Doch jenseits der Familienkrise hat jedes Mitglied noch sein eigenes Päckchen zu tragen. Bernard, Literaturdozent und intellektueller Snob, hat mit seinen Büchern längst keinen Erfolg mehr und hadert mit der Bedeutsamkeit seines Werks und der eigenen Existenz, vor allem als er später neidverzehrt erfährt, dass Joan erfolgreich eine Kurzgeschichte und einen ersten Roman herausbringen konnte. Dann kommt auch noch vorübergehend eine seiner Studentinnen (Anna Paquin aus "Das Piano" und "True Blood") bei ihm unter, deren Annäherungsversuchen er sich nur schwer erwehren kann.

Joan schließlich wirft sich in eine Affäre nach der anderen und landet letztendlich bei Franks Tennislehrer Ivan (William Baldwin), den Bernard für einen unwürdigen Idiot hält, wodurch sie sich dessen stichelnden Vorurteilen, denen sich schnell auch Walt anschließt, stellen muss.

Jesse Eisenbergs Teenagerprobleme in "Der Tintenfisch und der Wal"

Daneben haben auch die beiden Teenager so ihre eigenen altersbedingten Probleme. Walt eifert angestrengt der intellektuellen Vorleistung seines Vaters nach, gibt bei einem Talentwettbewerb in der Schule ein Lied von Pink Floyd als sein eigenes aus, was ihm nach anfänglicher Bewunderung natürlich später Probleme einbringt, und hadert damit, ob seine erste Freundin seinen Ansprüchen genügt.

Frank, der unter der Situation wohl am meisten leidet, wird zunehmend von den Eltern im Stich gelassen, erkundet seine Sexualität, was ihn dazu bringt, sein Sperma an diversen Stellen in seiner Schule zu verteilen, fängt an zu trinken und scheint immer mehr zu verwahrlosen, da die Erwachsenen zu sehr mit ihren Problemen beschäftigt sind um seine wahrzunehmen.

Nur allmählich werden die vier der Probleme der anderen gewahr und beginnen, sich in deren Lage zu versetzen. Ein wahrhaft versöhnliches Ende ist zwar nicht in Sicht, doch bietet das letzte, außerordentlich schöne Bild eine wunderbare Verbindung von Konflikt, Sehnsucht, Nostalgie und Nähe.

"Der Tintenfisch und der Wal" von Noah Baumbach und Wes Anderson: Verarbeitung eigener Erinnerungen

Es ist kein Geheimnis, dass Regisseur Noah Baumbach seine eigene Vergangenheit in dem in den 80ern angesiedelten Film thematisierte. Seine Eltern, ein Schriftsteller und eine Filmkritikerin, ließen sich scheiden als er ein Teenager war. Er ist daher ebenso wie die beiden Jungen in seinem Film geprägt von einer intellektuellen und emotional angespannten Familienatmosphäre. Auch die Handschrift des produzierenden Wes Anderson ist deutlich zu erkennen. Wes Andersons Lieblingsthematik ist die bizarre dysfunktionale amerikanische Familie, zu sehen etwa in "Die Royal Tenenbaums" (2001) und sogar in dem Trickfilm "Der fantastische Mr. Fox" (2009). Nichts anderes porträtiert auch "Der Tintenfisch und der Wal".

Independentfilm mit feinen Überzeichnungen, exakter Beobachtung und großartigen Darstellern

"Der Tintenfisch und der Wal" ist sicherlich ein prototypischer Scheidungsfilm, der die Krise, die eine solche Trennung innerhalb eines etablierten Gebildes auslöst präzise zeichnet. Doch liegt seine Stärke noch viel mehr in den Einzelschicksalen, in den individuellen Problemen der einzelnen Protagonisten, die durch den zentralen Konflikt nur zusammen gehalten werden. Zwar sind die Handlungen der Figuren teils leicht überzeichnet und vielleicht einen Tick zu neurotisch, machen aber dennoch überzeugend eine Ausnahmesituation deutlich.

Dabei sind einzelne Charakterzüge äußerst exakt beobachtet, wie die intellektuelle Arroganz des Vaters, die er unwillkürlich an den einen Sohn weiter gibt, während er den anderen Sohn, der lieber Sportler als Intellektueller werden will, fast verspottet. Dabei ist die Sympathie- und Antipathie-Verteilung sehr ausgeglichen. Jeder macht hier Fehler und bereut, jeder ist ein wenig Schuld an der Misere, aber keiner vollständig. Der Film porträtiert Menschen mit all ihren hassenswerten Eigenschaften.

Die Schauspieler verleihen den Charakteren dabei eine unglaubliche Authentizität und Glaubwürdigkeit. Feinfühlig stellen sie sie in allen Hochs und Tiefs, emotionalen Verwirrungen und kleinen Abscheulichkeiten dar. Vor allem Jeff Daniels' und Jesse Eisenbergs Darstellungen bringen den intelligenten Independentfilm erst zu seiner vollen Überzeugungskraft.

Originaltitel: "The Squid and the Whale“

Regie: Noah Baumbach

Produktionsland und -jahr: USA 2005

Filmlänge: ca. 81 Minuten

Verleih: Sony Pictures

Darsteller: Jeff Daniels, Laura Linney, Jesse Eisenberg, Owen Kline, William Baldwin, Anna Paquin, Halley Feiffer